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Das schwere Los des Sandwich-Kindes

Welchen Einfluss die Geburtenreihenfolge auf die Persönlichkeit hat, ist umstritten. Eines sollten Eltern aber nicht tun.

Das mittlere Kind ist Lerner und Lehrer zugleich.
Das mittlere Kind ist Lerner und Lehrer zugleich. © Rainer Berg/dpa

Von Christine Bachmann

Sind sie sanfte Vermittler oder ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit? Sandwichkinder bekommen sehr unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben. Doch was ist da dran? Inwiefern die Geschwisterposition Charakter oder Intelligenz tatsächlich beeinflusst, interessiert die Forschung immer wieder. 

"Die neueren Resultate sprechen eher dafür, dass die Geburtenreihenfolge einen relativ kleinen oder überhaupt keinen Effekt auf die Persönlichkeit der Kinder hat“, sagt Professor Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

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Auf der anderen Seite habe eine Studie gezeigt, „dass es Ungleichgewichte gibt, was die Verteilung der elterlichen Ressourcen wie Zeit oder Geld angeht“. Sprich: Unterm Strich investieren die Eltern in der Regel weniger in das Sandwichkind. Das ist keine bewusste Entscheidung der Eltern, sondern ergibt sich ganz automatisch, erklärt Hertwig. „Die Sandwichkinder genießen nie anhaltend die exklusive Aufmerksamkeit der Eltern.“ Das Erstgeborene habe eine solche Phase während der ersten Entwicklungsstufe, das Letztgeborene gegen Ende, wenn die Geschwister schon aus dem Haus sind.

Wie sich das auswirkt, ist schwer nachzuweisen. „Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Bindung gegenüber der Familie, besonders im Erwachsenenalter, bei Sandwichkindern weniger stark ist“, sagt Hertwig. So würden die mittleren Kinder etwas seltener mit den Eltern telefonieren oder mailen. „Man findet auch Hinweise, dass Sandwichkinder ein geringeres Selbstwertgefühl haben.“

Wolfgang Krüger, Psychotherapeut in Berlin, ist sich sicher, dass das Dazwischen-Dasein die Persönlichkeit formt. Sandwichkinder sind auf der Bühne des Familienlebens besonders gefordert, ihre Rolle zu finden, glaubt der Buchautor: „Sie lernen häufig, zu beobachten und auf andere einzugehen.“ Das macht sie zu guten Vermittlern.

Zurückhaltung in die Wiege gelegt

Dem steht die Schwäche gegenüber, nicht als „Chef“ bestimmen oder auch mal auf den Putz hauen zu können. Weil sie zu wenig gelernt haben, im Mittelpunkt zu stehen, können sie auf Außenstehende manchmal etwas blass wirken, findet der Psychotherapeut. „Sandwichkinder sind die, die zuerst gar nichts sagen und dann mit einer brillanten Bemerkung Aufmerksamkeit erregen. Sie schaffen es aber nicht, permanent im Vordergrund zu stehen.“ Für sie sei es daher besonders wichtig, von den Eltern wahrgenommen zu werden.

Dabei birgt die Position auch Chancen, betont Ralph Hertwig. „Sie können von den älteren Geschwistern lernen und gleichzeitig den jüngeren ein Vorbild sein.“ Sandwichkinder profitieren somit in beide Richtungen.

Nicola Schmidt, Autorin des Buches „Geschwister als Team“, sieht die Mittelposition im Grunde als eine gesunde an. „Ich habe einen Großen, von dem ich etwas lerne, und einen Kleinen, dem ich etwas beibringe. Potenziell sind diese Kinder unglaublich gute Lerner, weil sie gleichzeitig Lerner und Lehrer sind.“ Pauschalisieren kann man das alles allerdings nicht, viele weitere Faktoren spielen im Geschwistergefüge eine Rolle. Ist das Mittelkind zum Beispiel das einzige Mädchen zwischen zwei Jungen, ist die Ausgangsposition schon wieder eine ganz andere. „Dann haben Sie ja bereits ein Alleinstellungsmerkmal und keine klassische Sandwichposition mehr“ sagt Krüger, der selbst als einziger Junge zwischen zwei Mädchen aufgewachsen ist. „Sandwich ist vor allem dann problematisch, wenn ich nicht wahrgenommen werde.“

Eltern sollten daher mit jedem einzelnen Kind besondere Zeiten verbringen. Das gilt nicht zuletzt für das Mittelkind, rät Nicola Schmidt. „Gehen Sie auch mit ihnen zum Schwimmkurs und zum Instrumentenkarussell, geben Sie auch den Sandwichkindern einzelne Mama-Papa-Zeit – gerade die brauchen das!“

Wichtig sei, die Bedürfnisse der Kinder ernstzunehmen. „Wir können als Eltern nie alle Bedürfnisse erfüllen, aber wir können sie zumindest sehen“, sagt die Autorin. Bei mittleren Kindern sei es sinnvoll, ihnen eher mehr zu geben, als sie brauchen. Bevor sie anfangen, sich das mit problematischem Verhalten selbst zu holen. „Jetzt mach du nicht auch noch Ärger“, diesen Satz sollte man Kindern gegenüber generell vermeiden, empfiehlt Schmidt. Beim Sandwichkind gilt das besonders. Es vermittle dem Kind: Für dich ist kein Platz, du darfst nicht auffallen.

So wenig man ein Sandwichkind in die Rolle des unauffälligen Mitläuferkinds drücken dürfe, so wenig sollte man die Mittelposition als schwierig hervorheben. Begründen oder entschuldigen Eltern anderen gegenüber ein problematisches Verhalten ihres Sandwichkindes mit der Mittelrolle, besteht die Gefahr, genau dieses Verhalten noch zu verstärken.

Mit mehreren Kindern sind Eltern gefordert und können schnell überfordert sein – umso besser, wenn Großeltern da sind, die helfen können. Sie hätten meist ein Gespür dafür, welche Kinder bedürftig sind, so Krüger. Sie nehmen sich der Sandwichkinder an und vermitteln ihnen, dass sie für sie etwas Besonderes sind. „Da sind sie dann nicht in der Mitte, sondern haben eine Einzelstellung.“ (dpa)

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