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Dem Druck standgehalten

Jogis Jungs müssen nicht auf die Couch. Trotzdem arbeiten sie mit einem Psychologen.

Dieser Wert lässt sich nicht messen, ist aber ein entscheidender Faktor. Joachim Löw hatte schon vor dem überzeugenden Sieg zum WM-Auftakt gesagt, seine Mannschaft befinde sich „mental in einem sehr guten Zustand“. Die hohe Erwartungshaltung, endlich den Titel zu gewinnen, belaste sie genauso wenig wie prominente Ausfälle oder der Zwischenfall im Trainingslager. In Südtirol waren Benedikt Höwedes und Julian Draxler bei einem Werbedreh in einen Unfall verwickelt, bei dem zwei Personen verletzt wurden.

Die Spieler hätten dieses negative Erlebnis ohne psychologische Hilfe gut verarbeitet, sagt Hans-Dieter Herrmann. Seit 2004 arbeitet er für die deutsche Nationalelf. „Am Anfang war das für viele Spieler neu, man hat gemerkt: Sie gucken erst mal“, erinnert er sich an die anfängliche Skepsis: Wer zum Psychologen geht, hat ein Kopfproblem. Genau darum gehe es eben nicht. „Wir nutzen die Sportpsychologie zur Leistungssteigerung und nicht, weil wir Defizite haben“, erklärt Herrmann das „Training im Kopf für den Kopf“.

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Das dürfe man sich nicht klinisch vorstellen, nicht wie eine Therapie. Er habe eben kein Behandlungszimmer, in dem die Couch steht. „Ich mache keine Liste: In der halben Stunde muss der seine Sorgen sagen, in der nächsten ein anderer. Man spricht einfach miteinander. Das kann am Salat-Buffet sein oder beim Joggen. Da geht es um verschiedene Themen.“ Zum Beispiel die klimatischen Herausforderungen, die frühe Anstoßzeit oder eben den Leistungsdruck.

„Ja, es ist WM“

„Von einer deutschen Nationalmannschaft wird vor einem Turnier immer erwartet, dass sie alles gibt und weit kommt, ja, viele erwarten den Titel“, meint Herrmann, aber: „Die Spieler sagen nicht: Oh Gott, eine WM! Sondern: Ja, es ist WM! Noch dazu in Brasilien!“ Sie müssten nicht mit einem Problem fertig werden, sondern „mit der Energie umgehen, die sie haben, weil sie hier sein dürfen“. Dabei helfe ihnen in erster Linie ihre internationale Erfahrung. „Mit Druck können die Jungs umgehen.“

Einen ersten Nachweis dafür haben sie am Montagabend geliefert. „Wir sind noch lange nicht am Ende“, sagt Philipp Lahm. Deshalb gab es keine Jubelorgien auf dem Platz, vielleicht fehlte auch die Kraft. „Die erste Halbzeit war brutal, wir haben im richtigen Moment die Tore gemacht“, relativiert der Kapitän. Wie beinahe jedes Fußballspiel hätte auch diese Partie anders ausgehen können, nämlich wenn die Portugiesen in Führung gegangen wären. Lahm hatte sie mit seinem Ballverlust im Mittelfeld dazu eingeladen, Torwart Manuel Neuer gegen Cristiano Ronaldo den Patzer wiedergutgemacht. Oder wenn der Schiedsrichter nach dem leichten Zupfer an Mario Götze auf Weiterspielen entschieden hätte.

Bei einer WM gilt der simple Spruch erst recht, wonach der nächste Gegner der schwerste ist, auch wenn Ghana gegen die USA mit 1:2 verloren hat. „Das ist ein Team mit hervorragender Physis und schnellen Einzelspielern, die viel Turniererfahrung haben“, meint Löw. Psychologe Herrmann wird beobachten, wie sich die Profis verhalten – auch ohne Sprechstunde. (SZ/-ler)