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Das Wunder der Gemeinsamkeit

Die Gemeinde Spreetal und das polnische Jasien arbeiten seit drei Jahren zusammen. Jetzt waren die Spreetaler zu Besuch.

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Am Gedenkstein für den deutschen Unternehmer Theodor Flöther auf dem Friedhof von Jasien.
Am Gedenkstein für den deutschen Unternehmer Theodor Flöther auf dem Friedhof von Jasien. © Foto: Jost Schmidtchen

Von Jost Schmidtchen

Spreetal/Jasien. Am 17. November 2016 reiste eine achtköpfige Delegation aus Spreetal mit Bürgermeister Manfred Heine, Kämmerin Antje Schneider-Trunsch und der damals stellvertretenden Geschäftsführerin der ASG Spremberg/Spreetal GmbH, Petra Lehmann, sowie weiteren Repräsentanten der Gemeinde Spreetal nach Jasien in Polen, um die partnerschaftliche Zusammenarbeit vertraglich zu vereinbaren. Am vergangenen Sonnabend nun gab es in Jasien, dem früheren Gassen, eine Zusammenkunft von deutschen und polnischen Abgeordneten. Zugegen waren auch die Bürgermeister, ihre Stellvertreterinnen und der Vorsitzende des Stadtrates von Jasien, Zbigniew Walczak.

Der Stadtratsvorsitzende begrüßte alle Teilnehmer des Treffens: „Wir hatten in diesem Jahr drei ganz besondere Jubiläen“, so hob er hervor. „Vor 30 Jahren gab es in Polen die ersten demokratischen Wahlen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Fall der Berliner Mauer. Der Mauerfall war für uns Polen ein wichtiger Schritt zur Einheit in Europa. Dann öffnete Schengen 2004 den Weg zur Gemeinsamkeit. Seitdem gibt es keine Grenze mehr wie früher. Alle Menschen finden zusammen“.

So war das auch am Sonnabend in Jasien mit den Partnern aus Spreetal. Jasiens Bürgermeister Andrzej Kamyszek würdigte die gute Zusammenarbeit mit Spreetal. Es gab 2019 zwei Zusammentreffen der Bürgermeister, viele Bürger besuchten sich gegenseitig. So waren schon mehrfach die Senioren, die Feuerwehren und am letzten Freitag die Erzieherinnen aus den Spreetaler Kitas zu Besuch in Jasien. Bürgermeister Manfred Heine bezeichnete in seinem Grußwort das Zustandekommen der Partnerschaft als „eine schwere Geburt“. Im Juli 2016 erhielt die Gemeindeverwaltung eine Anfrage der Stadt Jasien, die im sächsischen Raum eine Partnerschaft aufbauen wollte. „Wir haben keine 2.000 Einwohner mehr, Jasien ist eine kleine Stadt mit 4.000 Einwohnern. Könnte das gutgehen? Da habe ich mich sozusagen inkognito auf den Weg gemacht und mir Ihre Stadt angeschaut. Im Ergebnis konnte ich mir dann sehr schnell eine Partnerschaft vorstellen“. Und so schnell kam sie dann auch zustande. Die Gemeinsamkeit links und rechts von der Neiße findet große Unterstützung der EU aus Brüssel. Gemeinsame Projekte werden gefördert. Millionen Euro finanzieller Bewilligungen sind da schon in länger bestehende Partnerschaften geflossen. Viele Vorhaben wären ohne diese europäische Hilfe nie zustande gekommen.

Anliegen schriftlich einreichen

Die deutschen und polnischen Abgeordneten wollten beim jüngsten Besuch viel voneinander wissen, zum Beispiel, wie die kommunale Arbeit in Gänze bei den Partnern abläuft. Der Stadtratsvorsitzende Zbigniew Walczak informierte zunächst über die Stadtstruktur. Jasien umfasst als Gemeinde 17 Dörfer (analog den Ortsteilen in Spreetal). Jedes Dorf hat einen Dorfvorsteher.

Bürgermeister Manfred Heine informierte über die Gemeinde Spreetal und darüber, dass er aufgrund der gesunkenen Einwohnerzahl nur noch ehrenamtlich tätig ist. Heine verwies auf den Industriepark und seine zwei Bundesländer umfassende Struktur sowie auf die Besonderheiten des Lausitzer Seenlandes. Er lud die Partner aus Jasien zum Gegenbesuch nach Spreetal ein und auch gleich zum Urlaub an die Seen.

