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Das Skandal-Fußballspiel von Dresden

Das Finale der DDR-Meisterschaft vor 70 Jahren geriet zum Klassenkampf. Die SG Friedrichstadt hat ihn verloren.

Endspiel im Heinz-Steyer-Stadion um die DDR-Fußballmeisterschaft zwischen SG Dresden-Friedrichstadt und ZSG Horch Zwickau am 16. April 1950.
Endspiel im Heinz-Steyer-Stadion um die DDR-Fußballmeisterschaft zwischen SG Dresden-Friedrichstadt und ZSG Horch Zwickau am 16. April 1950. © Repro aus Peter Salzmann: Fussballheimat DresdenO-

Dresden. Fußball ist nicht immer nur ein Spiel. Die Begegnung zwischen der SG Friedrichstadt und der ZSG Horch Zwickau vor 70 Jahren, am 16. April 1949, im Dresdner Heinz-Steyer-Stadion geriet zum Politikum und ist als „Skandalspiel“ in die Geschichte eingegangen. 

Auf dem Spielfeld standen sich der Nachfolgeverein des ehemals großbürgerlichen Dresdner SC und eine Betriebssportgemeinschaft des neuen, sozialistischen Deutschlands gegenüber. Die Niederlage der SG Friedrichstadt passte deshalb ins Bild der DDR-Ideologen. Die Mannschaft flüchtete danach in den Westen, der Verein wurde aufgelöst.

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Das Drehbuch war nahezu perfekt. Die Friedrichstädter waren als hoher Favorit in die erste Saison der neuen DDR-Oberliga gestartet und beherrschten die Konkurrenz zunächst fast nach Belieben. Doch in der Rückrunde schwächelten die Dresdner. Und so lagen sie vor dem letzten Spieltag mit den Zwickauern gleichauf an der Tabellenspitze. Zum Titelgewinn hätte ihnen schon ein Unentschieden genügt.

Rund 60.000 Fußballfans waren an jenem Sonntag ins Stadion gepilgert. Obwohl das Spiel erst 15.30 Uhr angepfiffen wurde, waren die Menschen schon ab dem Morgen ins Ostragehege geströmt. Auf dem Schwarzmarkt wurden Tickets, die normal nur 80 Pfennige kosteten, für bis zu 100 DDR-Mark gehandelt. Auf der Tribüne verfolgte unter anderem der stellvertretende Ministerpräsident Walter Ulbricht (SED) das Geschehen.

Stadion glich einem Hexenkessel

Stürmer Kurt Lehmann brachte die Friedrichstädter schon nach drei Minuten in Führung, Doch Heinz Satrapa konnte in der neunten Minute für Zwickau ausgleichen. Deren robuste Spielweise setzte den Dresdnern zu. Hinzu kamen strittige Entscheidungen des Unparteiischen Willi Schmidt aus Schönebeck. "Walter Kreisch, unser Verteidiger, bekam gleich am Anfang einen Schlag aufs Knie und musste raus", erinnerte sich der damalige Dresdner Mittelfeldspieler Hans Kreische später. Auswechslungen gab es damals noch nicht. Die Dresdner mussten in Unterzahl weitermachen. "Als auch noch Kurt Jungnickel verletzt wurde und Helmut Schön angeschlagen war, hatten wir praktisch zu acht keine Chance."

Das Stadion habe einem "Hexenkessel" geglichen, beschrieb der Reporter der Sächsischen Zeitung die Stimmung. "Die Zuschauer machten aus ihrer Empörung über die harte Spielweise der Zwickauer kein Hehl." Am Ende stand es 1:5 gegen die Dresdner.

Nach dem Abpfiff stürmten die Zuschauer den Platz. Es gab Tumulte und Handgemenge. Der Zwickauer Helmut Schubert wurde mit Schlägen traktiert. Berittene Polizei bahnte den Zwickauern den Weg zur Kabine. Erst Stunden später konnten sie die Heimreise antreten. Walter Ulbricht habe bei der Meisterfeier nur den Zwickauern gratuliert, die Dresdner habe er nicht beachtet, wird berichtet. "Irgendwann ist dann ein Ruck durch unsere Mannschaft gegangen", erinnerte sich Kreische. "Wir sind während seiner Rede aufgestanden." Zurück im Steyer-Stadion hätten sie mit den Fans Bier getrunken.

"Das war von Anfang an ein politisch abgekartetes Spiel", glaubte Kreische. Direkte Anweisungen "von oben" an die Akteure oder den Schiedsrichter sind indes nicht belegt. Tatsache ist wohl auch, dass die Dresdner Mannschaft damals ihre Glanzzeit schon hinter sich hatte. In den 1930er und 1940er Jahren gehört der Dresdner SC zur Beletage des deutschen Fußballs. Vor allem unter James "Jimmy" Hogan, der die Fußballer von 1928 an vier Jahre lang trainierte, war es aufwärts gegangen. Er zählte zu den wichtigen Pionieren des kontinentaleuropäischen Fußballs und legte – für einen englischen Fußballtrainer damals ungewöhnlich – hohen Wert auf das Kurzpassspiel und eine gute technische Ausbildung der Spieler. 

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Zu den größten Erfolgen des DSC gehörten die Pokalsiege 1940 und 1941 sowie die deutsche Meisterschaft 1943 und 1944. Das verlorene Meisterschaftsfinale war für die SG Friedrichstadt die letzte Partie. Der Verein wurde aufgelöst. Die meisten Spieler setzten sich in den Westen ab, viele gingen nach Berlin zu Hertha BSC und Wacker 04, andere schlossen sich dem Wuppertaler SV an. Sie hatten wohl schon vorab keine Zukunft im Osten mehr für sich gesehen, denn sie hatten ihre Flucht bereits vor dem Spiel geplant. Hans Kreische kehrte später nach Dresden zurück. Spielertrainer Helmut Schön wurde einer der erfolgreichsten Bundestrainer, der unter anderem 1974 den Weltmeistertitel für die BRD gewann.

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