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Das Wunder von Woodstock

Auf einem Feld bei New York feiern drei Tage lang 400.000 Menschen. Was ist von dem Hippie-Fest geblieben, 50 Jahre danach?

Bethel, ein Örtchen zwei Stunden entfernt von New York, wurde 1969 zum Ort des legendären Musikfestivals Woodstock. Fast eine halbe Million Menschen feierte friedlich – drei Tage lang wurde keine einzige Schlägerei gemeldet.
Bethel, ein Örtchen zwei Stunden entfernt von New York, wurde 1969 zum Ort des legendären Musikfestivals Woodstock. Fast eine halbe Million Menschen feierte friedlich – drei Tage lang wurde keine einzige Schlägerei gemeldet. © dpa

Von Christina Horsten

Tibetanische Gebetsflaggen, bunt gebatikte T-Shirts und Hunde-Anzüge, Peace-Zeichen als aufblasbare Pool-Schwimmhilfen, und über all dem ein Geruch nach Räucherstäbchen: Die Tinker Street, das Zentrum des kleinen Städtchens Woodstock etwa zwei Autostunden nördlich von New York, wirkt wie ein kommerzialisierter Gedenkschrein an das gleichnamige Festival, das am 15. August vor genau 50 Jahren begann. Auf einem kleinen Platz spielt ein Mann mit Gitarre den Jimi-Hendrix-Klassiker „Voodoo Child“, eine Galerie zeigt gerahmte Original-Fotos vom Festival und eine Bäckerei bietet „Frieden, Liebe und Cupcakes“. Dazwischen schieben sich Dutzende Touristen über die schmalen Bürgersteige.

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„Das Jubiläum bereitet uns ein gutes Geschäft, es ist viel mehr los als sonst“, sagt die Verkäuferin im Buchladen „Golden Notebook“. „Und ständig fragen mich Touristen, wo das Festival denn genau hier gewesen sei. Vielleicht in dem Park da hinten? Ich muss mich dann immer etwas zusammenreißen und sagen: Nein, der Park wäre doch viel zu klein gewesen. Woodstock war nicht in Woodstock. Für viele ist das eine totale Überraschung.“

Die Tinker Street, das Zentrum des kleinen Städtchens Woodstock, wirkt heute wie ein kommerzialisierter Gedenkschrein an das Festival.  
Die Tinker Street, das Zentrum des kleinen Städtchens Woodstock, wirkt heute wie ein kommerzialisierter Gedenkschrein an das Festival.   © dpa

Der kleine Ort mit rund 6.000 Einwohnern in den Catskills, einem New Yorker Naherholungsgebiet, war zwar Namensgeber und spiritueller Pate des legendären Festivals. Die Musikparty selbst aber fand rund eine Autostunde südwestlich im noch etwas kleineren Örtchen Bethel statt, vorbei an Hügeln, Seen, Feldern und Ferienlagern orthodoxer Juden. Auch in Bethel finden sich hin und wieder Schilder mit Peace-Zeichen und weißen Tauben in den Vorgärten und vereinzelt Stände mit Batik-T-Shirts, der Kommerz aber wird in Woodstock abgefeiert. Der Gedenkschrein in Bethel dagegen ist eine große abschüssige Wiese mit der natürlichen Topografie eines Auditoriums am Rande des Örtchens.

„Hier ist es“, sagt eine blonde Frau im bunten Batik-T-Shirt und bleibt mit andächtigem Gesichtsausdruck stehen. „Hier ist alles passiert.“ Neben ihr tritt ein bärtiger Mann in schwarzer Motorrad-Kluft mit Totenkopf-Aufdruck auf die kleine Lichtung am Rande der Wiese. „Wow, hat das lange gedauert, bis ich endlich wieder herkommen konnte. Und es sieht ganz schön anders aus als damals.“ Beide holen ihre Handys heraus und fotografieren den mit zahlreichen Glücksmünzen bedeckten Gedenkstein auf dem Boden. „Dies ist der Original-Schauplatz des Woodstock Musik und Kunst Festivals“, steht darauf.

