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Das verschwundene Brückenmännchen

Spaziergänger wundern sich, dass die Figur an der Augustusbrücke nicht zu sehen ist. Das hat einen guten Grund. 

Ein Bild aus vergangenen Zeiten: das Brückenmännchen am ersten Pfeiler der Augustusbrücke. Derzeit ist dieses Dresdner Wahrzeichen aber verdeckt.
Ein Bild aus vergangenen Zeiten: das Brückenmännchen am ersten Pfeiler der Augustusbrücke. Derzeit ist dieses Dresdner Wahrzeichen aber verdeckt. © Steffen Füssel

Gerüste und Bauzäune prägen derzeit das Bild an der Augustusbrücke. Und das schon lange. Denn das Bauwerk wird bereits seit knapp zwei Jahren saniert, was viele Dresdner aufmerksam verfolgen. Zu denen gehört auch Karin Kretzschmar. Erst kürzlich hatte die sehr geschichtsinteressierte gebürtige Dresdnerin einen „Kontrollgang“ unternommen und dabei das Brückenmännchen gesucht. Die Skulptur aus Sandstein war sonst immer am ersten Pfeiler am Terrassenufer direkt neben dem Theaterkahn zu sehen. „Leider haben wir es nicht entdeckt“, berichtet die 74-Jährige.

Das Brückenmännchen ist nicht nur ein Wahrzeichen von Dresdens traditionsreichster Elbquerung, sondern auch der Stadt. Die kauernde Figur mit ihrer tief ins Gesicht gezogenen Mütze soll der Überlieferung nach den Italiener Matteo Foccio zeigen, der angeblich einer der ersten Baumeister der steinernen Dresdner Brücke war. Bereits im 11. Jahrhundert soll dort eine Holzbrücke gestanden haben. Für die wurden ab 1119 Pfeiler aus Stein errichtet. Erstmals urkundlich erwähnt wird das Bauwerk 1287, als die steinerne Brücke bereits die Elbe überspannt. Sie soll zwischen 1173 und 1222 gebaut worden sein. Darauf verweist auch eine steinerne Tafel am Neustädter Brückenende. Sie war eines der monumentalsten Brückenbauwerke des Mittelalters im damaligen deutschen Reichsgebiet, resümiert Norbert Oelsner vom Landesamt für Denkmalpflege in einem Arbeitsheft der Behörde zur alten Augustusbrücke. „Sie gehörte als ingenieurtechnische Großtat zu den längsten mittelalterlichen Brückenbauten.“ Die Dresdner Brücke übertraf mit ihren 561 Metern den steinernen Bau von Regensburg, der 330 Meter lang war.

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Baumeister Matteo Foccio oder auch Matthäus Fotius wird später im Volksmund vulgär als „Matz Fotze“ bezeichnet. Das berichtet der Dresdner Kunsthistoriker Heinrich Magirius, der im abschließenden Kapitel des Arbeitsheftes ausführlich auf das Brückenmännchen eingeht. Danach war das ursprüngliche Relief am Schlussstein eines Brückenbogens angebracht. Der wird am 19. März 1813 auf Befehl der französischen Besatzer gesprengt.

Die Figur gilt zunächst als verloren. Deshalb bekommt der Bildhauer Christian Gottlieb Kühn den Auftrag, das Männchen neu zu schaffen. Offenbar hat diese Nachbildung beim Neubau den Platz des Vorgängers am Bogenscheitel eingenommen. Und das, obwohl man das alte Brückenmännchen bei der späteren Beräumung der Bogentrümmer wieder findet. 

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Das Männchen war auch in ganz anderem Zusammenhang in aller Munde. So gab es im Volksmund die Redewendung „Zum Brückenmännchen gehen“ oder „Sich vom Brückenmännchen rufen lassen“ als Synonym für das Pullern unter der Brücke.

Die Pöppelmannsche Brücke wird Ende des 19. Jahrhunderts mit zu engen Bögen und zu niedrigen Pfeilern zum Hindernis für die Schifffahrt und für Hochwasser. Sie kann auch den wachsenden Verkehr nicht mehr aufnehmen. Also errichten Bauleute zwischen 1907 und 1910 die Friedrich-August-Brücke. Angebracht wird Magirius zufolge eine wahrscheinlich völlig neu angefertigte Skulptur. Unklar ist aber, nach welchem genauen Vorbild sie gefertigt wurde. Diese Frage muss auch Magirius offenlassen. 1967 folgt eine Kopie, die bis heute am ersten Brückenbogen hängt. Das bestätigt auch Rathaussprecherin Anke Hoffmann auf SZ-Nachfrage.

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Brückeninteressentin Karin Kretzschmar konnte das Brückenmännchen nur aus dem Grund nicht entdecken, da eine Holzverkleidung die Skulptur während der Bauarbeiten schützt. Ist die Sanierung beendet, wird auch das Dresdner Wahrzeichen am ersten Pfeiler wieder zu sehen sein, erklärt die Rathaussprecherin. Die letzten Arbeiten sollen bis zum Sommer 2020 beendet werden. „Dann werde ich auf jeden Fall dorthin gehen und das Brückenmännchen meinen Enkeln zeigen“, sagt Karin Kretzschmar, nachdem die SZ sie darüber informiert hat.