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Davidstern: Falscher i-Punkt auf Görlitzer Synagoge

Die Gastautoren sprechen sich gegen einen glänzenden Davidstern aus. Sie haben einen Gegenvorschlag.

Bei ihrer Eröffnung im Jahr 1911 prangte das Symbol auf der Görlitzer Synagoge.
Bei ihrer Eröffnung im Jahr 1911 prangte das Symbol auf der Görlitzer Synagoge. © Ratsarchiv Görlitz

Von Frank Seibel und  Kinga Hartmann-Wóycicka

Wenn im Dezember die einstige Görlitzer Synagoge neu eröffnet wird, ist das der Abschluss eines bemerkenswerten Sanierungsprozesses. Bemerkenswert in seiner Dauer – mit allen Unterbrechungen fast ein Vierteljahrhundert. Bemerkenswert vor allem in der Schlussphase, die von unerwartetem Geldsegen und dem Bekenntnis geprägt war, dass dieses Haus ein Denkmal von nationalem Rang sei.

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Nicht nur bemerkenswert, sondern geradezu irritierend ist indes die Geräuschlosigkeit, in der die denkmalgerechte Sanierung der einstigen Synagoge in den vergangenen Jahren vollzogen wurde. Galt es lange Zeit als gesetzt, die Wunden der Pogromnacht von 1938 und der folgenden Auslöschung des jüdischen Lebens in Görlitz in diesem Gebäude sichtbar zu erhalten.

Diskussion führte zu paradoxem Ergebnis

Nun kam die Erhebung in den Stand eines nationalen Denkmals und die daraus folgende Finanzierung aus dem Bundeshaushalt ohne jede öffentliche Diskussion darüber zustande, in welcher Art dieses imposante Gebäude saniert und modernisiert werden sollte. Abseits jeder gesellschaftlich-politischen Meinungsbildung wurde die Wiederherstellung der einstigen Pracht aus dem Weihejahr 1911 verwirklicht.

In jüngster Zeit hat sich immerhin punktuell eine Diskussion über die künftige Nutzung des Hauses als Kulturzentrum entwickelt.

Allerdings stehen wir nun vor einem paradoxen Ergebnis: Einerseits ist dieses Haus ästhetisch heute mindestens so sehr als Synagoge zu identifizieren, wie vor ihrer kulturell-religiösen Zerstörung im Nationalsozialismus. Andererseits soll die frühere Synagoge als rein weltliches Kulturhaus neu belebt werden, das auf die Identität und den Geist dieses einstigen Gebetshauses kaum Bezug und mutmaßlich auch nur eingeschränkt Rücksicht nimmt.

Umso mehr ist die Initiative von Markus Bauer und Marius Winzeler zu begrüßen, die nun im Namen des Förderkreises Görlitzer Synagoge mahnen, die Geschichte des Gebäudes als einstige jüdische Gebets- und Versammlungsstätte deutlich sichtbar zu machen. Ihre Hinweise auf das Fehlen einiger „hervorstechender Zeichen der jüdischen Religion, die das Gebäude dereinst schmückten“ benennen die Defizite des restauratorischen Konzeptes. Ist es angemessen, wenn sich Denkmalschutz ausschließlich von ästhetischen Kriterien leiten lässt, während grundlegende inhaltliche Markierungen vernachlässigt werden?

Rätselhafte Geschichtsvergessenheit einer Stadt

Die Forderung des Synagogenvereins, den Davidstern wieder auf die Kuppel der Synagoge zu setzen, ist ein wichtiger Impuls, der hoffentlich noch zu einem Diskurs über die Erinnerungskultur in unserer Stadt am Beispiel der Synagoge führen wird.

Es ist richtig, an dieser Stelle deutlich zu machen, was der Stadt heute fehlt. Denn bereits mit der Auslöschung des jüdischen Lebens hat die Zerstörung der Görlitzer Stadtgesellschaft begonnen. Der Verlust der Bürgergesellschaft hat eben nicht mit dem Sozialismus nach 1945 begonnen, sondern spätestens 1938.

Dennoch wäre es falsch, die Kuppel des „Kulturforums Görlitzer Synagoge“ mit einem güldenen Davidstern zu krönen. Denn dies wäre die – sicherlich nicht beabsichtigte – Vollendung eines restaurativen Prozesses, der prägende historische Entwicklungen ausblendet.

In Görlitz ist die Erinnerung an die Geschichte der Stadt zwischen 1933 und 1989 schwach ausgeprägt. Der immer wieder vorgetragene stolze Verweis darauf, dass die Stadt im Krieg auf wundersame Weise unzerstört geblieben sei, ist kennzeichnend für die Geschichtsvergessenheit unserer Stadtgesellschaft. In dieser Aussage schwingt unausgesprochen das Bekenntnis mit, dass im Grunde auch der Nationalsozialismus praktisch nicht existierte. In diesem „Ist-ja-nochmal-gutgegangen“ verbirgt sich die rätselhafte Geschichtsvergessenheit einer Stadt, die immer wieder auf ihre großartige Geschichte verweist.

Ein Wettbewerb zur Gestaltung des Sterns

So richtig und wichtig also die Forderung ist, die frühere Synagoge als Kristallisationspunkt jüdischen Lebens weithin erkennbar zu machen – so falsch wäre es, der geradezu überbordend prachtvollen Sanierung auch noch den i-Punkt in Form eines goldenen Davidsterns aufzusetzen.

Wenn der Davidstern auf die Kuppel gesetzt werden sollte, dann muss wenigstens er die Wunde erkennbar machen, die unter dieser Kuppel mit Gold und Geld verdeckt wird. Der Davidstern sollte daher in abgewandelter Form aufgesetzt werden. Ein Riss, abgebrochene Zacken oder farbliche Variationen: Das sollte einer Künstlerin oder einem Künstler überlassen werden. Es sollte einen öffentlichen Wettbewerb zur Gestaltung dieses Sterns geben.

So würde wenigstens nach Abschluss der Sanierung noch jene Bewusstseins- und Willensbildung stattfinden können, die eigentlich am Beginn des Gesamtprojektes hätte stehen müssen. In die genaue Konzeption des Wettbewerbs sowie die Entscheidungsfindung sollten Repräsentanten der jüdischen Gemeinden in Dresden und Wroclaw einbezogen werden. Denn obwohl nicht nur faktisch durch die Pogromnacht, sondern anschließend auch offiziell entweiht, bleibt dieses Gebäude – eine Synagoge.

Gastautor Frank Seibel ...
Gastautor Frank Seibel ... © SZ-Archiv
... und Gastautorin Kinga Hartmann-Wóycicka
... und Gastautorin Kinga Hartmann-Wóycicka © SZ-Archiv

Das sind die beiden Gastautoren:

Kinga Hartmann-Wóycicka ist Vorsitzende der Stiftung Erinnerung, Bildung, Kultur in Zgorzelec und leitet das Gedenkzentrum für das einstige Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A

Frank Seibel leitet den Verein Meetingpoint Music Messiaen, der sich auf deutscher Seite der Erinnerung an das Stalag VIIIA und seinen prominentesten Gefangenen, Olivier Messiaen, widmet 

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