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Das Stehauf-Männchen vom Stausee

Die Küche bleibt kalt, Hochzeiten werden abgesagt, Angestellte sitzen in Tschechien fest – wie sich ein Gastwirt aus Sohland trotzdem nicht unterkriegen lässt.

Normalerweise würde jetzt am Sohlander Stausee die Saison starten. Doch Brauhaus, Feierscheune und Biergarten sind wegen Corona geschlossen. Stattdessen nutzt Gastwirt Markus Kretschmar die Zeit für Arbeiten an einem neuen Freisitz.
Normalerweise würde jetzt am Sohlander Stausee die Saison starten. Doch Brauhaus, Feierscheune und Biergarten sind wegen Corona geschlossen. Stattdessen nutzt Gastwirt Markus Kretschmar die Zeit für Arbeiten an einem neuen Freisitz. © SZ/Uwe Soeder

Sohland. Wer auf dem großen Parkplatz vor dem Brauhaus am See in Sohland einrollt, kann sich frei entscheiden, wo er sein Auto abstellt. Für einen Freitagnachmittag bei schönstem Frühlingswetter ist das ungewöhnlich. Aber derzeit tummeln sich nur wenige Spaziergänger auf den Wegen entlang des Stausees. Der Biergarten hält noch Winterschlaf, der Gastraum an der Hauptstraße zeigt dunkle Leere hinter großen Fensterfronten.

Vor dem Carport daneben kreischt eine Säge. Gastronom Markus Kretschmar werkelt hier an einem großen Freisitz. 40 neue Frischluft-Plätze sollen entstanden sein, wenn das Brauhaus seinen Betrieb wieder aufnimmt. Wegen Corona ist derzeit hier dicht – genau wie in der großen Feierscheune und dem Biergarten zwischen Ufer und Waldrand. 

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Kretschmar unterbricht seine Arbeit und bittet in den gemütlichen Gastraum. Hier stapeln sich Malzsäcke zu 25 Kilo das Stück auf den Tischen. "Wir haben im Lager ein Kühlhaus eingebaut und mussten die Ware irgendwo zwischenlagern, der leere Gastraum bot sich an", erklärt er und nimmt Platz an einem freien Tisch neben der Bar. 

Rückschläge am laufenden Band

Gerade einmal drei Wochen ist es her, dass die zunehmenden Sicherheitsbestimmungen zur Eindämmung des Coronavirus das erträgliche Geschäft mit der Gastronomie am Sohlander Stausee zum Erliegen brachten.  Die erste Hiobsbotschaft, die Kretschmar traf, war die Schließung der Grenze zum tschechischen Schluckenau. Viele seiner Angestellten in Service und Küche pendeln normalerweise täglich. Einige Tage lang nahmen sie den Umweg über Varnsdorf in Kauf, wo sie als Arbeitspendler noch nach Deutschland einreisen können.

Am 17. März beschloss Kretschmar, das Brauhaus mindestens bis zum 20. April zu schließen. Eine richtige Entscheidung, wie er noch immer findet. "Zu diesem Zeitpunkt galt noch die 18-Uhr-Regelung. Aber das wäre für uns wirtschaftlicher Quatsch gewesen. Wir machen unseren Umsatz am Abend", sagt er. Auch gegen die Umstellung auf das Außer-Haus-Geschäft entschied er sich bewusst: "All die Gerichte, die wir das ganze Jahr über auf einen schönen Teller legen, packen wir jetzt nicht auf einmal in hässliche Plaste-Assietten. Für uns ist es besser, die Fixkosten herunterzufahren", sagt er.

Der dritte Rückschlag, den Kretschmar wegstecken muss, dauert noch an: Zwischen zehn und zwölf private Feiern in der Scheune am See musste er im April absagen. Hinzu kommen Stornierungen für geplante Veranstaltungen im Mai. "Das verstehe ich. Gerade kann niemand planen", sagt Markus Kretschmar. Absagen für die Sommermonate hingegen akzeptiert er derzeit noch nicht; rechnet damit, das Geschäft ab Juni wieder in gewohnter Form führen zu können.

Obwohl ihm durch die Krise 60.000 bis 70.000 Euro an Monatsumsatz wegbrechen, kann der dreifache Familienvater der Hängepartie in seiner Branche etwas Positives abgewinnen: "Ich bin seit 2013 selbstständig. Ich hatte privat noch nie so eine angenehm ruhige Zeit." Seine größte Sorge? "Die Angestellten könnten sich genauso wie ich an freie Wochenenden gewöhnen", sagt er mit breitem Grinsen.

Im Gastraum des Brauhauses stapeln sich zurzeit Malzsäcke, weil im Lager Platz für Bauarbeiten gebraucht wurde. Während die Braukessel außer Betrieb sind, organisiert Braumeister Vincent Ebert die Flaschenabfüllung seines Zippl-Bieres.
Im Gastraum des Brauhauses stapeln sich zurzeit Malzsäcke, weil im Lager Platz für Bauarbeiten gebraucht wurde. Während die Braukessel außer Betrieb sind, organisiert Braumeister Vincent Ebert die Flaschenabfüllung seines Zippl-Bieres. © SZ/Uwe Soeder

Auch Kretschmars Geschäftspartner, Braumeister Vincent Ebert, nutzt die ungewohnte Freizeit. Sein Zippl-Pils hat er in Lagertanks gefüllt, wo das Bier etwa ein halbes Jahr lang haltbar bleibt. Die Zapfhähne im Brauhaus sind trocken. "Die Zeit können wir nutzen, um unser Bier in die Flasche zu bringen", sagt Vincent Ebert. Den Wunsch nach Flaschenabfüllung gibt es, seit die Brauerei samt Gastraum im November letzten Jahres offiziell eröffnete. Für die Umsetzung hatte es bislang vor allem an Zeit gefehlt. Jetzt endlich, signalisieren die beiden Geschäftspartner, liefen Gespräche mit einer Brauerei.

Für sich selbst hat Markus Kretschmar vor allem eine Lehre aus der Krise gezogen: "Ich werde in Zukunft nicht mehr so Kamikaze-Investitionen vornehmen. Alles ins Unternehmen stecken – in einem anderen Land hätte mir das das Genick brechen können", sagt er. Die Gehälter für seine Angestellten habe er im März noch zahlen können. Ab April ist er auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Voller Hoffnung durchs Chaos

Neben dem Lerneffekt für sich selbst erhofft er sich von der Krise, dass sie auch die Discount-Mentalität erschüttert: "Die vergangenen Wochen haben uns gezeigt, wie viele Billig-Produkte gar nicht von hier kommen und deshalb nicht lieferbar waren. Für mich gehören zu einem ehrlichen Geschäft einheimische Produkte aus ordentlicher Tierhaltung. Und ich hoffe, dass durch die Erfahrungen mit der Pandemie häufiger die Frage gestellt wird, ob wir nicht manche Dinge anders machen sollten."

Auf die Frage nach der Quelle für seinen Optimismus antwortet Kretschmar mit einem drastischen Gegenbeispiel: "Wir können zur Zeit natürlich alle schimpfen. Aber wir können auch froh darüber sein, dass der Virus kein Krieg ist. Wir müssen nur zu Hause bleiben, nicht die Koffer ins Auto packen und mit der Familie flüchten."

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