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Das Wiesenwunder vom Gimmlitztal

Die Pflege der prächtigen Bergwiesen ist Teil des Naturschutzes. Das hilft dem Tourismus und manchmal den Bauern.

Anfassen ja, aber Pflücken verboten! Ines Thume vom Landschaftspflegeverband und Wiesenbesitzer Hans-Peter Zönnchen zeigen das Breitblättrige Knabenkraut. Die geschützte Orchideenart wächst im Gimmlitztal im Osterzgebirge.
Anfassen ja, aber Pflücken verboten! Ines Thume vom Landschaftspflegeverband und Wiesenbesitzer Hans-Peter Zönnchen zeigen das Breitblättrige Knabenkraut. Die geschützte Orchideenart wächst im Gimmlitztal im Osterzgebirge. © Foto: Dirk Zschiedrich

Das hat lange gedauert. Die Grundstücksbesitzer im Gimmlitztal im Osterzgebirge waren nur schwer davon zu überzeugen, was für einen Schatz sie besitzen. Denn dessen Wert lässt sich nicht direkt in Geld ummünzen.

„Es hat aber ein Umdenken eingesetzt“, sagt Ines Thume vom Landschaftspflegeverband Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Im Oberlauf des Gimmlitz-Bachs sind etwa 65 Hektar geschütztes FFH-Gebiet, sogenanntes Flora-Fauna-Habitat. Auf etwa acht Hektar davon kümmert sich die Osterzgebirgische Landschaftpflege GmbH (OLP), eine hundertprozentige Tochter des Pflegeverbands, um die Bergwiesen. Es könnten noch mehr Grünland-Flächen sein. Doch einige Besitzer warten noch ab.

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Nicht so Hans-Peter Zönnchen. Der Rentner und Alt-Bürgermeister von Hermsdorf im Erzgebirge freut sich jedes Mal, wenn er an seiner Wiese am Kalkwerk vorbeigeht und die Blütenpracht sieht. „Der Juni ist der beste Monat. Dann blüht am meisten“, sagt er und zeigt über die Straße ins Tal, wo die Gimmlitz über eine andere Wiese mäandert. Dort steht das Breitblättrige Knabenkraut dicht an dicht. Die violetten Blüten der unter Naturschutz stehenden Orchidee mischen sich mit dem weißen Bärwurz und anderen Blumen. Diese Pracht ist jedoch vergänglich, wenn sie nicht gepflegt wird. Das Grünland würde erst verkrauten und sich dann der Wald ausbreiten.

Zahlreiche bedrohte Pflanzenarten wachsen im Gimmlitztal. Hier gehört zum Naturschutz aber auch regelmäßige Pflege.
Zahlreiche bedrohte Pflanzenarten wachsen im Gimmlitztal. Hier gehört zum Naturschutz aber auch regelmäßige Pflege. © Foto: Dirk Zschiedrich

Das wäre nicht nur schade für die seltenen Pflanzen. „Das Heu, das bei der Pflege anfällt, ist so etwas wie eine kleine Staatsreserve“, sagt Zönnchen und schmunzelt dabei. Dass auf den mageren Wiesen mit den gerade mal fünf Ballen Heu pro Hektar kein Staat zu machen ist, weiß er natürlich. Aber gerade in trockenen Jahren wie 2018 könne das bei der Viehhaltung als Grünfutter helfen. Das passe deshalb gut, weil die feuchten Wiesen in Trockenzeiten besser zu mähen seien. Planbar sei das aber nicht.

