SZ + Deutschland & Welt
Merken

Das waren die Zehnerjahre

2010 bis 2019 war ein widersprüchliches Jahrzehnt - zwischen Terrorangst und Tinder, Helene Fischer und Conchita Wurst, Trump und WM-Sieg. Ein Rückblick.

Teilen
Folgen
Bastian Schweinsteiger jubelt mit dem WM-Pokal auf der Fanmeile nach dem Sieg im Finale der Fußball-WM 2014 in Brasilien zwischen Deutschland und Argentinien.
Bastian Schweinsteiger jubelt mit dem WM-Pokal auf der Fanmeile nach dem Sieg im Finale der Fußball-WM 2014 in Brasilien zwischen Deutschland und Argentinien. © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images/DFB/dpa

Von Gregor Tholl

Berlin. In den Nullerjahren brachen die WLAN-Zeiten an, das Smartphone kam auf. Und jetzt sind auch schon die Zehnerjahre vorbei, in denen Instagram, Snapchat, Facebook, Whatsapp, TikTok, iPhone, iPad, AirPods, Emojis, Selfiestangen, Spiegel-Selfies, Sprachnachrichten, Spotify und Sprachassistenten wie Alexa einen Siegeszug antraten. Das neue digitale Leben - inklusive verspanntem Handy-Nacken und Haltungsschäden.

Die Zehnerjahre, das war auch das Jahrzehnt eines langen Konjunkturhochs zumindest in Deutschland, andererseits aber auch eine Dekade, die geprägt war von Terrorangst mit Anschlägen etwa in Paris und Nizza und auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin.

Prägende Erfahrung und viel Stoff für Streit und Hetze in Europa war die sogenannte Flüchtlingskrise, die nicht zuletzt wegen des verheerenden Krieges in Syrien entstand.

Während die sogenannten Nullerjahre mit dem 11. September 2001 und den Terroranschlägen in den USA recht eindeutig zu Beginn einen prägenden Tag hatten, kommen bei den Zehnerjahren mehrere epochemachende Daten infrage.

Da wären zum Beispiel die Loveparade-Katastrophe von Duisburg am 24. Juli 2010, der 11. März 2011, als in Japan ein gewaltiges Erdbeben einen tödlichen Tsunami auslöste sowie der 4. September 2015, als zunächst hunderte Flüchtlinge mit Erlaubnis der Bundeskanzlerin aus Ungarn nach Deutschland kamen. Außerdem der 23. Juni 2016 als Tag des Brexit-Votums oder der 9. November 2016, als nachts überraschend der Immobilien- und TV-Promi Donald Trump als Sieger der US-Präsidentenwahl feststand.

Der Euphorie folgt die Schmach

Im Jahr 2014 war die Euphorie groß, als Deutschland im Endspiel gegen Argentinien Fußballweltmeister wurde - zwei Turniere nach dem "Sommermärchen" von 2006. Den Gastgeber Brasilien hatte die Elf zuvor mit einem sensationellen 7:1 aus dem Turnier gekickt. 2018 war die Schmach dann umso größer, als Deutschland bei der Fußball-WM in Russland schon in der Vorrunde ausschied.

Im Fernsehen gilt ein alter Bekannter als Sieger des Jahrzehnts: der Sonntagskrimi "Tatort", der in ungeahnte Quotenhöhen stieg. Daneben stiegen weltweit im Ansehen US-Serien, die als das neue Erzählmedium schlechthin gelten. Streaming-Dienste wie Netflix wurden wichtiger. Das sogenannte Binge-Watching (Komagucken vieler Folgen am Stück) breitete sich aus. Liveshows zogen dagegen weniger. Das ZDF stellte 2014 nach 33 Jahren den Samstagabend-Klassiker "Wetten, dass..?" ein.

Im Kino schienen Superhelden-Blockbuster wie "Avengers" das Nonplusultra. Bei den Oscars gewannen dagegen öfter kleinere Filme, etwa "The King's Speech", "The Artist", "Spotlight" und "Moonlight", in Cannes ruhige Werke wie "The Tree of Life", Michael Hanekes "Amour" oder der japanische Film "Shoplifters - Familienbande".