Nur die besten Bands sollten spielen

Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Woodstock-Mit-Organisator Michael Lang genau hier stand, gemeinsam mit Max Yasgur, Milchbauer und damaliger Besitzer der Wiese. Mehrere potenzielle Austragungsorte für das Festival in der weitläufigen Gegend um Woodstock herum hatten da gerade schlagzeilenträchtig und teils per Gericht abgesagt. „Sie dachten, da kommen jetzt 50.000 langhaarige Hippies, durchwühlen ihre Stadt, vergewaltigen ihre Kühe und klauen ihre Hühner, oder was auch immer“, erinnerte sich Lang jüngst bei einer Podiumsdiskussion in einem Hotel in den Catskills. „Sie wurden sehr zugeknöpft und bekamen Angst.“

Vier Wochen waren es da noch bis zum geplanten Festivalauftakt, Bands und Bühne waren organisiert und bezahlt, mehr als 100.000 Tickets verkauft – und Lang war verzweifelt. „Wir haben dann Max gefunden und sind zusammen auf seine Wiese gegangen. Er hat mich gefragt: ‚Wie viel Fläche willst du?‘ Ich sagte: ‚Wie viel hast du?‘ – ‚250 Hektar.‘ – ‚Nehme ich.‘“ Etwa 70.000 Dollar zahlt Lang dem Bauern und fängt dann hektisch mit seinem Team an, die Wiese innerhalb von nur vier Wochen in ein Festivalgelände umzubauen – mit Bühne, Sanitäranlagen, Essensausgaben, Zeltplätzen, Parkplätzen, Zäunen und einem Bereich für die Musiker.

Lang stammt aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn und hatte schon einige Konzerte und kleinere Festivals organisiert, als er 1968 nach Woodstock zog. Das Land um ihn herum wird damals immer wieder von Schockwellen durchzogen, positiven wie negativen: der Krieg in Vietnam, die Bürgerrechtsbewegung und der Widerstand gegen die Trennung von weißen und schwarzen Menschen, die Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy 1963 und Bürgerrechtler Martin Luther King fünf Jahre später, die Frauenbewegung, die erste Mondlandung, die Flower-Power-Hippie-Bewegung. „Woodstock wurde aus dem Bedürfnis geboren, die Welt an unser Bild von einem mitfühlenderen und liebevolleren Ort anzupassen“, so Lang.

Gemeinsam mit seinem Freund Artie Kornfeld und den Investoren Joel Rosenman und John Roberts macht Lang sich ans Werk. „Wir hatten die Vision, die Menschen aus den Städten und den Anstrengungen des Alltags herauszuholen, für ein Wochenende in die Natur zu bringen.“ Ein politisches Festival wollen die Organisatoren nicht, Ansprachen soll es keine geben. In allererster Linie aber geht es den Organisatoren um die Musik: Nicht irgendwelche Bands sollen spielen, sondern die Besten der Besten, hauptsächlich aus der alternativen Kultur, abseits des Mainstreams: Joan Baez, Canned Heat, Janis Joplin, Grateful Dead, Jefferson Airplane, Joe Cocker, Crosby, Stills & Nash und Jimi Hendrix – sie alle kommen und prägen mit ihren Auftritten den Musikgeschmack einer ganzen Generation bis heute.

Baez ist im sechsten Monat schwanger, ihr Ehemann im Gefängnis, sie tritt trotzdem auf. Santana hat damals noch kein einziges Album aufgenommen, Woodstock macht ihn zum Superstar. Popbands wie The Who sind dabei, wenn auch nicht so begeistert. „Sie hatten kein Interesse an der Hippie-Bewegung“, sagt Lang. Frontmann Pete Townshend war wahrscheinlich „der unglücklichste Typ des ganzen Festivals“.

Monatelange Planung geht dem Festival voraus, trotzdem wird es chaotisch: Der Sommer 1969 ist so regnerisch wie schon lange nicht mehr, heftige Gewitter ziehen über das Gelände hinweg, die Wiese wird zu einem matschigen Sumpf. Die Tickets hatten ursprünglich sechs Dollar pro Tag gekostet, aber als die ersten Besucher die wenigen halb fertigen Zäune in der matschigen Wiese einfach überrennen, entscheiden die Organisatoren spontan, keinen Eintritt mehr zu verlangen.

So viele junge Menschen machen sich auf den Weg nach Bethel, dass die Zufahrtsstraße 17 B und die Route bis hinunter nach New York zum Dauerstau werden. Auch viele der Musiker bleiben darin stecken, wie die Band Sweetwater, die das Festival eigentlich eröffnen sollte. Panisch schnappt sich Lang den Sänger Richie Havens, der in der Gegend wohnt, und schickt ihn als Ersten auf die Bühne. „Es war dann die perfekte Eröffnung, er hat alle zusammengebracht.“

Rund 60 Stunden lang feiern schließlich knapp eine halbe Million Menschen zusammen auf der Wiese von Bauer Yasgur, rutschen durch den Matsch, baden nackt in umliegenden Flüssen und Seen, singen und schwelgen zur Musik, schlafen wenig und nehmen viele Drogen. Die Menschen liegen sich in den Armen, propagieren freie Liebe und unbeschwerten Sex. Die Atmosphäre ist familiär. Von den Organisatoren sorgfältig geplante Film- und Fotoaufnahmen des Festivals gehen um die Welt.

