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Dem Brunnen-Rätsel auf der Spur

Der Schacht am Café Zieger entpuppt sich plötzlich als fünf Meter tiefer als jahrelang angenommen. Warum nur?

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© hübschmann

Von Christoph Scharf

Daniel Bahrmann ist vorbereitet. Eine aufgerollte weiße Schnur hat er mitgebracht, dazu ein rotes Bergsteigerseil. Der Chef des Kunstvereins will auf Nummer sicher gehen: Stimmt die jüngste Messung des Brunnens am Café Zieger? Hat sie doch eine scheinbar gesicherte Erkenntnis auf den Kopf gestellt: Eigentlich soll der historische Schacht am oberen Ende der Burgstraße 16 Meter tief sein, davon zwei Meter Wassertiefe. So steht es auf dem stählernen Schild am Brunnenrand. Bei einer Überprüfung aus Anlass des Literaturfests stimmte keine der beiden Zahlen.

Daniel Bahrmann vom Kunstverein (l) hat den Brunnen neu vermessen. Nachbar Dirk Zieger (2.v.l) ist gespannt – genauso wie vorbeikommende Touristen.
Daniel Bahrmann vom Kunstverein (l) hat den Brunnen neu vermessen. Nachbar Dirk Zieger (2.v.l) ist gespannt – genauso wie vorbeikommende Touristen. © hübschmann

Also greift Daniel Bahrmann jetzt zum Schlüssel. Mit dem öffnet er das runde Metallgitter, das die Brunnenöffnung verschließt. Wie eine Gefängnistür wirkt die Klappe, die er nach oben hebt. Nun sitzt noch eine Konstruktion aus Maschendraht in der Öffnung, die man besser zu zweit heraus bugsiert. „So können wenigstens keine Handys reinfallen“, sagt der Anwohner. Jetzt knüpft er ein schweres Lot an das Ende seiner Schnur. Dann wird es auch schon spannend: Meter um Meter lässt er es in die Tiefe hinab, die von einem LED-Strahler nur einigermaßen erleuchtet wird. Der wurde aus Anlass des Kiezfestes vor wenigen Tagen angebracht. „Der Vorgänger war völlig verrostet und nicht mehr zu gebrauchen“, sagt Daniel Bahrmann.

Nun hat man wenigstens die Chance, die spiegelnde Wasseroberfläche zu entdecken – zumal der Mann vom Kunstverein gemeinsam mit Nachbar Dirk Zieger auch den aus den Ritzen des Brunnens wuchernden Farn beseitigt hat. Unablässig rollt Bahrmann Schnur ab, während sich gleich mehrere Köpfe über die Öffnung beugen: kaum ein Tourist, der nicht schauen will, was die Männer da treiben. Schwäbische Mundart ist genauso zu vernehmen wie Russisch. Einer fragt: „Gibt’s hier Gold?“

Plötzlich merkt alles auf: Das Lot hat die Wasseroberfläche berührt. Ein Geräusch hört man nicht. Aber die kreisrunden Linien, die das Spiegelbild unten wirft, sind deutlich zu erkennen. Doch noch ist der Boden des Brunnens nicht erreicht. Bahrmann muss weiter fleißig Schnur herablassen. Dann wird er plötzlich aufgeregt: „Wir sind unten! Man merkt’s ganz deutlich: Der Grund ist schlammig!“ Und tatsächlich – wer die Schnur in die Hand nimmt, bemerkt einen weichen Widerstand – als würde man sich auf ein sehr bequemes Sofa setzen. Daniel Bahrmann markiert die Stelle auf der Schnur und fängt an, das Lot wieder nach oben zu ziehen. Zwei Minuten später legt er das weiße Band auf dem Pflaster des namenlosen Platzes aus. Unter den Augen neugieriger Passanten zückt er ein gelbes, aufrollbares Fünf-Meter-Maßband. Eine Weile dauert es, dann steht fest: „Bis zum Grund des Brunnens sind es tatsächlich 21,50 Meter. Fünfeinhalb Meter mehr als angegeben!“ Auch der Wasserstand liegt nicht bei zwei Metern, sondern bei mehr als dem Doppelten.

Aber warum? Vielleicht ergibt eine Prüfung des Wassers einen Hinweis. Und so kommt jetzt das rote Bergsteigerseil zum Einsatz. Flugs bringt Konditormeister Dirk Zieger einen emaillierten Eimer, der als Nächstes in den Brunnen abgeseilt wird. Wieder dauert es seine Weile, bis er zu einem Drittel gefüllt wieder oben ist. Das Ergebnis: „Das Wasser ist glasklar und hat eine leicht süßliche Note, wie Bachwasser“, sagt Daniel Bahrmann nach einem Probeschluck. Abgestanden ist es jedenfalls nicht. Sonderlich kalt ebenfalls nicht – knapp 13 Grad zeigt das herbeigeholte Thermometer. Der Brunnen muss also einen Zu- und Abfluss haben. Woher das Wasser kommt und wer den zu DDR-Zeiten unter dem Pflaster verborgenen Brunnen angelegt hat, gilt es nun herauszufinden. „Ich werde mir alle verfügbare Literatur besorgen“, kündigt der Chef des Kunstvereins ein. Und auch ein Abstieg in die enge Röhre wird längst erwogen – aber natürlich nur mit professioneller Absicherung.