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Dem Ähm keine Chance!

Im Rhetorikklub Dresden übt ein kleiner Kreis das gekonnte Sprechen und die freie Rede.

© Sven Ellger

Von Nadja Laske

Tom hat sich Proviant mitgebracht. Von weiter her als die anderen am Tisch ist er gekommen. Der Abend wird lang und anstrengend. Schon Quasseln schlaucht. Gekonntes Reden erst!

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Deshalb ist Tom hier: Er will gut reden. Mitreißend, humorvoll, originell. Auch wenn er für sein Publikum nur eine Art Dummy ist, ein Übungsobjekt – an den Lippen sollen ihm seine Zuhörer hängen. Nicht nur, wenn er in die Milchschnitte beißt. Die liegt zunächst zusammen mit Kartoffel und kaltem Burgerbratling auf einem Teller. Fragende Blicke ringsum. Was will der junge Mann damit? Hier geht es um rein geistige Nahrung.

Alle zwei Wochen trifft sich rund ein Dutzend Frauen und Männer im Rhetorikklub Dresden. Vor knapp einem Jahr hat er sich gegründet – zur „Förderung der freien Rede“. So stellen sich die Rhetoriker im Internet vor. Etliche Mitglieder nutzen das gute Reden für ihren Beruf. Einige brauchen es fürs Selbstbewusstsein. Außerdem: Reden verbindet. Die Klubabende verlaufen ausgesprochen lebendig. Erst recht, wenn ein besonderer Anlass für Abwechslung sorgt. In diesem Fall ein Workshop zum Thema „Bewertungsrede“: Wie gebe ich einem anderen Menschen Feedback?

Tom ist als „Zielredner“ eingeladen. Auf der Suche nach dem Begriff switcht die Internetsuchmaschine auf „Vielredner“ um und bietet Tipps für den Umgang mit Quasselstrippen an. Doch im Klub geht es nicht um Masse, sondern um Klasse. Kürze reimt sich auf Würze. Eine festgelegte Minutenzahl Redezeit steht jedem zu, der an die Stirnseite der Tafel im Johannstädter Bundschuhtreff tritt, um auf dem Weg zum guten Redner eine weitere Lektion zu absolvieren. Das Reden bessert sich nur beim Reden, lautet die Formel, nach der die Klubmitglieder Rhetorik lernen. Einem Lehrplan folgend, der sich an die Maßstäbe der internationalen Vereinigung „Toastmasters“ anlehnt, üben sich die Frauen und Männer im perfekten Wortschwall. Informativ soll der sein, gut strukturiert, unterhaltsam und pointiert, kurz: ein Genuss.

Rote Fäden und Aha-Effekte

Dieser Abend, für den Tom aus Leipzig nach Dresden gekommen ist, dreht sich im Allgemeinen ums Reden und im Besonderen ums Reden über das Reden. Das geht so: Ein Gastredner hält eine Rede. Worüber steht ihm frei. Im Anschluss bewerten alle Anwesenden die Rede. Ihr Pro und Kontra fassen sie ebenfalls in Reden. Diese Reden wiederum werden redend bewertet. Klingt verwirrend. Ist es aber nicht.

Die sogenannte Bewertungsrede hat ihren festen Stellenwert im großen Rhetorik-Universum. Ihr widmen sich die Klubkollegen in diesem extra Workshop. Ziel ist es, das Gelungene und das weniger Geglückte einer Rede zu erfassen, zu benennen und wiederzugeben. Und zwar fair, ehrlich, aber respektvoll, erlaubtermaßen mit einem Augenzwinkern und gern kurzweilig. Im Klubkreis ist das eine Übung. Im wahren Leben sind Einschätzungen in Schule, Arbeitswelt und Privatleben allgegenwärtig – nur selten fein formuliert.

An der Form seiner Beispiel-Rede hat Tom lange gefeilt. Am Inhalt ebenfalls. Einige Minuten spricht er nun über Ernährung und einen Selbstversuch, der zur Lebensanschauung wurde. Zunächst, das erfahren die Zuhörer, habe er mit einem Freund gewettet, länger als er auf den Verzehr von Fleisch verzichten zu können. Um sich die Sache zu erleichtern, sei ihm jeder Film und Zeitungsartikel über gequälte Tiere und die Auswirkungen der Viehzucht auf die Umwelt recht gewesen. Fazit: Tom verging der Appetit.

Die Wette rückte in den Hintergrund, sein Publikum erlebt einen Aktivisten der späten Stunde, der seinen Sinneswandel erklärt und um fleischlos Mitessende wirbt. Den gefüllten Teller auf der einen und die Milchschnitte in der anderen Hand holt Tom verbal aus – einem Schauspieler näher als dem Redner. Doch das hier ist kein Theater und das Gesagte kein dramatischer Monolog. Sondern eine sehr engagierte, außergewöhnliche, wenn auch nicht fehlerfreie Rede.

So schätzen die Klubkollegen den Beitrag ein. Karen Zühlke lobt die Idee, Requisiten zu Hilfe zu nehmen: „Das ist wirklich außergewöhnlich!“ Sie hat den Klub mitgegründet und schätzt ihn als Chance, über Themen zu reden, die sonst im Leben nicht zur Sprache kommen. Als Seminarleiterin und Coach ist Reden zudem ihr Job. Nacheinander kommen auch die anderen zu Wort. Was dem einen besonders behagt, missfällt dem Nächsten. Es geht um Rote Fäden und sprachliche Bilder, Pointen, Einstiege und Ausstiege, Aha-Effekte und den Mut zum Unkonventionellen. Stets Credo im Kreis: Nichts verdient das Prädikat „falsch“ oder „mangelhaft“. Allenfalls kann der Kritisierte künftig dies und jenes optimieren. Respekt ist ein gern benutztes Wort. Sätze wie „Dieses hat mir gut gefallen. Jenes ist dir noch nicht ganz gelungen“ gehören zum Bewertungskanon.

Redestopp an der roten Ampel

In punkto Zeit sind die Rhetoriker weniger gnädig. Zu den verschiedenen Ämtern, die einige von ihnen begleiten, gehört das des „Zeitnehmers“. Er stoppt die Minuten und protokolliert, um wie viele Sekunden ein Redner seine Redezeit überzieht, obwohl ihm eine Ampel Signal gibt. Die steht auf dem Tisch und wechselt von Grün auf Gelb auf Rot. Ein Plus von 30 Sekunden steht jedem zu. Dann zückt der Zeitmesser den Stift. Seine Amtskollegen heißen „Sprachstilbewerter“ und „Ähm-Zähler“. Letzterer treibt Rednern mit einem Klingelzeichen pro Ähm die Unsitte aus. Ähms gelten als Anfängerfehler und bleiben Neulingen rasch im Halse stecken. Bald aber atmen sie tief durch, als Künstler der Beredsamkeit.

Interessenten können sich als Gäste im Klub einladen lassen. Anfragen unter www.rhetorikklub-dresden.de