Beim Essen und Trinken wurden die Leute immer wählerischer. Milch, Laktose, Gluten, Fleisch, Zucker, Alkohol - alles bei vielen hoch umstritten. Einerseits wurde viel über vegetarische Ernährung oder komplett tierproduktfreien Veganismus geschrieben und gesprochen, andererseits boomten Burger-Lokale und aufwendige Grillgeräte für den Garten und Balkon. Kombiniert wurden die beiden widersprüchlichen Trends in veganen Burger-Patties, die 2019 zum Hype wurden. Jahrelang beschäftigte auch das Küchengerät Thermomix die Gemüter, das wiegen, kochen, garen, Teig kneten oder auch Eis machen kann.

Sehnsucht nach Komfort und Geborgenheit

Bei Getränken wurde Craft Beer aus Mikrobrauereien zum Trend, auch alkoholfreies Bier und Naturradler löschten den Durst. In Bars wurde gern Gin Tonic bestellt. Die Wahl des Gin wurde zu einem Distinktionsmerkmal. Bei den Heißgetränken wurde Matcha bei manchem zum Latte-Macchiato-Ersatz.

Und in den eigenen vier Wänden zelebrierten viele den "Hygge"-Trend (Sehnsucht nach Komfort und Geborgenheit). Die Autorin Marie Kondo half beim Aufräumen - in ihren Büchern führt der Weg zum Glück über ein ordentliches Zuhause. Wer verreiste, buchte seine Unterkunft womöglich beim Internet-Marktplatz Airbnb und schlief in Privatwohnungen statt Hotels. Beim Urlaub boomten außerdem einerseits Dreck machende Kreuzfahrtschiffe und kurze Städtetrips per Flugzeug, andererseits machte angesichts von Klimaaktivismus und Greta Thunberg das Wort von der "Flugscham" die Runde. Auch Wandern wurde zum Hype.

Gesundheit war ein Megathema. Fast jeder schien plötzlich einen Fitness-Tracker (ein Fitnessarmband) zu tragen, um Schrittzahl, Puls, Schlaf oder gelaufene Stockwerke zu kontrollieren. Das Rauchen wurde immer uncooler, auf den Zigarettenpackungen tauchten ekelige Bilder zur Abschreckung auf, mancher stieg aufs Dampfen oder E-Zigaretten um. Für saubere Luft und gegen zu langsame Maßnahmen gegen den Klimawandel demonstrierten viele bei den "Fridays for future".

Und wie klangen die Zehnerjahre? "Atemlos". Der Hit von Helene Fischer war wohl der Ohrwurm des Jahrzehnts. Der Schlager boomte, Hip-Hop und Rap aber auch. Lena gewann zum Auftakt des Jahrzehnts den Eurovision Song Contest für Deutschland, danach aber war Deutschland meistens Loser bei der europäischen Musikshow.

Aufgedruckte Slogan und fette Logos

Fast überall war eine Zeit lang das trendige Fabelwesen Einhorn zu sehen - auf Kindergeburtstagen, Popfestivals, Anti-Nazi-Demos, Pullis, Jutebeuteln. Der kindische Modetrend hatte etwas mit Ironie und Realitätsflucht zu tun: Einhörner stehen für Friede und Freude.

Modisch kamen T-Shirts mit Slogan zurück und fette Logos auf den Klamotten - ein Revival der 90er. Und Knöchel erlebten als neues Dekolleté an hochgekrempelten Hosen ihre Entdeckung (sogenanntes Flanking). Der neue Menschentypus Hipster war ein Phänomen. Viele Großstadtmänner zeigten sich gern mit Bart als besonders unweiblich. Andererseits wurden Geschlechter immer fluider, wie zum Beispiel Conchita Wurst als bärtige Dragqueen zeigte. Gesellschaftspolitisch schaffte es auch Deutschland, die Heteronormativität zu durchbrechen und die Ehe für alle - also auch Lesben und Schwule - einzuführen.

Das Smartphone-Spiel "Pokemon Go" mit virtueller Monsterjagd in realer Umgebung war angesagt, ebenso wie die Klugscheißer-App "Quizduell". Zur Partnersuche oder einfach nur für Sexdates setzten sich mobile Dating-Apps durch. Bei Tinder werden Flirt-Vorschläge nach Attraktivität sortiert. Jemand uninteressant? Foto nach links verschieben! Jemand sexy? Foto nach rechts wischen! So einfach schien das zu sein. Mal sehen, wie attraktiv die 2020er Jahre werden. (dpa)