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Politik

Das Zittern der Kanzlerin

Angela Merkels erneutes Zittern in der Öffentlichkeit nährt Spekulationen über ihre Gesundheit. Und über einen vorzeitigen Abschied. 

Kampf um die Beherrschung: Am Donnerstag überkam die bald 65 Jahre alte Kanzlerin im Schloss Bellevue erneut ein kurzes Zittern.
Kampf um die Beherrschung: Am Donnerstag überkam die bald 65 Jahre alte Kanzlerin im Schloss Bellevue erneut ein kurzes Zittern. © Kay Nietfeld/dpa

Von Robert Birnbaum

Das Zittern ist nicht zu übersehen. Angela Merkel steht am Donnerstag neben dem Bundespräsidenten im großen Saal von Schloss Bellevue und hört zu, wie Frank-Walter Steinmeier ihre neue Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) ernennt. Plötzlich fängt die Kanzlerin am ganzen Körper an zu beben. Merkel presst die Lippen aufeinander und nimmt die Arme vor die Brust. Ein Glas Wasser, das ein Mitarbeiter des Präsidialamts ihr schnell reicht, fasst sie kurz an, lässt es aber wieder zurückgehen. Auf dem kurzen Video der Szene, das ein Fotograf aufnimmt, steht ihr das Unwohlsein im Gesicht. Erst als sie sich bewegt, wird es besser.

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So etwas kann sicher mal vorkommen bei einer Frau mit einem Terminkalender, der praktisch keine Pausen kennt. Aber es ist das zweite Mal binnen acht Tagen. Und da kriegt das Zittern langsam doch das Zeug zum politischen Vorgang.

Denn Merkel hatte erst vorige Woche vor laufenden Kameras gezittert – beim Empfang des neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor dem Kanzleramt. Als sie sich mit dem Präsidenten in Bewegung setzte, um die Ehrenformation der Bundeswehr abzuschreiten, legte sich das Zittern wieder. Merkel erklärte die Szene damals damit, sie habe an dem heißen Tag zu wenig getrunken, ein paar Gläser Wasser hätten die Sache erledigt. Das klang völlig plausibel.

Nur ist es diesmal nicht heiß. Am Donnerstag hat es sich in Berlin im Gegenteil nach mehreren Tagen Gluthitze erstmals kräftig abgekühlt. Steckt also doch etwas Ernsteres dahinter? Muss man sich – auch ein ziemlich wichtiger CDU-Politiker stellt die Spekulation gleich an – gar auf einen vorzeitigen Abschied einstellen? Mancher erinnert sich jetzt an Merkels Halbsatz nach ihrer Abdankung als Parteivorsitzende, sie wolle als Kanzlerin die Zusage an die Wähler für vier Jahre bis 2021 einlösen, sofern die Gesundheit mitspiele. War das nur ein überkorrekter Einschub – oder ein versteckter Hinweis?

Ist so ein Verdacht erst einmal in der Welt, geht er so schnell nicht weg. Bei Merkel kommt dazu, dass die Frau sich in ihrer ganzen Karriere als körperlich völlig unverwüstlich gezeigt hat. Ob sie noch als Oppositionsführerin nach einem Transatlantikflug in Washington den CDU-Außenpolitiker anfrotzelte, der statt in die Bar ins Bett wollte; ob sie auf Wahlkampftouren den Begleittross bis weit nach Mitternacht mit Gesprächen und Rotwein traktierte, nur um sich anderntags in ein Programm zu stürzen, das normalen Menschen für eine Woche gereicht hätte; ob sie bei unzähligen Gipfeln bis zum Morgengrauen durchhielt, bis ins Detail aufmerksam bis zuletzt – Merkel war einfach nicht kaputt zu kriegen.

Nur nach dem monatelangen Wahl- und Verhandlungsmarathon 2017/18 sah man sie eine Zeitlang mit müdem Gesicht. Als sie im Sommer nicht in den üblichen Wanderurlaub nach Südtirol fuhr, machten Spekulationen die Runde. Die hörten erst auf, als ein Journalist sie zufällig beim Einkaufen in Berlin traf.

Gesundheitsprobleme verheimlichen hat Tradition

Nun hat es freilich Tradition, dass Spitzenpolitiker Gesundheitsprobleme verheimlichen. Helmut Kohl saß 1989 den ganzen Bremer CDU-Parteitag mit Katheter und höllischen Schmerzen auf der Bühne. Er wusste, dass ihn Verschwörer um Heiner Geißler und Lothar Späth stürzen wollten – die Prostata musste warten.

Als Kohl später zur Knie-Operation ins Krankenhaus kam, murmelten seine Leute etwas von „Erkältung“. Das ist quasi Standard-Kanzlerausrede. Bei Konrad Adenauer war es in Wahrheit eine Lungenentzündung, bei Helmut Schmidt waren es Ohnmachtsanfälle. Dass Willy Brandt depressiv und tagelang nicht ansprechbar war, blieb bis nach seinem Rücktritt Staatsgeheimnis.

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Am Donnerstag kurz nach Mittag startet Merkel zum G-20-Gipfel nach Japan. „Der Kanzlerin geht es gut“, versichert Regierungssprecher Steffen Seibert. „Es findet alles statt wie geplant.“ Auch andere, die mit Merkel Kontakt hatten, winken ab: Nein, definitiv keine Krankheit. Diesmal sei’s auch kein Wassermangel, sondern Psychologie. Man steht lange bewegungslos rum, denkt an vorige Woche, versucht krampfhaft die Wiederholung zu vermeiden – prompt geht es schief.

Merkel sei schließlich auch nur ein Mensch, sagt einer der Informierten. Das Jahr war anstrengend. Im Juli wird Merkel 65. Dass sie sich darauf gefasst machen muss, dass jetzt jedes Zucken registriert wird, wird ihr aber klar sein.

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