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„Das war unter aller Kanone“

Warum Thomas Hübener Dynamo nach dem Aufstieg verlassen hat und was bei Arminia Bielefeld anders läuft.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Die Aufstiegsfeier wird zu seiner Abschiedsparty. Nach vier Jahren in Dresden ist Thomas Hübener mit Dynamo endlich am Ziel. Aber statt mit den Schwarz-Gelben in der 2. Fußball-Bundesliga zu spielen, wechselt er im Sommer 2011 nach Bielefeld, was besonders deshalb verrückt erscheint, weil die Arminia gerade in die Drittklassigkeit abgestiegen ist. Doch Hübener führt die Ostwestfalen als Kapitän im zweiten Jahr wieder nach oben. Und so kommt es am Freitag zum Wiedersehen – und das beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Traditionsvereine überhaupt.

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Thomas Hübener, nach sieben Niederlagen in Folge war der Druck für die Arminia vor dem Spiel beim FSV Frankfurt am Montagabend sicher enorm. Wie sind Sie damit umgegangen?

Das ist extrem schwer. So eine Negativserie hatte ich noch nie erlebt. Wir waren ja erfolgreich gestartet, wurden vom dritten Tabellenplatz durchgereicht. Das ist hart.

Wie hat sich das auf die Stimmungslage ausgewirkt?

Wir leben als Mannschaft davon, dass wir zusammenhalten, einer für den anderen kämpft. Es ist keiner dabei, der allein die Spiele entscheidet. Wenn man aber vier-, fünf-, sechsmal verliert, ist das eine Situation, in der man aufpassen muss, dass das Gemeinschaftsgefühl nicht verloren geht, weil jeder überall nach Gründen sucht.

Welche Ursachen haben Sie denn gefunden, außer dass Torjäger Fabian Klos lange verletzt ausgefallen ist?

Es war wohl von allem etwas. Natürlich hat uns Fabian Klos gefehlt, der vorn die Bälle hält und Tore macht. Und obwohl es für einen Aufsteiger normal ist, mal zwei, drei Spiele in Folge zu verlieren, kommst du ins Grübeln: Reicht das überhaupt? Dann sagt man sich: Das ist doch Quatsch! Wir hatten ja gezeigt, dass wir mithalten können. Aber so etwas nagt am Selbstvertrauen.

In Frankfurt geriet Arminia zunächst in Rückstand, gewann aber 2:1 …

Ja, das 0:1 war wie ein Nackenschlag. Aber so zurückzukommen, war sensationell. Frankfurt trifft dreimal Latte oder Pfosten – dieses Glück hat uns in den Wochen zuvor oft gefehlt. Der Sieg ist das Erfolgserlebnis zur rechten Zeit. Das gibt Auftrieb für die drei wichtigen Spiele bis zur Winterpause.

Ungewöhnlich war und ist die Rückendeckung für Trainer Stefan Krämer; jedenfalls vom Vorstand und den Fans. Ist das in der Mannschaft auch so?

Als er uns übernommen hat und wir in der 3. Liga ganz unten standen, hat er sich mit seinen Maßnahmen in die Herzen der Spieler manövriert. Jeder – auch die, die nicht spielen – würde sich für ihn zerreißen.

Woran liegt das?

Er ist authentisch, redet offen. Auf der einen Seite ist er ein Kumpeltyp, auf der anderen kann er in wichtigen Dingen autoritär sein. Er bekommt die Mischung hin.

Bei Dynamo hatten Sie fünf Trainer in vier Jahren: Norbert Meier, Eduard Geyer, Ruud Kaiser, Matthias Maucksch und Ralf Loose. Was läuft in Bielefeld anders?

Als ich nach Bielefeld kam, herrschten hier ähnliche Verhältnisse wie in Dresden, Konflikte wurden in der Öffentlichkeit ausgetragen. Dann gab es den Wechsel an der Vereinsspitze. Seitdem ist Ruhe eingekehrt. Die Führung stellt sich vor die Mannschaft, macht keinen Stress, keinen Druck. Das färbt auf die Fans ab. Wenn man so eine Durststrecke erlebt, es aber absolut keine Pfiffe gibt, ist das etwas wirklich Besonderes.

Es gab eine Demonstration für den Trainer …

Vor dem Spiel in Frankfurt standen plötzlich 500 Leute beim Training und sangen, Stefan Krämer müsse bleiben. In der heutigen Zeit, in der die meisten Vereine den Trainer nach vier, fünf schlechten Spielen rauswerfen, ist so etwas hervorzuheben.

Trotzdem: Es gibt doch in jeder Mannschaft unzufriedene Spieler. Kommt da keine Missstimmung auf?

Ich kann es nachvollziehen, wenn ein Spieler, der wenig zum Einsatz kommt, gefrustet ist. Auch bei uns gibt’s unzufriedene Spieler, aber sie haben keinen Groll auf den Trainer, sondern versuchen, sich anzubieten. Das ist die professionelle Einstellung, die der Trainer predigt und vorlebt.

Trotzdem sind Sie im Oktober als Kapitän dieser tollen Truppe zurückgetreten. Wie passt das zusammen?