Ein weiteres Thema: Die Bürgernähe. In Jasien ist es so, dass die Bürger ihre Anliegen schriftlich im Rathaus einreichen können, der Bürgermeister führt auch Sprechstunden durch. Die Abgeordneten seien jederzeit ansprechbar. In Spreetal sind die Gemeinderatssitzungen öffentlich. Ortsvorsteherin Veronika Büschel aus Burg sagte, es gäbe viele Bürgeranliegen, doch „bei deren Umsetzung treten wir allerdings mehr auf der Stelle, als dass es vorwärtsgeht“. Heine ergänzte, dass es folglich Prioritätenlisten gibt. Weil nicht genügend Geld im Haushalt zur Verfügung stehe.

Zuschuss für die Schule

Eine andere Frage war die Dauer der Legislaturperioden. Bürgermeister Andrzej Kamyszek berichtete, dass in Polen nach neuem Regierungsbeschluss ein Bürgermeister nur zweimal für je fünf Jahre gewählt werden kann. Das Gesetz gilt ab den Kommunalwahlen 2018 zukunftsweisend, vorangegangene Legislaturperioden bleiben davon unberührt. Stadträte können unbegrenzt kandidieren, der älteste in Jasien ist seit 26 Jahren im Stadtrat. In Spreetal ist es Karin Weiß seit 30 Jahren. Manfred Heine ist 23 Jahre im Amt, eine Legislaturbegrenzung für Bürgermeister gibt es in Deutschland nicht.

Großes Interesse gab es für Kindergärten und Schulen. In Polen hat jedes Kind Anspruch auf einen Kindergartenplatz, sofern es die Eltern wünschen. Da der Staat aus einem Förderprojekt gutes Kindergeld zahlt, sind die Kindergartenplätze für die Jüngsten auch bezahlbar. Das polnische Schulsystem ist da nicht so großzügig: Jasien muss jährlich mit drei Millionen Zloty aus dem städtischen Haushalt seine Schule bezuschussen.

Übereinstimmung gibt es bei der sozialen Verantwortung beider Partner für Kinder, Jugend, Senioren und Vereine. Unterstützt wird die Jugend im kommunalen Bereich und in den Parlamenten. Viele junge Leute gibt es in der Politik östlich und westlich der Neiße gleichermaßen nur wenige.

Dem Erfahrungsaustausch schloss sich ein kleiner Stadtrundgang an. Eine Straßenbaustelle wurde besucht, dafür gibt Jasien 2,5 Mio. Zloty aus, folgen soll ein Fußgängerboulevard im Stadtzentrum. Karin Weiß wunderte sich, dass die Bauarbeiten auch am Sonnabend erfolgen. Bürgermeister Kamyszek sagte, die Firmen müssen die Termine halten. Da werde eben auch an den Wochenenden gearbeitet.

Ein weiteres Ziel war die Schule. 300 Kinder werden an zwei Standorten unterrichtet, erfuhren die Spreetaler Gäste von der Schulleiterin. Deutsch und Englisch sind Pflichtfächer. Die Schule aus Ostzeiten ist saniert und weist einen tadellosen Zustand auf, da macht den Kindern das Lernen Spaß. Wie an der Seenland-Grundschule in Burgneudorf. Letztes Ziel der Stadtbesichtigung war der städtische Friedhof. Wenige Tage nach Allerheiligen machten die Grabstätten einen überwältigenden Eindruck. An den Grabsteinen und Einfriedungen wird von den Hinterbliebenen katholischer Konfession nicht gespart. Die polnischen Gastgeber führten zu Gedenktafeln und einem deutschen Familiengrab. Das Ensemble ist unter Denkmalschutz gestellt. Erinnert wird hier an den deutschen führenden Landmaschinenhersteller Theodor Flöther (1824 bis 1891), dessen Fabrik den Bürgern von Gassen großen Wohlstand brachte. Am Eingang zum Friedhof wird an die unselige Vergangenheit vor und nach 1945 erinnert. An Hitlers KZ Groß Rosen und an das von Stalin nach dem Krieg verübte Unrecht.

Zum Abschied waren sich alle Beteiligten einig: Diese Partnerschaft wird weiter gepflegt und ausgebaut. Das nächste Treffen findet in Spreetal statt.