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Leben und Stil

Das Wort, das unser Leben einfacher macht

Wie sage ich es den anderen, ohne aufdringlich zu sein? Kommunikationscoach Robert Körner kennt einen verblüffenden Trick.

© Matthias Rietschel

Die Überzeugungskraft eines Menschen lebt von seinem Auftreten, seinen Worten – und von seinen Argumenten. Ein Argument kann aber noch so gut sein – wenn es verklausuliert oder ohne eine präsente Körpersprache vorgetragen wird, verhallt der Effekt zusehends, und man findet oftmals doch kein Gehör.

Gerade die Wörter tragen in ihrer Wirkung eine immense Macht in sich. Denn spätestens seit die Spezies Mensch komplexe Sprachen entwickelt hat, ist sie eher darauf getrimmt, zuzuhören statt zuzusehen. Daher ist es gut zu wissen, dass es ein paar Kniffe und Tricks gibt, wie wir mittels der richtigen Wortwahl unser Leben hier und da einfacher gestalten können.

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So las ich einst bei Thorsten Havener, dem Zauberkünstler und Kommunikationsass, dass das Wörtchen „oder“ eine magische Wirkung entfalten kann. Er beschrieb es in einer allzu bekannten Situation: Sie sitzen spät abends noch mit Ihren Freunden zu Hause bei einem Gläschen Wein. Es wird viel gelacht und ausgetauscht, jedoch merken Sie, wie die Müdigkeit in den Körper zieht. Allerdings sehen Sie sich nicht im Stande, Ihre Gäste hinauszukomplimentieren, geschweige denn fällt es Ihren Freunden auf, dass Sie eigentlich bettreif sind. Was tun?

Das kleine Wörtchen „oder“ kann Abhilfe leisten. Es deutet an, dass es mehrere Optionen gibt. Meist formulieren wir diese aus. „Wollen wir am Wochenende baden gehen oder doch eine Wanderung unternehmen?“, könnte zum Beispiel ein Satz sein, der in vielen sächsischen Familien fällt. Aber was passiert, wenn Sie den letzten Halbsatz weglassen? Ganz automatisch vervollständigen wir diesen durch unseren Erfahrungsschatz.

Am Beispiel der sitzfleischstarken Freunde ließe sich also eine elegante kommunikative Lösung finden: „Wollt ihr denn noch etwas trinken, oder ...?“ Die meisten Zuhörer werden unbewusst den Satz beenden mit „... jetzt nach Hause gehen?“ Der Absender hat dies allerdings nie formuliert. Er hätte genauso fortsetzen können mit „...oder noch etwas essen?“ Der Clou daran ist, dass es ein freundschaftlicher Wink ist zu gehen, ohne allzu aufdringlich zu sein, denn der Empfänger kreiert die Botschaft unbewusst von ganz allein.

In meiner Unizeit brachte mir das pointierte „oder“ mal eine unverhoffte Arbeitserleichterung ein. Da ich an einer Bundeswehrhochschule studierte, wurde ich zusätzlich militärisch geführt. Mittwochs standen allerlei Aufgaben an: Sportleistungen waren zu erbringen, Englischkurse abzulegen und Märsche abzuleisten. Was die Organisation betraf, wurden immer wieder Freiwillige gesucht. Ich meldete mich als Leiter für den jährlichen Basis-Fitness-Test. Gedanklich plante ich alles durch und traf die Absprachen mit dem zuständigen Sporthallenpersonal. Allerdings hatte ich noch keinen Befehl für die Sportausbildung geschrieben. Dazu musste ich noch meinen Vorgesetzten sprechen.

Gut vorbereitet suchte ich meinen Chef auf. Im festen Glauben, noch ein belastbares Schriftstück formulieren zu müssen, stellte ich ihm die entscheidende Frage nach dem Vorbild von Havener: „Ist noch ein Befehl für den BFT anzufertigen, oder ...?“ Der Rest war intensives Schweigen. Mein Hauptmann überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf: „Nein, das ist nicht notwendig.“ Ich war baff! Das ist die Macht von „oder“.

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