Meine Frau Simone und die Kinder wohnen in Leverkusen. Ich pendle, so oft es geht. Wenn man aber als Kapitän öfter abends Medien- oder Sponsoren-Termine wahrnehmen soll, leidet auch das Familienleben. Das ging auf Dauer nicht. Deshalb habe ich den Entschluss gefasst, die Binde abzugeben.

Aber nicht die Verantwortung?

Natürlich nicht. Es ist mein Naturell, der Mannschaft Impulse zu geben, sie mitzureißen, laut zu sein auf dem Platz. Es ist für mich selbstverständlich, dass ich versuche, als Führungsspieler vorneweg zu gehen. Das hat mit der Binde nichts zu tun.

Ihre jetzt fünfjährige Tochter Naomi und der zweijährige Sohn Jordi Noah sind in Dresden geboren. Sie bleiben der Stadt also auf ewig verbunden …

Klar, Dresden steht immer in ihrem Ausweis. Schon das verbindet.

Waren Sie nach dem Wechsel noch mal in Dresden?

Ja, einmal, aber nicht zum Spiel. Ich habe mich mit Axel Keller getroffen. Zu den Jungs von damals wie Maik Wagefeld habe ich noch guten Kontakt, auch zu Sebastian Schuppan und Zeugwart Maik Hebenstreit.

Warum haben Sie Dynamo nach dem Aufstieg 2011 verlassen?

Ich möchte nicht nachkarten. Es war so, dass ich ein Angebot vorliegen hatte, aber als ich es annehmen wollte, hat es Steffen Menze als neuer Sportdirektor zurückgezogen. Er wollte auch nicht mit meinem Berater Karl Herzog reden, sondern hat mir irgendwann einen Umschlag in die Hand gedrückt: „Hier, das ist dein Angebot.“ Ohne mit mir vernünftig zu reden. Wenn man nach vier Jahren, in denen man alles für den Verein gegeben hat, so behandelt wird, war das unter aller Kanone. Für mich war die Sache damit erledigt, auch wenn mich Ralf Loose gebeten hat: „Junge, überleg dir das.“ Es tat mir sehr leid, Dresden zu verlassen, zumal wir endlich aufgestiegen waren.

Wozu aber auch ein Trainerwechsel notwendig war, oder?

Dazu stehe ich nach wie vor: Ohne den Trainerwechsel wären wir nicht aufgestiegen. Ich halte Matthias Maucksch für einen sehr guten Trainer und wundere mich, dass er noch keinen neuen Verein hat. Aber der Wechsel war in der Situation richtig.

Warum?

Wir hatten drei Spiele in Folge verloren, vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz und vier Mannschaften vor uns. In der Zeit war die Mannschaft ein Stück weit gespalten, und er hatte die Zügel nicht in der Hand, um das wieder zu richten. Er hat die Mannschaft nicht mehr erreicht.

Was war Ihre wichtigste Erfahrung, die Sie in Dresden gesammelt haben?

Von den Amateuren von Leverkusen zu so einem Verein zu kommen, bei dem das Medieninteresse so groß, die Fanszene außergewöhnlich ist – da lernt man nicht nur als Fußballer, sondern auch als Mensch viel. Zum Beispiel, dass man sich nicht immer alles annehmen sollte – weder das Positive noch das Negative. Es sind auch Dinge passiert, die ich nicht so schön fand wie die Aktion, als auf unserem Trainingsplatz elf Gräber ausgehoben waren. Da begreift man, dass manche den Fußball nicht nur als Fußball, sondern zu engstirnig sehen. Insgesamt aber war es eine schöne Zeit.

Trotzdem sind Sie zu einem Absteiger in die 3. Liga gegangen. Wieso?

Ich hatte zunächst enge Kontakte nach Düsseldorf, aber das hat sich dann zerschlagen. Eine Alternative wäre Aue gewesen, was jedoch für jemanden, der von Dynamo kommt, nicht passt. Die Gespräche in Bielefeld haben mich überzeugt zu sagen: Okay, du gehst da hin und versuchst, mit der Arminia wieder hochzukommen. Im Nachhinein habe ich also einiges richtig gemacht.

Am Freitag treffen die Arminia und Dynamo zum ersten Mal aufeinander. Also ein besonderes Spiel?

Für mich persönlich auf jeden Fall. Wenn man vier Jahre für den Verein gespielt, einen wichtigen Teil seiner Karriere dort bestritten hat, freut man sich auf so ein Match – vor allem auf die Dresdner Fans, die sehr laut sein werden. Es ist ein sehr wichtiges Spiel. Dynamo steht knapp über uns, mit einem Sieg können wir vorbeiziehen. Das muss unser Ziel sein, nachdem wir auch zu Hause einige bittere Pleiten einstecken mussten.

Wie beurteilen Sie Dynamos Leistung gegen Kaiserslautern?

Wenn ich an unser Spiel denke, hatten wir gegen Kaiserslautern nicht wirklich eine Chance. Diese Mentalität der Dresdner, immer zurückzukommen und weiter Gas zu geben, zeichnet uns aber auch aus. Die individuelle Klasse mag bei Dynamo einen Tick höher sein, aber ich glaube, dass wir als Team vom Zusammenhalt ein Stück weiter sind.