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Dauer-Patient Rehaklinik

Sorgen um die Kurklinik Glossen gibt es schon seit langem. Auch die heutigen Probleme sind altbekannte.

Von Anja Beutler

Bitter. Dieses Wort trifft in den Augen von Hartmut Nahrstedt die aktuelle Schieflage der Rehaklinik in Glossen auf den Punkt. Natürlich verfolgt der Kittlitzer Ortsvorsteher die Mühen des Landkreises und des kreiseigenen Klinikums Oberlausitzer Bergland um eine Zukunft der Reha-Klinik. Seit März werden hier keine Kinder mehr zur Reha eingewiesen, weil es keinen qualifizierten Chefarzt gibt. Ein Problem, das seit Monaten schwelt und vor kurzem dazu führte, dass die Deutsche Rentenversicherung bis auf Weiteres keine Patienten überweist. Seitdem sucht das Klinikum Oberlausitzer Bergland, unter dessen Dach die Kurklinik seit 2003 ist, noch händeringender nach einem geeigneten Mediziner.

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Die jüngste Entwicklung wirkt mit Blick auf die vergangenen 15 Jahre indes nur wie eine Wiederholungsschleife. Denn Sorgen um die Klinik Glossen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Nachwendezeit. Es ist kaum zu übersehen, dass die Klinik einen erklecklichen Anteil daran hat, dass Kittlitz nicht selbstständig bleiben konnte und zu Löbau gehen musste – was durchaus mit gewissem Zwang geschah.

Rückblende: Um die Jahrtausendwende spitzte sich die Lage für Kittlitz erheblich zu: Die damals eigenständige Gemeinde hatte einen Schuldenberg von 38 Millionen D-Mark angehäuft, der sich bis 2002 weiter erhöhte. Nahezu die Hälfte der Schulden lagen auf der Glossener Klinik. Grund dafür war die in den 90er Jahren beschlossene Erweiterung um ein neues Bettenhaus. Dafür war ein enormer Kredit aufgenommen worden. Die Entscheidung traf damals noch die Gemeinde Lautitz, die finanziellen Folgen übernahm bei der Eingemeindung dann Kittlitz, das den Schuldenberg aber genauso wenig abtragen konnte.

Die damalige Löbauer PDS-Landtagsabgeordnete, Bettina Simon, die zu Kittlitz mehrfach beim Freistaat Nachfragen stellte, beschrieb es Ende 2002 so: „Die Verschuldung der Klinik ist das Ergebnis eines ganzes Knäuels ungünstiger Entscheidungen und Entwicklungen.“ Dabei spielte nicht nur der Kredit eine Rolle, sondern auch der defizitäre Kurbetrieb: Schon damals mangelte es in Glossen an medizinischem Fachpersonal, sodass bereits vor mehr als zehn Jahren die Einweisungen in die Rehaklinik kurzfristig gestoppt worden waren. Genau das ist auch heute das Problem. Was mit der Kurklinik, wie sie landläufig genannt wird, geschehen soll, war auch Teil der Eingemeindungs-Verhandlungen zwischen Kittlitz und Löbau 2002. Dabei ging es unter anderem um den Verkauf der Kurklinik – was die Kittlitzer nicht wollten. Sie hofften, mit den Gewinnen der Klinik sich selbst aus der Misere zu befreien. Zwar bescheinigte der damalige sächsische Innenminister Klaus Hardraht der Klinik Anfang 2002 eine gute Auslastung. Dass mit möglichen Gewinnen die angehäuften Schulden von Kittlitz zu tilgen wären, zog er aber in Zweifel. Zumal ja schon allein die Schulden für die Klinik drückend waren. Der Verkauf war aber eine unverrückbare Forderung des Landkreises Löbau-Zittau und des Freistaates. Allerdings kam der Deal nie zustande. Denn im Gegensatz zu Verkaufsverhandlungen Mitte der 90er Jahre waren die Angebote zu gering. Für etwa zwei Millionen Euro hätte Kittlitz die Klinik verkaufen können. Gefordert hatte der Kreis aber, dass mehr als vier Millionen Euro erlöst werden.

Dabei wäre die Klinik Mitte der 90er Jahre für etwa 20 Millionen D-Mark an den langjährigen Leiter Henry Langnau fast verkauft worden. Doch auch der Versuch glückte nicht, es gab Probleme mit den Behörden, erinnert sich der heutige Ortsvorsteher Hartmut Nahrstedt. Warum alles damals am Veto der Rechtsaufsicht scheiterte, wüssten die Kittlitzer bis heute nicht.

Auch einem anderen langjährigen Interessenten, Jörg Freiherr von Lüdinghausen, waren alle Geldforderungen zu viel. Lüdinghausen war ohnehin fest davon ausgegangen, dass er sein Familiengut – das zu DDR-Zeiten zur Kinderkurklinik umfunktioniert worden war – zurückerhalten würde. Heute wohnt er ganz in der Nähe, in Kleinradmeritz, und sieht „mit beklommenem Herzen“ auf Glossen. Ja, er sei froh, dass das Herrenhaus saniert wurde und nicht leer stehe. Denn noch eine Ruine – da stimmt der Freiherr mit Kittlitz‘ Ortsvorsteher überein – brauche man nicht. Mit den einstigen Gutssitzen wie Bellwitz oder Lautitz gebe es genug ruinöse Bauten im Dorf.

Von Lüdinghausen schmerzt vor allem, dass das Anwesen nicht als Ensemble erhalten werden konnte. Stattdessen seien die Eigentumsverhältnisse zerstückelt, Flächen unter verschiedenen Besitzern aufgeteilt. Der alte Schweinestall sei zu Wohnhäusern ausgebaut, die Scheune verfalle. Aber ein modernes Bettenhaus habe man in den alten Gutshof gebaut, der einer der größten in der Oberlausitz war. „Was wollen Sie heute damit machen – ich finde die jetzige Nutzung nicht optimal, aber akzeptabel“, sagt Lüdinghausen. Was aber, wenn die Rehaklinik nicht zu halten ist? „Ein Bildungs- oder Tagungszentrum daraus machen? Da müssen sie den Investor mit verbundenen Augen nach Glossen führen“, kommentiert der Freiherr überspitzt.

In Kittlitz kursiert seit einigen Wochen zudem ein ziemlich makabrer Scherz: Vielleicht könne der Landrat ja Asylbewerber in Glossen unterbringen, wenn kein Chefarzt nach Glossen kommt? Ortsvorsteher Nahrstedt seufzt tief: „Nicht, dass einer auf die Idee kommt“, sagt er und wird ernst: „Ich bin ganz optimistisch, dass sich für die Rehaklinik eine Lösung findet.“ Zwar spielt die Klinik rein wirtschaftlich betrachtet keine allzu große Rolle im Ort – Zulieferer kommen von außerhalb. Aber es wäre nicht nur für die Mitarbeiter in Glossen, sondern auch für Kittlitz insgesamt ein gutes Omen, wenn die Klinik in ruhiges Fahrwasser käme. Denn an die Zeiten vor zehn, 15 Jahren will keiner mehr erinnert werden, sagt Nahrstedt. „Das war bitter.“