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Das Verschwinden der Alpen

Europas steinernes Herz hat es schwer. Nicht wegen Lawinen und Naturereignissen. Sondern weil der Mensch auch in den Bergen rücksichtslos wirtschaftet.

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Die Nutzung der Alpen verändert sich: In manchen Teilen kehrt der Wald zurück, weil Menschen abwandern und Flächen nicht mehr bewirtschaftet werden.
Die Nutzung der Alpen verändert sich: In manchen Teilen kehrt der Wald zurück, weil Menschen abwandern und Flächen nicht mehr bewirtschaftet werden. © Verlag wbgTheiss

Von Paul Kreiner

Die Alpen stehen unter Stress. Von unten, aus dem Erdinneren, drückt immer neues Gestein nach. An den Gipfeln reißt der Sturm und an den Graten das Wasser. Der Klimawandel lässt Gletscher so schnell dahinschmelzen wie noch nie. Der Permafrost weicht: So verlieren riesige Felsmassive den Kitt, der sie zusammenhält. Und der Mensch? Der weiß nichts Vernünftiges mehr anzufangen mit den Bergen. In weiten Teilen lässt er sie im Stich, in anderen überfordert er sie mit Verkehr, Industrie und immer mehr Skianlagen. Aus Siedlungen, die sich mit der Alpenlandschaft arrangiert haben, werden Städte wie die im Flachland auch.

Kurz und gut: Die Alpen verschwinden. So bringt es Werner Bätzing auf den Punkt. Er kennt sich aus. Ein Leben lang hat der heute 69-jährige Geografieprofessor und Kulturhistoriker das bergige Herz Europas erforscht. Nicht nur am Schreibtisch, sondern viel mehr in Wanderstiefeln. Seine Bücher über die Alpen sind Standardwerke. Jetzt hat er einen neuen Bildband vorgelegt – und mit sehr vielen, vorwiegend selbst aufgenommenen Fotos das „Verschwinden einer Kulturlandschaft“ dokumentiert.

Moderne Nutzung: Aussichts-Konstruktionen . . .
Moderne Nutzung: Aussichts-Konstruktionen . . . © Verlag wbgTheiss

Das sind nicht immer schöne Bilder, und sie sollen es auch nicht sein. Die „Romantik“ überlässt Bätzing den zahllosen Hochglanzkalendern, die jetzt zum Jahresbeginn wieder aufgeblättert werden. Er selbst dokumentiert die anderen Seiten der Alpen – dort, wo sich der Mensch allzu breitgemacht hat in den vergangenen Jahrzehnten. Und dort, wo sich die Landschaft in Verwitterung und Erosion selbst zerlegt. Die Alpen sind ein geologisch recht junges Hochgebirge, dem man die eine oder andere Flegelhaftigkeit nicht zur Last legen sollte. „Sprunghafte Naturereignisse“ wie Lawinen, Felssturz, Bergsturz, Muren oder Hochwasser sind keine „Naturkatastrophe“, sondern in einem jungen Hochgebirge der Normalfall. Es ist genau diese Naturdynamik, die die typisch alpinen, vielfach bestaunten und in Europa einmaligen Landschaftsformen erst schuf und schafft.

Lange schon, seit ungefähr 6 000 Jahren, hat der Mensch „die Alpen für seine Zwecke tiefgreifend ökologisch verändert“. Ohne „künstliche“ Raumgestaltung sähen wir die Alpen heute nicht in unserem Lieblingsdesign, als eine liebliche, abwechslungsreiche, offene Landschaft, durchdrungen und überragt von schroffen Felsen. Wir sähen überhaupt nichts, denn ohne menschliche Nutzung wären die Alpen komplett bewaldet. Und sie werden es wieder. In großen Teilen der französischen und der italienischen Berge wandern Menschen aus wirtschaftlichen Gründen ab, verlassen Höfe und Almen, geben eine im Einklang mit der Natur über Jahrhunderte geformte Kulturlandschaft preis.

