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Das Schwarzkittel-Problem

Die Wildschweine haben sich gut vermehrt. Die Bauern schlagen Alarm. Und der Wolf spielt auch eine Rolle.

Von Steffen Gerhardt

Es duftet süß. Nach Raps. Die goldgelben Pflanzen auf den Feldern in Richtung Nieder Seifersdorf sind für Wildschweine wie ein gedeckter Tisch. Fängt der Raps dann an, unangenehm zu riechen, gehen sie in Weizen- oder Gerstefelder. Später im Jahr sind dann die Maisfelder dran. Für die Landwirte ist das ein Problem, denn eine starke Rotte kann in einer Nacht Schaden von mehreren Tausend Euro anrichten. Das weiß auch Georg Brückner.

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Ihm schlägt deshalb der milde Winter jetzt schon aufs Gemüt: „Ich bewirtschafte 80 Hektar Grünland, von diesen sind rund 30 Hektar durch Wildschweine total geschädigt“, bilanziert er schon jetzt. Mit dem Grünfutter versorgt der Landwirt seine Rinder. Nun muss er um die Qualität des Futters fürchten, sowohl was den Ertrag als auch die Qualität betrifft. Denn gut ein Drittel der Fläche ist für das Futtermachen unbrauchbar geworden – weil die Wildschweine nicht nur Pflanzen wegfressen, sondern den Boden gerne gleich mit umgraben. „Wir müssen den Boden wieder glätten und neu aussäen. Das kostet uns zusätzlich Zeit und Geld“, erklärt Georg Brückner. Wie das Schwarzwild gehaust hat, darüber hat der Thiemendorfer den Bauernverband Oberlausitz informiert. Geschäftsführer Rainer Peter hat sich die Schäden angesehen. Auch für ihn sind sie extrem. „Dadurch, dass die Rotten immer größer werden, die die Wiesen und Felder heimsuchen, steigen auch proportional die Schäden“, ist Rainer Peters Erfahrung. Und durch Fruchtfolgen erwischt es nahezu alle Landwirte. Für Peters kommt aber neben der guten Vermehrungsrate der Wildschweine im milden Winter noch ein Umstand erschwerend hinzu: die Anwesenheit des Wolfes. Vor allem Jäger beobachten, dass die Größe der Rotten mit der Anwesenheit steigt. Die Wildschweine fühlen sich offenbar in größerer Anzahl sicherer. Zudem bieten Felder mehr Rundumsicht – da ist es für Wölfe schwerer, sich an die Schwarzkittel heranzupirschen. Diese Themen werden zurzeit in Fachkreisen intensiv diskutiert. Das eigentliche Problem zurzeit ist aber der milde Winter. Georg Brückner: „Über den Winter habe ich immer mit Wildschäden zu rechnen – in diesem Jahr haben sie aber überhandgenommen.“

Jetzt wird der Ruf nach der Jägerschaft lauter, welche den Wildschweinen Einhalt gebieten soll. Aber Jagddruck hat auch zwei Seiten: Der Vorsitzende des Kreisjagdverbandes Niederschlesische Oberlausitz, Christian Berndt, sagt dazu: „Wenn wir das Wild im Wald jagen, flüchtet es und sucht außerhalb Schutz.“ Am Ende gehe es nur mit viel Kooperation: Die Bauern informieren die Jäger, was sie wann und wo anbauen – und alsbald sie vermehrt Wildschweine beobachten. Die Jäger hingegen investieren Zeit für die Jagd am Feld. „Wir müssen das Schwarzwild von den Wiesen und Feldern vertreiben, damit es dort keine Schäden anrichtet“, sagt Berndt.

Von einer Wildschweinplage ist man jedoch in der Region noch ein gutes Stück entfernt. Im Nachgang des Kreisjägertages in Niesky bilanziert Verbandchef Berndt: „Wir haben es mit einem überhöhten Wildschweinbestand zu tun.“Das belegen die Abschusszahlen vom Landesjagdverband Sachsen. Nach den „wildschweinstarken“ Jahren zwischen 2001 und 2003, wo im Jahr fast 34 000 beziehungsweise fast 33 000 Stück erlegt wurden, waren es im vergangenen Jagdjahr wieder über 32 000 Schwarzkittel, die in Sachsen zur Strecke gebracht wurden. Zwischenzeitlich lag der Durchschnitt bei rund 23 500 Wildschweinen pro Jahr. Christian Berndt rechnet damit, dass auch 2013/14 wieder über 30 000 Stück Schwarzwild im Freistaat zur Strecke gebracht wird.

Ein Interesse an genauen Daten zu Wildbeständen und -verhalten haben ebenfalls Jäger und Bauern gemeinsam. Wenn nämlich beispielsweise die Schwarzkittel auf den Feldern Schäden anrichten, müssen oftmals die Jagdpächter für den Wildschaden aufkommen. Insofern sind sämtliche Daten, wie sie das Jagdkataster erhebt, so wichtig. Erst dann lässt sich genau nachvollziehen, wie viel Wild es gibt, wo es massiv auftritt und was die Jägerschaft zur Strecke gebracht hat. Für Lothar Bienst, Landtagsabgeordneter der CDU ist es deshalb auch so wichtig, die Daten schnell und kostenfrei zu übermitteln. „Alle müssen dafür an einen Tisch“, wirbt er mit Blick auf den 8. Mai, wenn in Diehsa das große Forum zu Landwirtschaft in Europa und Sachsen mit Dr. Peter Jahr stattfindet. Die Diskussion ist dabei offen – Förderung, Wildschweine oder Wolf als Themen sicher. (mit SZ/ws)