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„Das Thema bleibt ein schwieriger Balanceakt“

Historiker Ronny Kabus über seine Forschung. Und welche Gedenkkultur er sich für seine Heimatstadt Görlitz wünscht.

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© nikolaischmidt.de

Von Sebastian Beutler

Was bleibt von einer vierwöchigen zeitgeschichtlichen Serie in der SZ? Warum könnte es auch heute von Bedeutung für Görlitz und dessen Bewohner sein, sich an die Opfer in der jüngsten Geschichte zu erinnern? Das sind nur zwei von vielen Fragen, die nicht nur die Autoren der Serie beschäftigen, sondern sicher viele Leser der SZ. Erstmals hat diese Zeitung detailliert über die Verfolgungen zwischen 1945 und 1953 berichtet. Ohne den Historiker Ronny Kabus wäre das nicht möglich gewesen. Wir baten ihn nun zum Serienschluss zum Interview.

Herr Kabus, vier Wochen lang haben wir jetzt über die Verfolgungen von Görlitzern nach 1945 berichtet. Ein Leser schrieb mir: „Ich verfolge übrigens Ihre Serie mit großem Interesse, auch wenn die Inhalte bedrückend sind“. Viele können sich dazu nur ganz schwer äußern. Kennen Sie dieses Phänomen?

Ja, das Phänomen ist mir durchaus vertraut, auch aus meinen Forschungen zu anderen „Opfergeschichten“ wie den Judenverfolgungen während der Naziära. Die Opfer oder deren Angehörige sind oft dauerhaft traumatisiert. Die Täter und deren Sympathisanten blenden die Fakten aus oder relativieren die menschenverachtenden furchtbaren Geschehnisse nach dem Motto „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“. Doch für viele trifft zu, was ein Leser des Buches auf Amazon geschrieben hat: „Durch Zufall bin ich auf dieses Buch gestoßen, neugierig hat es mich vor allem gemacht, weil es meine Heimatstadt betrifft.Was ich dann gelesen habe, musste ich erstmal ganz langsam verarbeiten. Es wurde uns ja nur im Familienkreis und auch nur hinter vorgehaltener Hand berichtet, was sich so zugetragen hat. Es möge sich nie wiederholen!“

Als Sie mit Ihren Forschungen begannen, stießen Sie da gleich auf Aufgeschlossenheit und Hilfe von Archiven und Institutionen?

Die Unterstützung für meine Forschungen reichte von Aufgeschlossenheit bis zu verhaltener Reserviertheit, was wohl vor allem damit zu tun hatte, dass ich als Privatperson und nicht als Beauftragter einer Institution mein Vorhaben umsetzte. Nach gewissen Zögerlichkeiten war die Unterstützung durch öffentliche Institutionen aber gut. Im Quellennachweis meines Buches kommt auch die große Zahl von Archiven, Gedenkstätten, Institutionen und Privatpersonen, die die Basis für meine faktenreichen Recherchen boten, zum Ausdruck. Auch in Rezensionen zum Buch wurde mehrfach die „beeindruckende Rechercheleistung“ hervorgehoben. Bedauerlich sind eher die ausgebliebenen Reaktionen von öffentlicher Seite aus meiner Heimatstadt Görlitz. Von den besonders von mir angesprochenen Parteien in der Stadt kam anfänglich nur Unterstützung von der SPD-Ortsgruppe unter Sebastian Vogel und später durch das Büro Dresden der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die anderen Parteien reagierten gar nicht, ebenso die von mir besonders angeschriebene Stadtobrigkeit. Dankbar bin ich dem Schlesischen Museum zu Görlitz, das mir 2011 die Buchvorstellung ermöglichte. Voriges Jahr nahm allerdings die Görlitzer FDP von meinen Forschungsergebnissen Notiz und lud mich zu einem PowerPoint-Vortrag in meine Heimatstadt ein.