Auch da, wo er bleibt, verändert der Mensch das „Wesen“ der Alpen. Weil Berge und Täler nicht genügend hergeben, um Ernährung und Wohlstand der Bewohner zu sichern, werden Industrien angesiedelt, „die nichts mit den Alpen zu tun haben“. So verunstalten immer mehr Produktionshallen ganze Tallandschaften. Manche Teile der Alpen werden zu Vororten der Großstadt, der nördliche Rand etwa mit der Nähe zum Ballungsraum München. Die Folgen: Verkehr, Wohnungsdruck, Zersiedelung, Umweltschäden. Das ist kurios, denn damit zerstören städtisches Denken und Erfordernisse eine Gegend, die als Gegenwelt zur Stadt gilt, mit sauberer Luft, freiem Blick, reiner Natur.

. . . ausgedehnte Pisten und Speicherseen . . .
. . . ausgedehnte Pisten und Speicherseen . . . © Verlag wbgTheiss

Aber wollen Städter das Land überhaupt so begreifen, wie es ist? Sehen sie die Alpen, die sie einstmals gewissermaßen „meditativ“ erwandert haben, heute nicht vielmehr als einen Freizeitpark automatisierten Gepräges, von dem sie Erlebnisperfektion auf Knopfdruck erwarten dürfen? Der Erlebnishunger scheint so groß, dass die Berge, so wie sie sind, nicht mehr reichen. Die Tourismusgemeinden überbieten einander in wildem Wettbewerb um die atemberaubendsten Hängebrücken, extreme Sportmöglichkeiten oder um gläsern-verwegene Aussichtsplattformen über dem Nichts. Sie konstruieren Hochseilgärten, die „längste“ Rodelbahn, das „größte zusammenhängende“ Pistengebiet. Doch die immer neuen Attraktionen, wenn nicht jedes Jahr gesteigert, sie nutzen sich schnell ab. Es drohe, diagnostiziert Bätzing, ein „Erlebnis-Burn-out“.

Davor seien auch die Alpenvereine nicht gefeit, kritisiert der Alpenforscher. Sie deklarierten sich als Naturschutzverband, propagieren aber – gerade in ihrer aktuellen Kampagne – die Erlebniswelt der Berge. Jede Werbung jedoch verlängerte die Staus auf den Zufahrtsautobahnen. Längst nicht mehr nur am Wochenende. Mit der wachsenden Zahl rüstiger Rentner geraten die Berge auch an Werktagen immer stärker unter Druck. Drei Viertel der Abgasbelastung geht auf Kosten der An- und Abreise. Überhaupt nimmt die Zahl der Touristen immer weiter zu. Bei einer Wohnbevölkerung von 5,7 Millionen Menschen in den zentralen Alpenregionen – der Schweiz und Bayerns, in Tirol, Südtirol, Salzburg, Vorarlberg, Belluno und Trentino – zählte man 2017 stolze 34,5 Millionen touristische Ankünfte und fast 122 Millionen Übernachtungen. Weil die Ankünfte (plus 4,6 Prozent gegenüber 2016) stärker steigen als die Übernachtungen (plus 2,9 Prozent), weil sich also mehr Leute für kürzere Urlaube in Bewegung setzen, bedeutet das eine stärkere Zunahme des Verkehrs. Dieser besteht zu 80 bis 90 Prozent aus Autos.

. . . und intensive Landwirtschaft.
. . . und intensive Landwirtschaft. © Verlag wbgTheiss

In Tirol und Südtirol wird die Belastung schon als derart groß empfunden, dass man über Obergrenzen für den Tourismus diskutiert. Die Gesamttiroler und Trentiner Heimatpfleger haben im Dezember eine Warnung herausgegeben: „Die Grenzen des Wachstums sind vielerorts erreicht!“ Das Wachstum produziere „neben bedrohlich anschwellenden Verkehrslawinen zu viel Beton und zu viele Betten; es lässt die Preise auf Kosten der Ansässigen steigen; es bringt einen erhöhten Verbrauch von Landschaft und Ressourcen mit sich.“

Früher war nicht alles besser. Ganz und gar nicht. Früher aber, sagt Werner Bätzing, hätten die Menschen in den Alpen noch etwas gepflegt, was „heute als überholt und unzeitgemäß scheint: den Respekt vor den Bergen.“ An dessen Stelle sei heute anderes getreten. Die Überheblichkeit zum Beispiel, mit technischen Mitteln und riesigen Bauten die Natur beherrschen und formen zu können. Talsiedlungen und ihre Industriegebiete wuchern bewusst in überflutungs- und erdrutschgefährdete Zonen hinein – man hat ja die Maschinen, um immer noch höhere Schutzwälle und noch gigantischere Lawinenmauern zu bauen.

