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Das traurige Ende eines beliebten Gasthofs

Bis 1974 lebte in Seifersdorf der Saal im Erbgericht. Später ging es stetig bergab. Jetzt hat es richtig geknallt.

Heute ist davon nur noch ein Schutthaufen übrig.
Heute ist davon nur noch ein Schutthaufen übrig. © Frank Baldauf

In Seifersdorf drohte im August der ehemalige Gasthof Erbgericht einzustürzen. Der Eigentümer wurde zwar herbeizitiert, bekam eine Frist gesetzt, hatte aber nicht die Mittel, den Verfall selbst aufzuhalten. Daher musste aus Sicherheitsgründen die Stadt eingreifen.

Das war dann das letzte traurige Kapitel eines Gasthofs, der schon einmal viel bessere Zeiten erlebt hat. Alte Postkarten zeigen, dass hier keine armen Leute ein und aus gingen und das Erbgericht schon zu Kaisers Zeiten ein stattliches Anwesen darstellte.

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Auch später war der Gasthof noch ein Treffpunkt für die ganze Umgebung. In Seifersdorf ging es rund in den 1960er- und 70er-Jahren, wenn im Gasthof Erbgericht Tanz angesagt war. Rappelvoll war der Saal auch, wenn dort Gruppen wie Elektra, die Puhdys oder Panta Rhei spielten. Daran erinnert sich Ortsvorsteher Uto Böhme noch gut. Willy Kunath, der Gastwirt, war die Seele des Betriebs. „Die Seifersdorfer gingen auch nicht in den Gasthof. Sie gingen zum Willy“, erzählt Böhme. Alte Abbildungen zeigen, wie schmuck der Gasthof einst gewesen ist.

Ein nobles Auto ist hier vor vielen Jahren vor dem Gasthof in Seifersdorf vorgefahren. Die letzten Jahre stand das Haus leer. 
Ein nobles Auto ist hier vor vielen Jahren vor dem Gasthof in Seifersdorf vorgefahren. Die letzten Jahre stand das Haus leer.  © Sammlung Uto Böhme

Mitten im Ort, gegenüber von der Kirche auf der anderen Seite der Straße, gehörte das Erbgericht traditionell zum Ortszentrum. Bis zum Tod von Willy Kunath 1972 blieb das auch so. Danach haben seine Erben das Haus verkauft. Es ging an die Großhandelsgesellschaft (GHG) Magdeburg. Die hat es zu einem Ferienheim für ihre Mitarbeiter umgebaut. Der Saal war dann ab 1974 für öffentliche Veranstaltungen gesperrt. Die Gaststätte blieb aber öffentlich und war auch weiterhin beliebt bei den Einwohnern.

Mit dem Ende der DDR ging auch diese Phase vorbei. „Danach haben noch mehrere Gastwirte dort ihr Glück versucht, aber keiner mit durchschlagendem Erfolg“, berichtet Böhme. Die Treuhand, welche nun die Eigentümerin des Anwesens geworden war, hatte lange versucht, einen Käufer zu finden. Sie hat 1994 einen Spezialkatalog veröffentlicht mit Gasthäusern aus der Region. Darin hat sie auch das Seifersdorfer Haus mit angeboten.

Etwas später fand das Haus einen neuen Besitzer, der aus einem Nachbarort kam. Er hat begonnen, das Haus zu renovieren. Jedoch stockten die Arbeiten dann und der Eigentümer geriet in Insolvenz, berichtet Böhme weiter. Damit konnte der Eigentümer an dem Gasthof auch nicht mehr weiterarbeiten. Seit vielen Jahren stand der nun leer und war dem Verfall preisgegeben.

Später hat Willy Kunath mit seiner Familie das Erbgericht betrieben, wie die Werbekarte zeigt. Er war die Seele des Hauses. Die Seifersdorfer gingen nicht in den Gasthof, sie gingen zum Willy.
Später hat Willy Kunath mit seiner Familie das Erbgericht betrieben, wie die Werbekarte zeigt. Er war die Seele des Hauses. Die Seifersdorfer gingen nicht in den Gasthof, sie gingen zum Willy. © Sammlung Uto Böhme

Vor einiger Zeit ist die Decke des Saals eingebrochen. Womöglich war das auch die Ursache dafür, dass das Hauptgebäude jetzt zu wackeln begann, weil Druck auf die Mauern kam. Jedenfalls hörten Ende Juli dieses Jahres die Nachbarn lautes Knallen, berichtete Oberbürgermeisterin Kerstin Körner. Was dort gerissen oder heruntergefallen ist, weiß niemand.

Jedenfalls schien es, dass die Giebelwand nach außen stürzen könnte. Das war eine akute Gefahr. Dort führt ein öffentlicher Weg vorbei, über den die Nachbarn, die hinter dem Gasthof wohnen, ihre Zufahrt haben. Diese Nachbarn durften erst einmal nicht mehr dort vorbei fahren. Sie konnten stattdessen auf dem Parkplatz unterhalb der Kirche ihre Autos abstellen, wo normalerweise nur Kurzzeitparken erlaubt ist.

Gespräche mit Fachleuten zeigten, dass angesichts des schlechten Bauzustands nur noch der Abriss des Erbgerichts blieb, berichtet die Dippser Oberbürgermeisterin Kerstin Körner (CDU). Die Anwohner mussten aber auch etwas Geduld haben. Denn die Stadt nahm erst Kontakt zum Eigentümer auf, der inzwischen in Baden-Württemberg wohnt, und forderte ihn auf, die Gefahr zu beseitigen.

1905 wurde diese Postkarte gedruckt mit dem Gasthof als Motiv. 
1905 wurde diese Postkarte gedruckt mit dem Gasthof als Motiv.  © Sammlung Uto Böhme

Nachdem der Eigentümer diesen Schritt nicht ging, hat die Stadt ein Fachunternehmen beauftragt, das am Freitag, dem 9. August, mit dem Abriss begann, und ihn am Dienstag, dem 13. August abgeschlossen hat. Jetzt liegt dort, wo einst die Seifersdorfer getanzt, gegessen und musiziert haben, nur noch ein Schutthaufen. Ringsherum hat die Stadt einen Bauzaun aufstellen lassen. Der Ortsvorsteher hat auf der jüngsten Stadtratssitzung der Oberbürgermeisterin für das entschlossene Vorgehen gedankt. Die Stadtverwaltung prüft jetzt, ob sie Fördermittel zur Revitalisierung von Brachflächen bekommen kann. Dafür müsste sie jedoch erst Eigentümerin des Grundstücks werden.

Die Sicherheit ist fürs Erste wieder gegeben. Die Nachbarn können ohne Risiko an dem Erbgerichts-Grundstück vorbeifahren. Aber wie es jetzt mit dem Schutthaufen mitten in Seifersdorf weitergeht, ist offen. Die Stadt Dippoldiswalde versucht, die Kosten für den Abriss vom Eigentümer zurückzuholen. Er bekommt einen Kostenbescheid. Abriss und Zaun haben rund 11 000 Euro gekostet. Wenn der Eigentümer nicht bezahlt, kann die Stadt eine Zwangsversteigerung beantragen.

Für Informationen zwischendurch aufs Handy können Sie sich unter www.szlink.de/whatsapp-regio anmelden.

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