Das Gute für die Grundbesitzer, die eine Vereinbarung mit dem Landschaftspflegeverband getroffen haben, ist, dass ihnen unwirtschaftliche Flächen keine Kosten mehr verursachen, diese aber trotzdem gepflegt werden. Meist sind es besonders feuchte Wiesen, die nicht mit Maschinen befahren werden können oder es sind schwierige Hanglagen. Die Pflege wird über die Sächsische Richtlinie „Vorhaben auf Grünland, Biotoppflegemahd mit Erschwernis“ auf der Grundlage des Entwicklungsprogramms für den Ländlichen Raum vom Freistaat gefördert. Das erfolgt im Europäischen Schutzgebietssystem „Natura 2000“. Das umfasst 40 FFH-Gebiete und elf Vogelschutzgebiete.

Die Wiesen im Gimmlitztal sind mit der Landnutzung entstanden. Einst wurde darauf Vieh gehalten. Zu DDR-Zeiten ließ die LPG das Grünland noch aufwendig in Handarbeit mähen. Dass damals die Orchideen überlebt haben, ist auch Gerd Scholz aus Reichenau zu verdanken, der sich schon in den 1980ern als Naturschutzhelfer um deren Erhalt gekümmert hat.

Im Gimmlitztal kommt einiges zusammen, was zu einem außergewöhnlichen Grünland geführt hat. Der basenreiche, kalkbelastete Boden ist nicht so verbreitet, für manche Pflanzen aber idealer Nährboden. Hier wachsen vom Aussterben bedrohte Arten wie etwa Waldstorchenschnabel oder Bergwohlverleih. Damit Laien die besonderen Pflanzen auch erkennen können, werden im August und September dieses Jahres vier neue Schautafeln aufgestellt. „Im nächsten Jahr kommen dann noch sogenannte Lebensraumtafeln hinzu“, erklärt Thume. Dort soll man dann nachlesen können, was das Besondere einer Bergwiese ist.

In der unscheinbaren Gimmlitz leben auch Bachneunauge und Groppe.
In der unscheinbaren Gimmlitz leben auch Bachneunauge und Groppe. © Foto: Dirk Zschiedrich

Je attraktiver das Wandergebiet, desto mehr profitieren auch die Gastronomen oder andere touristische Anbieter. „Diese Initiative kann ich nur begrüßen“, sagt beispielsweise Silvia Sommerschuh vom Buschhaus in Hermsdorf. Zu Pfingsten sei zwar immer ein großer Ansturm von Wanderern im Gimmlitztal, danach lasse es aber auch wieder nach.

Manche Besucher sind aber nicht gern gesehen, nämlich die, welche seltene Pflanzen ausgraben und für den heimischen Garten mitnehmen. „Das ist meist eine völlig sinnlose Aktion“, sagt Thume. Nicht nur, weil es verboten ist. „Diese Pflanzen brauchen ganz bestimmte Lebensräume“, sagt sie. Da wunderten sich dann die Leute, dass die Blumen in ihrem Garten eingehen. Eine Strafe fürs Ausgraben droht obendrein. Wer die Pracht bewundern möchte, müsse eben öfter ins Gimmlitztal kommen. „Die Wiesen verändern sich auch im Laufe der Jahreszeiten“, sagt Zönnchen. Seine Tiere seien zwar nicht sehr scharf auf das Kräuterheu. „Aber wenn Gäste bei uns mal in der Scheune sind, sagen wirklich alle: Oh, wie toll das hier riecht“, sagt er.

Kostenlose Führung:

Eine Führung ist am Sonnabend, 15. Juni geplant. Treffpunkt ist um 10 Uhr an der Illingmühle, Gimmlitztal 103, 01762 Hartmannsdorf-Reichenau. Die etwa dreistündige Tour wird von Konrad Knauthe vom Förder- und Naturverein geleitet und ist kostenlos.

Im Oberlauf der Gimmlitz sind einzigartige, kalkbeeinflusste Wiesen und Niedermoore erhalten geblieben.

Anmeldungen bitte telefonisch unter 03504-629660 oder per E-Mail: [email protected].

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Verpflegung aus dem Rucksack.

Kontakt Landschaftspflegeverband Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Tel. 03504-629669. (SZ)

www.lpv-osterzgebirge.de

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