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Das unsichtbare Geschlecht

Angeblich leben in Mücka deutlich mehr Männer als Frauen. Doch auf den Straßen zeigt sich ein völlig anderes Bild.

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Von Alexander Kempf

Manche Dörfer haben einen Anstrich. Mücka, heißt es, sei braun. Es soll in dem kleinen Ort nahe Niesky mal eine „Nazi-Disko“ gegeben haben. In der Sächsischen Zeitung ist Mücka kürzlich rot angestrichen worden, genauer gesagt dunkelrot. Eine Grafik, die zeigt, wo im Landkreis Görlitz Frauenmangel herrscht, weist Mücka als wahre Männerbastion aus. Laut Statistik kommen dort auf 100 Herren gerade mal 52 Damen. Das klingt nach Einöde und Einsamkeit. Höchste Zeit also für einen Besuch vor Ort, um die Männer selbst zu Wort kommen zu lassen.

Die Jugend ist fort. Das Thema beschäftigt die Menschen in Mücka mehr als der vermeintliche Mangel an Frauen. Foto: André Schulze
Die Jugend ist fort. Das Thema beschäftigt die Menschen in Mücka mehr als der vermeintliche Mangel an Frauen. Foto: André Schulze © André Schulze
Man sollte meinen, für viele Alleinstehende in Mücka wäre eine Frau ein Sechser im Lotto. Doch vielleicht steht der eine oder andere Herr gar nicht auf Damen. Foto: André Schulze
Man sollte meinen, für viele Alleinstehende in Mücka wäre eine Frau ein Sechser im Lotto. Doch vielleicht steht der eine oder andere Herr gar nicht auf Damen. Foto: André Schulze © André Schulze

Viel Verkehr herrscht nicht auf den Dorfstraßen. Auf einem Grundstück ziehen zwei Männer Zigaretten durch. Aus nächster Nähe entpuppen sich beide jedoch als Frauen. Von der Statistik, sie seien in Mücka in der Minderheit, haben sie schon gehört. „Das ist doch Quatsch“, sagt eine der Frauen. Sie hat einen Kaugummi zwischen den Zähnen und blonde Strähnen in ihrer Kurzhaarfrisur. Wer eine Frau wolle, der finde auch eine, erklärt sie. Ihren Namen behält sie indes lieber für sich.

Aber irgendwo muss sich der Frauenmangel doch bemerkbar machen, oder? Sie schüttelt mit dem Kopf. Im Supermarkt arbeiten Frauen, ebenso in der Postfiliale und sie selbst sei Lehrerin an der Mittelschule in Mücka. Von wegen Frauenmangel. Auch im Postauto, das vorbeifährt, sitzt eine Frau. Eine echte „Mücksche“, wie die Postbotin wenige Minuten später selbst verrät. Klingelt sie denn öfter bei Männern oder Frauen? Sie versteht die Frage nicht. „Es gibt hier nicht mehr Männer als woanders“, sagt sie. Ihr Name bleibt ein Geheimnis. Vielleicht lieben es Mückaer Mädels einfach diskret. Womöglich haben sie sich bei Bevölkerungszählungen einfach versteckt und die Statistik hinkt.

Im Bäckerauto auf dem Markt hat Angelika Wiener am Montag die Füße hochgelegt. Sie sitzt im Fahrerhaus und wartet auf Kundschaft. Weiß sie, wo die Männer von Mücka sind? Die Verkäuferin muss passen. „Zu mir kommen eher ältere Frauen“, antwortet sie. Jeden Montagvormittag parkt sie in Mücka, um Brot, Brötchen und Kuchen zu verkaufen. Müssten hier Junggesellen nicht eigentlich Schlange stehen? Doch von Männern fehlt jede Spur. Auch in der nahen Postfiliale gibt es keinen Mann. Stattdessen hat Antje Wierick Bastelsachen im Sortiment. „Patchwork leicht gemacht“ steht auf einem Magazin. Vielleicht sitzen die Herren ja alle daheim und sticken. Vielleicht ist in Mücka alles anders. Er strickt, sie kauft ein. Doch Männer interessieren sich nicht wirklich für Handarbeiten, erzählt Antje Wierick. Sie kommen vor allen Dingen, um Lotto zu spielen.

Das Glück ist mit den Tüchtigen. Es gibt doch Männer in Mücka. In einer Nebenstraße am Bahnhof unterhalten sich zwei Herren über den Gartenzaun. Ob sie alleinstehend sind? Einer der beiden möchte gleich flüchten, als er den Reporter entdeckt. Der hätte ja schließlich auch von den Zeugen Jehovas sein können, erklärt Klaus Stecher nach ein paar Minuten. Er ist 70 Jahre alt, Siegfried Neubecker wird bald 74 Jahre alt. „Wir haben alle ’ne Frau“, versichern die beiden Senioren. Daran mangele es in Mücka nicht. Stattdessen fehle die Jugend. Die sei weg. „Alle rübergemacht“, brummt Siegfried Neudecker. Und Klaus Stecher nickt. „Die Enkel hauen alle ab!“, sagt er und kritisiert „die da oben“ in Dresden.

Siegfried Neudecker ist stolz, dass er seiner Tochter und dem Schwiegersohn mit seiner Autowerkstatt Arbeit in der Region verschafft hat. So sind sie „im Orte“ geblieben und die Enkel auf seinem Schoß großgeworden. Dieses Glück ist Klaus Stecher vergönnt geblieben. „Unsere Ecke hier ist ganz beschissen“, sagt er und lächelt deutlich weniger als Siegfried Neudecker. Das Zaungespräch lockt Frau Schmiedel, die Nachbarin der Neudeckers, vor die Haustür. „Rentner, Rentner, Rentner“, beschreibt sie Mücka. Ihr Mann bleibt im Haus. Er sei nicht mehr so gut zu Fuß.

Fehlen wirklich so viele Frauen in Mücka, Frau Schmiedel? Sie hat gerade im Radio davon gehört, erzählt sie. Angeblich gibt es sogar am Polarkreis mehr Frauen. Prozentual gesehen. Mit ihren Fingern zählt Frau Schmiedel die Junggesellen im Dorf zusammen. Sie kommt auf fünf Männer. Mehr nicht. Wirklich erklären kann sie sich die Statistik nicht. Ihre Enkelin hat Mücka vor langer Zeit verlassen. Sie lebt heute in Amerika. Vielleicht sind Frauen einfach aufgeschlossener und neugieriger.

Klingeln bei einem vermeintlichen Junggesellen. Seine Mutter macht auf. Es ist eine sympathische Frau mit einnehmendem Lächeln. Nein, erzählt sie, ihr Sohn mache sich nichts aus Frauen. Und überhaupt habe es in Mücka schon immer viele Alleinstehende gegeben. Am Ende der Straße etwa teilen sich zwei Männer ein Haus. Lieben die womöglich Männer? Aber nein, winkt die Frau ab. „Die sind nicht schwul. Die sind nur schüchtern.“

Einsamkeit scheint ein Tabuthema zu sein. Die Männer verstecken sich. Hinter Haustüren und Gardinen. Am Fenster eines abgehalfterten Neubaublocks steht mit weißer Farbe „White Power“ und „100% arisch“. Dort noch klingeln? Nein, danke. Vielleicht ist Mücka braun. Vielleicht ist es dunkelrot. Irgendwie wirkt es an diesem Tag vor allen Dingen grau.