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Das Trauma der Abwanderung

Der bulgarische Autor Ivan Krastev findet einen Zusammenhang zwischen Demografie und Ablehnung von Migration vor allem im Osten.

Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller, geschäftsführende Gesellschafterin der Dresdner Backhaus GmbH, spricht mit Servicemitarbeiter Abduljabbar Mohamad Dib. Der Syrer arbeitet in der Bäckerei Kreutzkamm in Dresden-Striesen. Zuwanderer stoßen in Westeuropa nicht
Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller, geschäftsführende Gesellschafterin der Dresdner Backhaus GmbH, spricht mit Servicemitarbeiter Abduljabbar Mohamad Dib. Der Syrer arbeitet in der Bäckerei Kreutzkamm in Dresden-Striesen. Zuwanderer stoßen in Westeuropa nicht © Christian Juppe

Auch wenn derzeit mehr über Klimaschutz diskutiert wird, gehört Migration nach wie vor zu den Topthemen in Europa. Zunehmend spielt aber auch die Abwanderung aus Süd- und Osteuropa eine immer wichtigere Rolle in öffentlichen Debatten. Obwohl die neuen EU-Mitgliedsländer wie Bulgarien oder Polen stark von der Personenfreizügigkeit in der Europäischen Union profitiert haben, werden dort die Rufe lauter, genau diese Freizügigkeit zu begrenzen, um die Abwanderung von Ärzten, Krankenschwestern oder Informatikern zu stoppen.

So erklärt der bulgarische Politologe Ivan Krastev die starke Ablehnung von Zuwanderern in Mittel- und Osteuropa mit dem „Trauma der Abwanderung“ in den letzten 30 Jahren. Osteuropa sei weltweit die Region mit der am schnellsten schrumpfenden Bevölkerung. „Wir werden schneller alt als wir reich werden“, sagte der Wissenschaftler auf der zweiten Jahrestagung des Mercator Forum Migration und Demokratie (Midem) in Berlin. Midem ist ein interdisziplinäres Forschungszentrum der TU Dresden und Universität Duisburg-Essen. In ihrem zweiten Jahresbericht zeigen die Forscher, wie gespalten Europa in der Einwanderungsfrage ist. So stoßen Zugewanderte in Osteuropa auf deutlich mehr Ablehnung und sind Bedrohungswahrnehmungen gegenüber „Fremden“ stärker ausgeprägt als in Westeuropa.

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In Europa finde das berühmte Zitat von Bertolt Brecht nach dem Aufstand 1953: „Wäre es nicht einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ in zweierlei Ausprägung statt, so die These von Krastev. In Westeuropa versuchten Regierungen neue Wählergruppen an sich zu binden über eine Einwanderungspolitik, die aber nur an Hochqualifizierte und Fachkräfte gerichtet ist. Ihnen steht auch nach einigen Jahren die Staatsbürgerschaft offen. In Osteuropa erfolge die Auswahl der richtigen Wähler, in dem die Staatsbürgerschaft als ethnisches Privileg betrachtet wird, die Zuwanderern vorenthalten wird. Angesichts der Alterung der Bevölkerung müssten die Regierungen in Osteuropa dringend das Rentenalter anheben und mehr ausländische Arbeitskräfte ins Land holen. 

Doch sie sind abhängig von älteren Wählern, die nicht mehr arbeiten. Und die Arbeiter haben kein Recht zu wählen, stellt Krastev den Zusammenhang zwischen Demografie, Demokratie und Migration dar. So sendeten Polen und Ungarn derzeit das Signal: „Wir sind fähig und bereit, Gastarbeiter aufzunehmen, aber nicht, ihnen die Staatsbürgerschaft zu geben“, so der Wissenschaftler. Die Visegrad-Staaten entscheiden selbst, wen sie einladen, in ihren Ländern zu arbeiten, so das Verständnis von Gastarbeiterschaft in Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei. Und ihre Wahl fiel auf die Ukraine wegen der kulturellen Nähe und der Wahrnehmung der Ukrainer als „fleißige Arbeiter“.

Ostdeutsche positiver eingestellt als Osteuropäer

Ein weiterer Grund für die unterschiedlichen Einstellungen gegenüber Migration sieht der Autor des Buches „Europadämmerung“ auch in den unterschiedlichen historischen Erfahrungen. Im 19. Jahrhundert wäre Westeuropa ein ethnisch homogener Raum gewesen und Osteuropa als Teil des Habsburger Reichs durch eine Vielfalt der Nationalitäten geprägt gewesen. Das habe sich im 20. Jahrhundert vollkommen umgekehrt. Beim Fall des Eisernen Vorhangs war Mittel- und Osteuropa ein ethnisch homogener Raum. Die Menschen seien im Kommunismus mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass dies die Gesellschaft stabilisiert und schützt, so Krastev.

Ein weiteres Ergebnis der Midem-Studie ist, dass die Ostdeutschen weitaus positiver gegenüber Zuwanderern eingestellt sind als die Osteuropäer und in ihrer Haltung näher an den Westeuropäern als gedacht. Mit Ausnahme der Muslime. Da ist die Ablehnung stärker ausgeprägt als in Westeuropa, aber schwächer als in Osteuropa. Festgemacht wird die ostdeutsche Sonderrolle am Antwortverhalten auf Umfragen für die Europäische Wertestudie 2019. So wurden 37.000 Menschen in Europa gefragt, ob sie bei einer angespannten Arbeitsmarktlage der Bevorzugung von Einheimischen gegenüber Ausländern zustimmen würden. In Ostdeutschland stimmten 49 Prozent der Befragten dem zu, ein Niveau wie in Spanien und Österreich. In Mittel- und Osteuropa lag die Zustimmung bei 70 Prozent und mehr. Auf die Frage, ob sie Menschen anderer Hautfarbe nicht gern als Nachbarn hätten, antwortete elf Prozent der Ostdeutschen mit Ja, in Tschechien waren es über 30 Prozent.

Gründe dafür sehen die Midem-Forscher in der Entwicklung nach der deutschen Einheit, dass Ostdeutsche schneller zu Wohlstand kamen als die Osteuropäer. Die Transfers von Wissen, Wertvorstellungen und des politischen Systems aus dem Westen sowie die Zuwanderung Westdeutscher in den Osten hätten die Einstellungen hierzulande beeinflusst – also genau das, was viele Ostdeutsche heute als „Hegemonisierung des Denkens“ und „westdeutsche Deutungshoheit“ kritisieren.

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