„Ich war 16 und bin mit ein paar Schulfreunden hingefahren“, erinnert sich der Musiker Andy Shernoff, der aus New York stammt und später die Punk-Band The Dictators gründete. „Einer hatte ein Auto, und dann sind wir einfach los. Mir ging es um die Musik – ich habe jede Band gesehen, bis auf eine. Ich hatte einen Schlafsack dabei, aber ich erinnere mich nicht mehr, wo ich geschlafen habe.“ Sein Ticket von damals hat Shernoff bis heute aufgehoben.

Schon bald wird beim Festival die Verpflegung knapp, aber Bewohner von Bethel, Pfadfinder und andere lokale Organisationen helfen freiwillig mit Wasser und kostenlosem Essen, „Frühstück im Bett für 400.000 Menschen“, alles frisch von den umliegenden Bauernhöfen. Viele Hippies sollen in Woodstock zum ersten Mal das später sinnbildhaft für ihre Bewegung stehende Müsli gegessen haben. Festival-Besucher helfen in Essens- und Krankenzelten aus. Alles läuft friedlich ab: Drei Tage lang wird keine einzige Schlägerei oder irgendein anderer Gewaltakt gemeldet.

Schließlich ist es Montagmorgen. Viele Besucher sind schon abgereist, zurück zu ihrem Alltag mit Jobs und Familien. Aber ein paar Tausend sind noch da und sehen das letzte Konzert des Festivals. „Es war 8.30 Uhr und es waren vielleicht noch so 5.000 Menschen da, als Jimi Hendrix die Bühne betrat“, erinnert sich Lang. „Er hat dann zum Schluss diese großartige Version der amerikanischen Nationalhymne gespielt, die zu dem legendären Woodstock-Moment wurde.“

Der Geist von Woodstock hält nur kurz

Dann war alles vorbei. „Das Wochenende schien Monate gedauert zu haben“, erinnert sich Lang. „Und dann bekam ich, direkt nachdem Hendrix die Bühne verlassen hatte, einen Anruf, dass ich jetzt an die Wall Street kommen muss, um die Sache mit dem Geld und den Banken zu regeln. Einer der letzten Hubschrauber, die von dem Gelände abhoben, nahm mich mit. Die ganzen Kids waren unten auf der Wiese noch dabei, den Müll aufzuräumen, sie ein ein großes Peace-Zeichen aus Müll geformt. Das war das Letzte, was ich von Woodstock gesehen habe.“

Der Geist von Woodstock hält nur kurz. „Ich kam zurück und jeder in meinem Viertel sprach nur noch von Frieden und Liebe“, erzählt Festivalbesucher und Musiker Shernoff. „Aber das hielt nicht lange an, dann gingen alle wieder in ihre alten Alltagsrivalitäten über.“

Alles schien so schnell verflogen zu sein, wie es gekommen war. Ein Jahr nach Woodstock sterben Hendrix und Joplin, 1974 auch Bauer Yasgur. 1994 und 1999 versuchen die Organisatoren, mit neuen Woodstock-Festivals zu Jubiläen nachzulegen, aber es ist nicht mehr dasselbe. Lang wollte auch zum diesjährigen 50. Jubiläum eine Neuauflage anbieten, hatte schon Stars wie Miley Cyrus und Jay-Z dafür gewinnen können. Doch dann häuften sich die organisatorischen Probleme, und das geplante „Woodstock 50“-Festival musste nur rund zwei Wochen vor dem geplanten Datum abgesagt werden.

Dabei brauche es das Woodstock-Gefühl doch heute dringender als je zuvor, sagt Michael Lang. „Viele der Probleme, die wir damals lösen wollten, sind zurück. 1968 gab es die Anfänge der Umweltbewegung, jetzt haben wir jemanden im Weißen Haus, der den existenzbedrohenden Klimawandel leugnet. Alles ist so spaltend in Hinblick auf die Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Herkunft und Männern und Frauen. Wir dachten, wir hätten unsere Lektion gelernt – aber die Vergangenheit hat uns eingeholt. Wir müssten dringend zurückschauen“. Vermutlich meint Lang damit keine Peace-Zeichen zum Aufblasen. (dpa)

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