Um noch mehr „Pistenspaß“ zu bieten, werden im Hochgebirge noch mehr Hänge glattgewalzt, kilometerlange Strom- und Wasserleitungen in den Boden eingelassen, Schneekanonen aufgestellt, Speicherseen fast auf Grathöhe in den Fels gesprengt – häufig ohne die Frage zu stellen, wie langfristig stabil das alles ist. Man riskiert, was alte Bauern niemals riskiert hätten: dass der Berg irgendwann den eigenen Kindern oder Enkeln auf den Kopf rutscht. Die meisten Skigebiete, sagt Bätzing, werden aufgrund der Klimaerwärmung geschlossen werden müssen: „Wenn sie dann nicht aufwendig und mit großen Kosten zurückgebaut werden, dann entstehen ökologische Zeitbomben mit sehr großem Gefahrenpotenzial.“

Werner Bätzing schlägt vor, die alte Kleinräumigkeit der Alpen neu zur Geltung zu bringen, den Tourismus nicht auf Mega-Ski-Arenen zu konzentrieren, sondern in die Dörfer zu verteilen, gerade so viel, wie jedes einzelne eben verträgt. Unter den Wirtschaftsformen sollten sich „in ausgewogener Doppelnutzung“ die importierte Industrie und die „alpenspezifische“ ergänzen, die alpine aber den Vorrang haben. Erzeugung und stärkere Vermarktung lokaler Agrarprodukte könnten nicht nur die einheimischen Bauern stärken, sondern auch zur Aufwertung einer „kulturellen Identität“ beitragen, die allzu häufig einer geistigen, medial geformten Allerwelts-Verstädterung gewichen sei. Werner Bätzing verlangt Staaten, die mit fördernden, stützenden Eingriffen ein alpines Leben tragfähig erhalten – da, wo das selbst erarbeitete Geld nicht reicht. Projekte zur Wiederbesiedelung und -belebung von Dörfern gerade in den italienischen und den französischen Alpen hängen derzeit vollständig an privaten Initiativen. Bätzing selbst hat vor Jahren mit der (Wieder-)Erweckung der „großen Alpendurchquerung“, der „Grande Traversata delle Alpi“, versucht, sanften Tourismus als Wirtschaftsfaktor zu fördern. Viel Geld bleibt bei solchen Initiativen nicht hängen – und junge Einheimische ziehen das angenehme Leben in der Stadt der rauen Alpenrealität vor.

Werner Bätzing, Jahrgang 1949, war bis zu seiner Pensionierung Professor für Kulturgeografie in Erlangen-Nürnberg. Er forscht und lehrt seit 40 Jahren zum Thema Alpen.
Werner Bätzing, Jahrgang 1949, war bis zu seiner Pensionierung Professor für Kulturgeografie in Erlangen-Nürnberg. Er forscht und lehrt seit 40 Jahren zum Thema Alpen. © Verlag wbgTheiss

Man hat Bätzing vorgeworfen, er sperre sich in sentimentalem Rückblick auf eine angeblich heile Alpenwelt jeder sinnvollen Erneuerung. Das jedoch tut er nicht. Wenn er verlangt, dass die Alpen „ein schnelles Internet erhalten müssen“, dann denkt er nicht (nur) an Gebirgsbewohner oder Touristen, die ihre Netflix-Serien ruckelfrei konsumieren wollen. Er denkt an die Förderung „neuer, dezentraler Arbeitsplätze.“ Das könnte die Wirtschaftsstrukturen durchaus verbessern, in einer Weise allerdings, die „auf den Ressourcen des Alpenraums basiert und sie auf eine umwelt- und sozialverträgliche Weise nutzt.“ Damit entstehen „neue alpenspezifische Lebensformen“, und es entstehen neue Kulturlandschaften, die „im Detail anders aussehen werden als die traditionellen.“

Wir Alpenreisenden müssen uns also auf die Dauer vermutlich von liebgewordenen Alpenbildern verabschieden. Doch welche neuen wir sehen werden, das weiß offenbar noch keiner.

Werner Bätzing, „Die Alpen – Das Verschwinden einer Kulturlandschaft“, Verlag Theiss, 220 Seiten, 38 Euro.

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