Warum tun wir uns so schwer, an die Verfolgten zwischen 1945 und 1953 zu erinnern? Wir gedenken doch auch der vielen Opfer des Nazi-Faschismus, insbesondere der verfolgten jüdischen Mitbürger, oder der Bürgerrechtler in der DDR.

Der bei diesem Thema sehr schwierige Balanceakt, zwischen gleichzeitig stattfindender „Befreiung und neuer Unterdrückung“ zu differenzieren, schreckt wohl viele ab. Orientierung gaben mir vor allem sehr gute Veröffentlichungen von Memorial Deutschland und publizierte Forschungsergebnisse aus dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT) an der TU Dresden.

Waren die Verfolgungen in Görlitz besonders schwer oder besonders gefärbt durch die große Rolle, die die Flüchtlinge hier spielten, oder war das ein verbreitetes Phänomen für die Sowjetische Besatzungszone?

Nach bisherigen Untersuchungen ließ etwa ein Drittel aller Häftlinge, die in die Gewalt der sowjetischen Besatzer gerieten, ihr Leben. Unter den betroffenen Görlitzern liegt die Todesrate aber bei fast 40 Prozent. Gleichzeitig besaßen sehr viele dieser Menschen einen Vertreibungshintergrund. Deswegen kann man tatsächlich von einem besonderen Verfolgungsakzent in Görlitz als „Stadt der Vertriebenen“ ausgehen.

Gibt es eigentlich viele Regionalstudien zu der Zeit zwischen 1945 und 1953 wie die Ihre?

Nein, gibt es derzeit leider nicht. Eine Rezension zu meinem Buch vermerkt sogar, dass ich „der Erste (bin), der sich der vielen Facetten des Themas in einer Microstudie annimmt.“ Es wäre wünschenswert, wenn es in Zukunft mehr ähnliche Untersuchungen geben würde.

Die Verfolgungen in der Sowjetischen Besatzungszone stehen in dieser Zeit ja nicht allein. In Polen wurden Deutsche, Juden und Ukrainer nach dem Krieg vertrieben, um einen reinen Nationalstaat zu bilden. Im Baltikum gab es Partisanenkrieg gegen die sowjetischen Besatzer, wobei sich manche Partisanen in der NS-Zeit in der Verfolgung von Juden einen Namen gemacht hatten. In Rumänien wurde die bürgerliche Regierung abgesetzt und viele derer Mitglieder ermordet. Der britische Historiker Keith Lowe sieht darin die wilden Jahre und einen Kontinent in Anarchie. Wie würden Sie in diesem Zusammenhang die Ereignisse in Görlitz einordnen?

Sicherlich gehören die in der Artikelserie der Görlitzer Sächsischen Zeitung dargestellten Ereignisse der Nachkriegszeit in das Bild jener Jahre in Europa. Allerdings jener Teile Europas, die der stalinistisch geprägten Machtausübung der Sowjetunion ausgesetzt waren – und die hatte mit einem demokratischen Neubeginn überall nur wenig zu tun.

Würden Sie es begrüßen, wenn die Zeit zwischen 1945 und 1953 in Görlitz von solchen Institutionen wie dem Hannah-Arendt-Institut in Dresden oder vom Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin erforscht und untersucht würde?

Wie bereits erwähnt, haben das HAIT an der TU Dresden für die Frühzeit der SBZ/DDR, aber auch der Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin für die späteren Jahre hervorragende Forschungsergebnisse vorgelegt. Wenn sich in deren Auftrag junge Wissenschaftler für umfangreichere Untersuchungen, als ich sie leisten konnte, finden lassen, wäre das zu begrüßen.

Was wäre Ihr Wunsch an die Görlitzer Politik und die Gedenkkultur in dieser Stadt?

Mehr Aufgeschlossenheit dem Thema und mehr Gerechtigkeitsempfinden den frühen Opfern von sowjetischer Besatzungsmacht und SED-Diktatur gegenüber. Verschämtes Wegschauen, Schulterzucken und Ignorieren kann nicht die richtige Haltung sein.