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Sachsen

Das stinkt uns an

Ein Holländer kauft die Schweinemastanlage in Stolpen. Statt der bisher 4.000 Tiere plant er dreimal so viele. Eine Bürgerinitiative will das verhindern.

In Stolpern will ein Unternehmer statt 4.000 Schweinen bald 14.500 Ferkel unterbringen,
In Stolpern will ein Unternehmer statt 4.000 Schweinen bald 14.500 Ferkel unterbringen, © Carmen Jaspersen/dpa (Symbolbild)

Von Beate Erler

Ein blondgezopftes Mädchen im Blaumann steht lächelnd zwischen rosa Schweinchen. Neben ihr ein grüner Schriftzug: „Passion for Farming“ – Leidenschaft für Landwirtschaft. Direkt hinter den Gleisen am Bahnhof Stolpen steht die ehemalige Schweinemastanlage, an der das Plakat hängt.

Seit über zwei Jahren sind hier keine Tiere mehr untergebracht. Das Gelände befindet sich im Umbau, doch gerade ist es still, denn die Arbeiter haben Feierabend. Hohes Gras wächst um den Bauzaun, dahinter eine riesige Apfelplantage, links davon ist die Burg Stolpen zu erkennen, die Straße bergab mit Blick auf Felder, Bäume und Häuschen.

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Eine Gegend wie aus dem Bilderbuch an einem heißen Julinachmittag. Wenn da nicht die zwölf Menschen stehen würden, die auch Plakate dabeihaben. Sie zeichnen ein anderes Bild als das der Schweinemastanlage: „Ernährung ist eine Frage der Haltung“, steht auf einem. „Diese 0,5 Quadratmeter Lebensraum sind der gesetzliche Anspruch eines Ferkels. Zum Glück bin ich kein Schwein“, steht auf dem anderen. Das dritte Plakat stellt die Gruppe vor: Sie sind die Bürgerinitiative, die sich im April gegründet hat, um die Wiederinbetriebnahme der Schweinemastanlage zu verhindern. Dafür haben sie mit einer Petition über 2.100 Stimmen gesammelt.

Gunter Michel ist von Anfang an in der Initiative aktiv und gehört mit drei weiteren Mitgliedern zum harten Kern der Gruppe. Seit 49 Jahren lebt er in Langenwolmsdorf nur wenige Meter unterhalb der Mastanlage. Schon unter den alten Besitzern war sie die größte im Landkreis, und er und seine Familie hatten mit den Auswirkungen Probleme: „Wir mussten oft die Fenster schließen, weil es stark nach Schweinemast gestunken hat“, sagt er, „am schlimmsten war das laute Quieken der Schweine beim Abtransport.“

Langenwolmsdorfs alte Schweinemastanlage wird jetzt modernisiert und soll erweitert werden. Anwohner wehren sich.
Langenwolmsdorfs alte Schweinemastanlage wird jetzt modernisiert und soll erweitert werden. Anwohner wehren sich. © Dirk Zschiedrich

Auch Heiko und Markus Jost, Vater und Sohn, die gleich nebenan wohnen, erinnern sich an die extreme Geruchsbelästigung. Und an die Berichte anderer Anwohner, die von schwarzen Tellern beim Grillen erzählten, weil diese voll von Fliegen waren. „Wir mussten unsere Wäsche oft zweimal waschen, weil sie nach dem Aufhängen im Garten nach Gülle gestunken hat“, erzählt Markus Jost. Andere wären sogar weggezogen. An die zwei Jahre ohne Schweinemastanlage hätten sich alle schnell gewöhnt, aber das soll sich nun wieder ändern.

Die Anlage wurde in den 1950er-Jahren erbaut mit Platz für bis zu 6.000 Schweine. Zuletzt wurde sie von 1997 bis 2017 erst von Petra Schindler und dann von ihrem Sohn Dirk Schindler geführt. Im Juni 2017 kaufte der holländische Unternehmer und Schweinemäster Marten Tigchelaar die Anlage und will sie nun modernisieren, erweitern und zur Aufzucht von Ferkeln nutzen. Sie beruht auf einer sogenannten Altanlagenanzeige und hat somit dauerhaften Bestandsschutz. Derzeit dürften hier 4.840 Mastschweine gehalten werden, so die stellvertretende Amtsleiterin des zuständigen Umweltamtes in Pirna, Marion Rast.

Für den holländischen Schweinemäster, der in Pappendorf und Stroga zwei weitere Schweinemastanlagen führt, war die vorliegende Genehmigung entscheidend für den Standort Stolpen: „Im Interesse aller hätten wir es bevorzugt, auf einer anderen Fläche neu zu bauen, doch in diesen Bereichen gibt es leider keine Flächen, für die wir eine Genehmigung erhalten würden“, sagt Marten Tigchelaar.

In seiner Familie hat der Beruf des Schweinemästers Tradition: „Ich führe den Beruf in der dritten Generation aus“, sagt er, „gemeinsam mit meinem Bruder bin ich in Nordholland auch noch an der Anlage unserer Familie beteiligt.“ Vor elf Jahren ist Marten Tigchelaar der Liebe wegen nach Sachsen gezogen. Hier lebt er mit seiner Frau und seinen Kindern. In seiner holländischen Heimat werden seit einigen Jahren strengere Anforderungen an Schweinemastbetriebe gestellt. Die Supermarktketten bieten seitdem ausschließlich Schweinefleisch aus nachhaltiger Erzeugung an, das die strengeren Anforderungen an Tierschutz, Medikamenteneinsatz und Umweltschutz erfüllt.

