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Das sind die derzeit begehrtesten Politiker

Parteien buhlen um sie, denn von ihnen hängt die Mehrheit im neuen Dresdner Stadtrat ab. Ihre Ziele sind sehr unterschiedlich.

Manuela Graul möchte sich für soziale Themen einsetzen, Max Aschenbach den Nazi-Notstand für Dresden ausrufen.
Manuela Graul möchte sich für soziale Themen einsetzen, Max Aschenbach den Nazi-Notstand für Dresden ausrufen. © Marion Doering

Sie sind beide neu in der Politik, vertreten Splittergruppen und könnten wahrscheinlich kaum unterschiedlicher sein. Sie ist gelernte Krankenschwester, er sagt, er habe ein eigenes Raumfahrtprogramm, baut Maschinen und Autos aus Klopapierrollen. Was sie eint: Bei beiden steht das Telefon kaum mehr still, Bitten nach Treffen und Gesprächen reihen sich aneinander. Denn sie entscheiden, für welche Themen es im künftigen Stadtrat eine Mehrheit gibt. Sie sind die derzeit begehrtesten Politiker in der Stadt.

Manuela Graul ist für das Bürgerbündnis Freie Bürger in den neuen Stadtrat gewählt worden. Max Aschenbach sitzt ab September ebenfalls im Rat, für die Satirepartei Die Partei. „Das ist irre, wie schnell das ging“, erzählt Aschenbach. „Grüne, Linke und Piraten haben sich sofort bei mir gemeldet. Alle buhlen um meine Stimme.“ Bei Graul liefen die Anfragen bei der Wählervereinigung beziehungsweise der Volkssolidarität auf. Zuerst waren es die Freien Wähler, dann Die Linke und auch die CDU hat Gesprächsbedarf angemeldet. Denn die Verhältnisse im künftigen Stadtrat sind unklar. Die Mehrheit nach der Wahl 2014 war mit 36 von 70 Stimmen bereits dünn. Jetzt kommen Grüne, Linke, SPD und Piraten nur noch auf 34 Stimmen. CDU und FDP haben zusammen 18, selbst mit den Freien Wählern (vier) und der AfD (zwölf) würde es nicht reichen. Alles hängt von Graul und Aschenbach ab.

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Klar ist für beide, dass sie das Stadtratsmandat annehmen, sagen sie. Manuela Graul kann seit 2008 aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr als Krankenschwester arbeiten. Diesen Beruf hat die 55-Jährige knapp 30 Jahre mit Hingabe ausgeübt, wie sie sagt. „Seit einigen Jahren betreue ich ehrenamtlich ältere Menschen und arbeite im Bürgertreff Marie der Volkssolidarität mit.“ Vor allem die Bekämpfung von Armut liegt ihr am Herzen, insbesondere bei den Senioren. „Um diese Menschen möchte ich mich kümmern, für sie etwas erreichen.“ Früher habe sie immer über Politiker geschimpft und gesagt, wenn sie etwas zu sagen hätte, würde sie einiges anders machen. „Nun musst du auch – das hat meine Tochter jetzt zu mir gesagt“, erzählt Graul schmunzelnd. Und sie wolle auch. „Ich bin sehr sozial, aber auch Umwelt und Klima sind wichtige Themen und natürlich die steigenden Mieten.“

Aber mit der konkreten Politik müsse sie sich erst auseinandersetzen und viel lernen, wie es im Stadtrat abläuft. Die Gesprächsanfragen werde sie alle annehmen. Und sie könne sich auch vorstellen, sich einer Fraktion anzuschließen. „Aber rechts auf keinen Fall. Bei der AfD sehe ich mich nicht und die Freien Wähler kommen schon deshalb nicht infrage, weil da Leute von Pegida kandidiert haben“, stellt Graul klar. „Aber Gregor Gysi fand ich immer klasse. Ich war noch nie in einer Partei, aber Die Linke sagt mir am meisten zu.“

Aschenbach hat konkrete politische Forderungen. Diese seien aber „anpassungsgestört“ wie er. „Wenn die Grünen den Klima-Notstand ausrufen, will ich Unterstützung dafür, den Nazi-Notstand für Dresden auszurufen. Wir wollen die Tiefe der Gräben zwischen Nazis, Halbnazis und Konservativen im Stadtrat ausloten.“ Damit meint der 34-Jährige AfD, Freie Wähler und CDU. „Da sind überall zumindest Halbnazis zu finden“, meint Aschenbach.

Er sei aber keiner Seite des Rates klar zuzuordnen. Er hat sich bereits mit Dresdens Linke-Chef Jens Matthis getroffen. „Er konnte mich aber nicht überzeugen, weshalb ich meine Machtposition als Mehrheitsbeschaffer aufgeben und in eine Fraktion eintreten sollte.“ Er verstehe das Bedürfnis nach Klarheit, aber Die Partei sei als eigenständige Partei angetreten.

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Aschenbachs konkrete Vorstellung, um die drohende Wohnungsnot zu bekämpfen: „Wir müssen auch kleinste Lagerflächen, Dixi-Klos und Paketstationen nutzen. Die Miete dafür kann auch vom Flaschenpfand bezahlt werden – so denken wir auch an die Ärmsten. Und wir fordern, Vonovia noch mal zu verkaufen.“ Zum Thema Verkehr verfolgt er den Ansatz, alle Straßen zu Einbahnstraßen stadtauswärts zu machen, FDP-Fraktionschef Holger Zastrow betrunken zu machen und in eine Verkehrskontrolle zu locken. „Um ihn vom Auto-Fetisch zu kurieren.“ Im Kern werde auch er, wie Graul, eher Themen der linken Seite des Rates unterstützen. 

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