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Das zweite Leben

Lungenkrebs ist die aggressivste Art. Das Lungenzentrum am Fachkrankenhaus Coswig hilft Erkrankten, ihn zu besiegen.

Von Anna Hoben

Sechs Zentimeter, ein bisschen größer als ein Tischtennisball. Als die Ärzte in einem Krankenhaus den Tumor in Carmen Sachses Lunge entdeckten, sagten sie ihr, sie werde die Schuleinführung ihres Kindes nicht mehr erleben. Der Krebs sei inoperabel. Das war am 13. März 2013. Inzwischen geht ihre Tochter in die erste Klasse, Carmen Sachse hat eine Operation hinter sich und vier Chemotherapien. Sie ist am Leben, es ist ihr zweites Leben.

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Es war ein Zufallsbefund gewesen. Sie hatte Magenkrämpfe gehabt, weiter nichts. Mit dem Rauchen aufgehört hatte sie vor acht Jahren. Sie geht sonst nie zum Arzt, sagt sie, aber dieses Mal wollte sie sich durchchecken lassen. Also: Röntgen, Computertomografie, Bronchoskopie. Dann die Diagnose. Was passiert mit einem, wenn man hört, dass man nur noch wenige Monate zu leben hat? Was passiert mit einem, wenn das sechsjährige Kind fragt: „Mama, kann es sein, dass du stirbst?“

Carmen Sachse, 38, sagt: „Ich bin ein Kämpfertyp.“ Als sie in diesem Arztzimmer saß und hörte, sie würde nicht mehr erleben, wie ihr Kind in die Schule kommt, sagte sie zu ihrem Mann: „Wir gehen jetzt sofort nach Hause.“ Sie hat die Diagnose nicht an sich herankommen lassen, sie hat erst einmal verdrängt, und wahrscheinlich ist das ihr Glück gewesen. Sie dachte immer nur: Du hast einen Mann und ein Kind, du kannst nicht schlappmachen.

Jetzt, wo das Schlimmste überstanden ist, sagt sie dennoch: „Das verändert einen.“ Sie hat jedes einzelne Datum im Kopf, und sie wird diese Daten nie wieder vergessen. Am 8. April kam sie ins Fachkrankenhaus Coswig, hierher war sie überwiesen worden, hier gibt es das einzige Lungenkrebszentrum in Sachsen. „Wir waren erschüttert“, sagt der ärztliche Direktor Prof. Gert Hoeffken. „Eine junge Frau mit einem so weit fortgeschrittenen Tumor.“ Zusammen mit Chefarzt Prof. Axel Rolle überlegte das ganze Team, was die beste Behandlung sei. Über Skype verständigten sie sich mit Radiologen vom Uniklinikum Dresden. Eine Woche später, am 16. April, wurde Carmen Sachse von Oberarzt Dr. Steffen Drewes operiert. Er ist Experte für Thorax- und Viszeralchirurgie.

War die erste Einschätzung der Kollegen falsch, dass der Krebs inoperabel sei? Nein, sagt Drewes, 47, „sie hatten eigentlich nicht unrecht.“ Der Krebs war in einem Stadium, in dem die Chance darauf, noch zwei Jahre zu leben, gerade einmal bei 20 Prozent liegt. Doch Drewes wäre nicht Chirurg geworden, würde er nicht an den Grundsatz glauben: „Entfernen ist immer besser.“ Er wollte alles versuchen.

„Es hätte auch sein können“, sagt er heute, „ich mache auf, probiere ein paar Sachen, es klappt nicht, ich mache wieder zu.“ Denn, so erklärt er: Herausschneiden kann man alles; es kommt aber auch darauf an, dass der Rest danach noch immer funktioniert. In diesem Fall war die Herausforderung, dass er auch ein Stück von der Speiseröhre entfernen musste. Er entnahm ein Stück Rückenmuskel, setzte es im Brustkorb wieder ein und verband damit die Speiseröhre. Dreieinhalb Stunden dauerte die Operation. Es funktionierte.

Deshalb schaut Carmen Sachse heute mit einer gewissen Bewunderung auf Steffen Drewes’ Hände. Mit Dank, sagt sie, kann man gar nicht ausdrücken, was er geschafft hat, nur Respekt haben kann man da. Der Arzt wiegelt bescheiden ab. „Ist doch wahr“, sagt sie, „andere können kaum ein Kotelett schneiden.“ Sie hat ihren Humor nicht verloren, auch wenn das vergangene Jahr das schwerste ihres Lebens war. Da war es gut, dass sie ihrem Arzt voll vertraut hat. „Man muss ein gutes Verhältnis zu dem haben, der einen operiert“, sagt Carmen Sachse. Sie und Steffen Drewes verstanden sich auf Anhieb. Zwischendurch, als kleine Atempause inmitten all der ernsten Themen, fachsimpelten die beiden über ihr gemeinsames Hobby: das Motorradfahren. Auch seine Offenheit gefiel ihr. Die habe etwas mit dem Krebstod seiner Mutter vor 15 Jahren zu tun, sagt Drewes. Damals hat sich seine Einstellung geändert. „Die Patienten spüren es, wenn man nicht ehrlich ist.“

Vier Mal Chemotherapie

Zwei Wochen blieb Carmen Sachse nach der Operation im Krankenhaus, täglich kam ihre Familie zu Besuch. Die Tochter durfte den ganzen Tag bleiben. Ende April wurde sie aus der Klinik entlassen. Doch es war noch lange nicht vorbei. Im August ging die Bestrahlung los. Dafür wurde eine Blende hergestellt, ähnlich wie bei einer Kamera – für jeden Patienten individuell, damit keine Nachbar-Organe geschädigt werden. Jeden Morgen fuhr Carmen Sachse nun mit dem Taxi in die Klinik, 25 Tage lang. Danach 21 Tage Pause, dann ging es wieder von vorne los. Vier Mal insgesamt. „Am Anfang dachte ich, es würde nicht so schlimm werden“, sagt die 38-Jährige. Ihre Haare fielen nicht aus, sie wurden nur dünner. Doch dann kamen die Schmerzen und die Übelkeit. „Es war heftig – aber wenn man leben will, macht man alles.“

Heute gehe es ihr gut, sagt Carmen Sachse. Seit März geht die Kauffrau im Einzelhandel wieder arbeiten. Jedes Vierteljahr muss sie zur Nachuntersuchung, ab 2015 dann nur noch jedes halbe Jahr. Ihre Freizeit, die Zeit mit Familie und Freunden genießt sie jetzt bewusster, sagt sie. Sie ist mittendrin in ihrem zweiten Leben.