Holländer weichen nach Ostdeutschland aus

Die Zahl der schweinehaltenden Betriebe in Holland sinkt. Eine aktuelle Umfrage des Fachmagazins Nieuwe Oogst unter 450 Betriebsleitern hat ergeben, dass fast 40 Prozent der Schweinehalter bis zum Jahr 2025 aus der Produktion aussteigen wollen. Vor allem die Anlagen in Anwohnernähe sind bereit, ihren Betrieb aufzugeben, weil sie über ein Regierungsprogramm finanzielle Unterstützung zur Abstockung oder Betriebsaufgabe erhalten sollen. Mit dem Erlös investieren viele holländische Schweinehalter dann in ostdeutsche Großanlagen.

Genau das kritisiert auch die Bürgerinitiative: Während in Holland viele Massentieranlagen schließen und die Politik auf nachhaltigere Erzeugung und auf Tierwohl setzt, produziert Deutschland seit Jahren das billigste Schweinefleisch in ganz Europa. Deutschland ist mittlerweile Selbstversorger und das größte europäische Exportland von Schweinefleisch. Kleinere und mittlere Betriebe mussten schließen, weil 90 Prozent aller Schweine in Deutschland in Massenanlagen stehen. „Das hat uns angestunken“, sagt Jane Grass, Mitgründerin der Bürgerinitiative, „in Holland werden solche Anlagen geschlossen, und hier werden sie einfach wieder aufgemacht und mit Fördergeldern unterstützt.“

Dann kam Anfang April die Abwassereinleitung der Schweinemastanlage in den Dorfbach, und das war der Tropfen zu viel. Die Bürgerinitiative stellt Fotos von der Schweinegülle, wie sie den Hang Richtung Dorfbach hinunterläuft, auf ihre Internetseite und beschließt: Davon müssen alle erfahren. „Uns war klar, dass wir viele Unterstützer brauchen, wenn wir unser Ziel erreichen wollen“, sagen sie.

Also starten sie die Petition „Keine Schweinemast in Stolpen“ und sammeln so über 2.000 Unterschriften. Die meisten kommen aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und davon allein 518 aus dem Postleitzahlenbereich Stolpen. Aber auch aus anderen Bundesländern, die nicht direkt betroffen sind, gehen Unterschriften ein. Die meisten aus Berlin, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Bayern.

Im Mai hatte die Bürgerinitiative im Hotel „Goldener Löwe“ in Stolpen eine Informationsveranstaltung organisiert. Über 140 Bürger und der Bürgermeister, Uwe Steglich, hatten sich versammelt. So viele Leute sollen hier seit 1989 nicht mehr zusammengekommen sein, steht auf der Internetseite der Initiative. Die Gründe, die gegen die Wiederinbetriebnahme der Schweinemastanlage sprechen, gehen auch unter den engagierten Bürgern auseinander.

Zucht von 84.000 Ferkeln pro Jahr

Es wäre die erste industrielle Massentierhaltung im Landkreis, und es könnte einen Imageverlust für Stolpen als ruhigen Wohnort bedeuten. Andere sind vor allem gegen diese Art der Tierhaltung mit wenig Platz für die Schweine, harten Spaltenböden, häufigem Antibiotikaeinsatz und den daraus resultierenden Leiden und Schäden der Tiere. Viele direkt Betroffene, die nur 140 Meter von der Mastanlage entfernt wohnen, verweisen auf Hunderte Schwertransporte, die dann pro Jahr durch den Ort rollen, auf den Gestank und die Umweltverschmutzung durch die Gülle.

Bisher gab es bereits ein Treffen zwischen dem Schweinewirt und der Initiative: „Grundsätzlich verstehe ich das Anliegen der Bürger, und ich stehe jederzeit für weitere Gespräche zur Verfügung“, sagt Marten Tigchelaar. Für die von ihm geplante Ferkelzucht mit 14.500 Tieren habe er das Bebauungsplanverfahren eingereicht, das bereits durch den Gemeinderat bestätigt wurde, so Tigchelaar. Das würde bedeuten, dass in der Anlage pro Jahr 84.000 Ferkel gezüchtet würden, da die Tiere immer nur zwei Monate in der Schweinemast verbleiben. Bei einer Erweiterung der Anlage wäre ein immissionsschutzrechtliches Genehmigungsverfahren notwendig und die Öffentlichkeit würde am Verfahren beteiligt, so das Umweltamt.

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Als nächsten Schritt will die Bürgerinitiative die Petition mit den gesammelten Unterschriften an das Landratsamt übergeben. Einen Termin haben sie sich dafür auch schon ausgesucht: Wenn alles klappt, wollen die Grünen-Abgeordneten Anton Hofreiter und Stephan Kühn im August nach Stolpen kommen, um mit ihnen über die Schweinemastanlage zu sprechen. „Das wäre natürlich ein besonderes Zeichen, wenn das Landratsamt in Anwesenheit der Bundestagsmitglieder unsere Petition entgegennehmen würde“, sagt Gerd Baumann, ebenfalls Mitglied der Bürgerinitiative. Dann wären sie ihrem Ziel, keine Schweinemast in Stolpen zuzulassen, vielleicht einen kleinen Schritt näher.