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Delikatessen im Krähenkindergarten

Vögel haben erneut Fußgänger in der Hauptstraße attackiert. Ein aus dem Nest gefallenes Küken wird nun per Hand aufgezogen.

© André Wirsig

Von Ulrike Kirsten

Kaum in Sicherheit, ist es auch schon wieder vorbei mit der Schüchternheit. Gierig krächzt das Küken nach Aufmerksamkeit. Noch muss sich der kleine Krähenvogel gedulden, bevor Saskia Keller zur Pinzette greift und Geflügelleber-Brocken in den hungrigen Schlund stopft. Denn das Jungtier von der Hauptstraße ist nicht das einzige Exemplar seiner Art, das momentan in der Kaditzer Wildvogel-Auffang-Station in der Scharfenberger Straße 152 aufgepäppelt wird. Um etwa 20 junge Krähenvögel muss sich die 29-Jährige kümmern.

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Allein am Himmelfahrtstag wurden fünf Tiere abgegeben. Ausschließlich Krähen. „Die meisten sind aus ihren Nestern gefallen wie das Küken von der Hauptstraße“, sagt Saskia Keller. Das kann aus verschiedenen Gründen passieren. Zum Beispiel starker Wind wie an den vergangenen Tagen. Oder durch Neugier der Küken. „Oft schubsen sich die Jungen sogar versehentlich gegenseitig aus dem Horst“, erklärt die Mitarbeiterin der Wildvogel-Auffang-Station. Im günstigsten Fall packt sie die Küken wieder in ihr Nest zurück. Sofern es gut erreichbar ist.

Auf der Hauptstraße war das nicht möglich, weil sich die Brutstätten in extremer Höhe befinden. Ohne Feuerwehrleiter wäre das nicht machbar. Am Montag musste Saskia Keller deshalb das aus dem Nest gefallene Küken in der Neustadt abholen. „Nach mehreren Attacken hat sich die Polizei bei uns gemeldet und um Hilfe gebeten.“ Angriffe hatte es zuletzt auch vor dem Kino im Elbepark gegeben.

Nun hat das Jungtier von der Hauptstraße ein neues Obdach gefunden. In einer Voliere der Wildvogel-Auffang-Station, die zum Umweltzentrum Dresden gehört, unternimmt das Tier die ersten Flugversuche. Nach spätestens sechs Wochen Pflege werden die Jungvögel dann in die Freiheit entlassen. Über eine Klappe können sie den Käfig verlassen. „Damit sie bessere Überlebenschancen haben, lassen wir die Krähenvögel nur im Verband frei“, erklärt Saskia Keller.

Seit 2007 kümmert sich die gelernte Bürokauffrau in der Auffangstation um verletzte Vögel, die die Dresdner hier abgeben können. „In diesem Jahr bekommen wir besonders viele. Woran das liegt, dafür haben wir bisher noch keine Erklärung.“

Augen werden später dunkel

Nach 2012 mit 998 Wildvögeln könnte es in diesem Jahr einen neuen Rekord geben. „Wenn es so weitergeht, knacken wir die Tausend“, sagt Saskia Keller. Zurzeit gastiert auch ein kleines Storchenküken und ein Eichelhäher in der Auffangstation. Ohne Praktikanten und Jugendliche, die hier ein Freiwilliges Ökologisches Jahr machen, könnte Saskia Keller die Arbeit aber nicht stemmen. „Wir finanzieren uns fast ausschließlich über Spenden. Ohne ehrenamtliche Mitarbeiter wäre vieles gar nicht erst möglich.“

Täglich ist Saskia Keller mehr als zehn Stunden in der Auffangstation. Für Notfälle ist sie immer telefonisch erreichbar. „Dann holen wir die Vögel mit dem Auto ab“, sagt Saskia Keller. Die blauäugigen Krähenküken haben inzwischen den Schnabel voll. „Anders als bei Dohlen färben sich die Augen bei Krähen im Erwachsenenalter dunkel“, erklärt die Expertin. Immer wieder kommt es zu Verwechslungen der Tiere, weil sich die verschiedenen Arten der Krähenvögel optisch sehr ähneln. „Außerdem gibt es sehr viele Kreuzungen“, sagt Saskia Keller.

Sie ist wie viele vor allem von der Intelligenz der Tiere fasziniert. Beispielsweise komplexe Handlungen im Voraus zu planen. Wie beim Verstecken von Futter. Außerdem sind die Vögel besonders lernfähig. Zum Knacken von Nüssen und Früchten nutzen sie den Straßenverkehr und sammeln gern die von Autofahrern überfahrenen Nüsse an roten Ampeln. „Ich finde es unglaublich, was sie sich alles merken können.“ Manche Vögel, die in der Auffangstation aufgewachsen sind, kommen auch heute noch hierher zurück, erzählt Saskia Keller. „Krähen werden ziemlich schnell zahm und fliegen einem nach einer Weile sogar auf den Arm. Seit zwei Jahren kommt immer wieder dieselbe und bettelt mich um Futter an.“