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„Das verfängt bei Mitläufern von damals“

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk kritisiert Methoden der AfD im Wahlkampf.

Demonstration am 4. November 1989 in Ostberlin: Für Demokratie und Reformen waren Hunderttausende auf die Straße gegangen, unter ihnen auch der Schauspieler Dieter Wien (3.v.l.) und die Sängerin Gisela May (4.v.l).
Demonstration am 4. November 1989 in Ostberlin: Für Demokratie und Reformen waren Hunderttausende auf die Straße gegangen, unter ihnen auch der Schauspieler Dieter Wien (3.v.l.) und die Sängerin Gisela May (4.v.l). © imago/Stana

Herr Kowalczuk, gemeinsam mit mehr als 100 früheren DDR-Bürgerrechtlern und Oppositionellen werfen Sie der AfD vor, die Revolution von 1989 zu vereinnahmen. Was macht Sie so wütend?

Wir sind 1989 für genau die Grundwerte auf die Straße gegangen, die diese Partei jetzt ganz massiv untergräbt. Es ist empörend, dass die AfD im Wahlkampf im Osten versucht, mit Slogans wie „Vollende die Wende“ diese Revolution zu missbrauchen. Sie präsentiert sich als Erbin der Proteste von damals und tut so, als herrschten heute in Deutschland ähnliche Verhältnisse wie in der DDR, einer kommunistischen Diktatur. Es macht uns wütend, dass das gleichgesetzt wird. Niemand kommt hier ins Zuchthaus dafür, seine eigene Meinung öffentlich zu vertreten.

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Wie kann denn diese „Wende 2.0“-Rhetorik der AfD überhaupt verfangen bei den Menschen im Osten Deutschlands, die ja genau wissen, wie es war in der DDR?

Das verfängt einerseits bei denjenigen, die die DDR nicht miterlebt haben und erst nach der Revolution in den Osten gezogen sind. Und andererseits bei denen, die in der DDR Mitläufer waren. Denn die Revolution wurde ja von einer Minderheit gemacht, der Osten bestand vor allem aus Mitläufern. Ich meine das nicht herabwürdigend. In jeder Diktatur muss man irgendwie durchkommen, überleben. Aber die Menschen, die sich gegen das System gestellt haben, die in der DDR zu leiden hatten, im Gefängnis gesessen haben, die Diktatur als Diktatur wahrgenommen haben – die stehen zum größten Teil nicht hinter den Parolen der AfD.

Welche Wendeerfahrungen tragen denn dazu bei, dass in Thüringen, Sachsen und Brandenburg zwischen 20 und 25 Prozent der Menschen AfD wählen wollen?

Viele sind damals ohne ihr Zutun in ein neues System gespült worden. Sie hatten einen Hochglanzkatalog erwartet und haben Arbeitslosigkeit bekommen. Ihnen wurden die blühenden Landschaften versprochen und dass es niemandem schlechter gehen würde. Und dann kommen sie in einer Realität an, die viel härter war, als sie der Westen kannte. Sie gingen davon aus, dass ein neuer starker Staat da ist, aber auch diese Erwartung wurde nicht erfüllt. Menschen, die im Osten AfD wählen, setzen auf einen starken Staat, der alles regelt.

Ilko-Sascha Kowalczuk ärgert sich darüber, dass die AfD versucht, die friedliche Revolution für ihren Wahlkampf zu vereinnahmen.
Ilko-Sascha Kowalczuk ärgert sich darüber, dass die AfD versucht, die friedliche Revolution für ihren Wahlkampf zu vereinnahmen. © dpa

Sie sind selbst in der DDR in einem staatsnahen Elternhaus aufgewachsen, gaben schon mit zwölf Jahren auf Anraten Ihrer Eltern eine Erklärung beim Wehrkreiskommando ab, Offizier der NVA werden zu wollen. Als Sie dann mit 14 Jahren sagten: Ich will das nicht – da wurde Ihnen der Weg zum Abitur und zum Studium versperrt. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Ich hatte einen wahnsinnigen Hass auf viele Gruppen, zum Beispiel auf Studenten – völlig ungerechtfertigt natürlich. Weil die studieren durften und ich nicht, habe ich sie für angepasste Arschlöcher gehalten. Das war unfair und es dauerte eine Weile, bis ich nach 1989 diesen „moralischen Überschuss“ gezäumt bekam. Die Revolution war dann für mich eine unglaubliche Befreiung, ich konnte diese angestaute Energie endlich einsetzen und tun, was ich schon immer tun wollte. Dieser Fixpunkt ’89, dieses unglaubliche Glücksgefühl gewonnen zu haben, das ist bis heute ein Band, das viele Bürgerrechtler von damals zusammenhält.

Sie kritisieren, dass auch die Linke versucht, die Revolution für sich zu vereinnahmen. Was genau meinen Sie damit?

Die Linke ist die Rechtsnachfolgerin der SED. Die Linke und allen voran ihre Ikone Gregor Gysi suggerieren, dass die Partei 1989 dafür gesorgt habe, dass die Revolution friedlich verlaufen sei. Dass sie dafür gesorgt habe, dass die Mauer gefallen ist. Das ist beides nicht richtig. Mich ärgert außerdem sehr, dass Gregor Gysi als letzter SED-Vorsitzender ausgerechnet am 9. Oktober dieses Jahres in Leipzig auftritt. Also dem Tag, als vor 30 Jahren über 70.000 Menschen aus der ganzen DDR in Leipzig gegen die SED-Herrschaft demonstrierten. Dem Tag, der den Mauerdurchbruch am 9. November möglich machte. Angesichts der Verbrechen und historischen Verantwortung der SED ist dieser Auftritt von Gysi einfach zynisch.

Das Interview führte Maria Fiedler.

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