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Feuilleton

Das war die Premiere von "Hair" in Radebeul

Die neue Landesbühnen-Inszenierung des Musicals „Hair“ feiert bis zum bitteren Ende.

Ein bisschen Rauch – schon ist das Bewusstsein erweitert. Eine Erfahrung, die in „Hair“ eine Hippie-Truppe macht.
Ein bisschen Rauch – schon ist das Bewusstsein erweitert. Eine Erfahrung, die in „Hair“ eine Hippie-Truppe macht. © Hans Ludwig Böhme

Von Jens Daniel Schubert

Es ist eine große Party. An den Landesbühnen hat „Hair“ Premiere und die Bühne, hineinwabernd in den Zuschauerraum, verwandelt sich in die Welt von Hippies und Flowerpower. Man disputiert über Krieg und Einberufung, über Gott und Kirche, die Spießigkeit der Eltern und die Sehnsucht nach festen Beziehungen. Aber all das geht unter, wenn der nächste Schwall aus Musik, Jointqualm und Selbstdarstellung über das Geschilderte schwappt. Erst spät, ganz spät und für einen der ihren zu spät, holt die Hippies auf der Bühne die harte Realität ein, eine volle Breitseite für die Zuschauer. Das Publikum ist betroffen – und feiert weiter, nun jedoch die Inszenierung.

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Anders als im bekannten Film von Milos Forman wird im Musical, und dem folgen die Landesbühnen in der Inszenierung von Peter Dehler konsequent, weniger stringent die Geschichte von Claude erzählt. Claude ist von Beginn Teil der tanzenden, feiernden Hippie-Truppe und kommt nicht von außen dazu. Die Reflexionen seiner familiären Prägung oder die drohende Einberufung zum Kriegsdienst sind ein Spiel mit überdimensionierten Puppen. Die reale Welt, jenes streng regulierte Amerika, gegen das die langhaarigen Gammler protestieren, dem sie mit Sex und Drogen zu entfliehen versuchen, kommt nicht vor. Alles bewegt sich in und aus der Musik heraus, mit über 30 Songs wird in „Hair“ eigentlich alles vertanzt.

Uwe Zimmermann sitzt, alternierend mit Michael Fuchs, an den Keyboards und leitet die Band, die im Bühnenhintergrund platziert ist. Von da kommt der Sound der Endsechziger, der Beat, der die Party am Laufen hält. Es ist wie erwartet und geht in die Beine. Die Arrangements sind vielfältig, das musikalische Material reichhaltig. Im Gesang mit vielen schönen Soli oder im Chor ist kaum zu merken, dass unter den Schauspielern neben zwei Gästen nur eine Sängerin ist. Benjamin Oeser gastiert als Oberhippie Berger und erweist sich als echte Bereicherung des Ensembles. Sein Partner auf Augenhöhe ist Holger Uwe Thews als Claude.

Sheila, die begehrte Frau zwischen beiden, ist Christin Rettig. Bei den Frauen überzeugen außerdem Julia Vincze als Linda und Mutter, Sandra Maria Huimann als Dionne und Julia Rani, die sich als Chrissy auch tänzerisch profiliert. Mit voller Kraft und ganzem Einsatz wirft sich das Ensemble, erweitert durch Studierende der Theaterakademie Sachsen, in die Choreografien von Till Nau. Hier glänzt mit fast artistischen Einlagen der zweite Gast, Anderson Pinheiro da Silva als Hud. Immer neue Arrangements, neue tänzerische Ideen, lustvoll und mit individueller Note von jedem Ensemblemitglied umgesetzt, lassen in der Endlos-Party Eintönigkeit keine Chance.

Stefan Wiels Bühnenbild ist der große leere Raum, an den Seiten und hinten Gerüste mit Graffitis, den die Darsteller in den choreografierten Aktionen und Tänzen, im vernebelten Auf und Ab ihrer gefeierten Proteste, protestierenden Feiern, im Aufeinanderzu und Voneinanderweg der freien Liebe zu ihrer Welt entfalten.

Wiel hat für Masken und Kostüme genau dahin gelangt, wo sich die Verweigerung und der Protest gegen die prüde amerikanische Realität mit den bunten Träumen und exotischen Ideen gemischt haben. Entstanden ist ein eigenwilliger Kosmos aus bunten Tüchern und Gewändern, die heute wieder einen hippen Reiz haben. Regisseur Peter Dehler sowie Choreograf und Lichtgestalter Till Nau verzichten ganz bewusst darauf, sich auf die Geschichte von Claude zu fokussieren.

Dass die Hippie-Gruppe in ihrer Verweigerungshaltung für ihn eine ungekannte Alternative zur kleinstädtischen Enge und der Flucht vor ihr in den Kriegsdienst ist, wird nicht erzählt. Vielleicht ist es der eigentliche aktuelle Bezug des Stückes ins Heute, dass diese bunte Welt in ihrer Anziehungskraft das Protestpotenzial nur im Munde führt, ihr Widerstand mehr als Partythema taugt, als zu wirklicher Veränderung führt. Doch dieser Gedanke, wenn er denn beabsichtigt ist, hat eigentlich keinen Platz.

Wenn die Blumenkinder auf der Bühne sich nach jedem erschöpften Zusammenbrechen wieder neu aufraffen, ein neuer Gag, ein neuer Song, ein neues Thema, ein neuer Tanz mitreißt, springt das über die Rampe. Die Party geht weiter. Man kann ganz gut damit leben, sich nicht für die Welt zu interessieren. Bestenfalls über die Missstände schimpfen und die Unfähigkeit der Politiker beklagen, ob sie im Weißen Haus, Berlin oder Brüssel sitzen. Selbst wenn Claude in kurzem Haar und Uniform, mit Tarnbemalung und Holz-MPi sich durch den Salve um Salve abgeräumten Dschungel seiner Freunde pirscht, ist auch das noch ein, wenngleich makaberes Spiel. Erst wenn der Song „Let The Sunshine In“ sich vom fröhlichen Sonnenanbeter-Lied zum verzweifelten, hoffnungslosen Aufschrei steigert, wird es ergreifend.

Im Hintergrund steht ein realer fahnenbedeckter Sarg mit einem Toten. Für den gibt es keine Rückkehr, keine „undo“-Taste, kein Erwachen – und sei es mit einem mordsmäßigen Kater. Schluss mit lustig. Die Party ist am Ende. Vielleicht ist dieses Ende so brutal, weil bis dahin nichts darauf hingedeutet hat, dass die Geschichte von Claude, vom Landei, das den Absprung nicht schafft, irgendeine Bedeutung hat.

Die Premierenbesucher in Radebeul feierten eine schwungvolle Party, ein Hippie-Revival erster Güte.

Wieder am 11. und 12.5. und ab 8.6. in Rathen; Kartentelefon: 0351 8954214