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Dem Kuchenstreit folgt die Abrechnung

Oberlausitz-Anhänger wünschen den Bäckern eine Niederlage in Brüssel. Um die Schlesientümelei zu beenden.

Von Sebastian Beutler

Den Streit kann Sigwart Thürmer so recht gar nicht verstehen. Die ganze Aufregung, den Aufwand mit Rechtsanwälten und beim Europäischen Gerichtshof, die Unsicherheiten zumal. Der frühere Informatik-Professor an der Görlitzer Hochschule dreht und wendet die drei Ausfertigungen jenes Dokuments, mit dem die „Kolatsche“ in Oberschlesien von der EU geschützt worden ist. Die Bäckerinnung fürchtet, dass damit Bäckern außerhalb der Woiwodschaft Oppeln und einiger Teile der Woiwodschaft Schlesien die Werbung für den Schlesischen Streuselkuchen versagt ist. Doch Thürmer kommt zu einem ganz anderen Schluss: „Der ganze Streit ist ein Missverständnis, der entsteht, wenn man die jeweils andere Kultur nicht kennt.“ Thürmer bemüht sich um das Kennenlernen der polnischen Kultur im Sprachkreis via regia. Dort hat der in Breslau Geborene das Thema ebenfalls schon angesprochen. Und dort auch nur Staunen bei den polnischen Teilnehmern der Kurse ausgelöst. Alle sind sie sich sicher, dass die Kolatsche in Oberschlesien und der Schlesische Streuselkuchen, wie ihn Bäcker in Görlitz anbieten, zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe sind.

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Dabei kann Thürmer dem Bestreben der Oppelner Bäcker durchaus einiges abgewinnen. Sie wollen vermutlich nur, was anderswo auch gang und gäbe ist, nämlich ihre Produkte gegen große Bäckerkonzerne verteidigen. Thürmer findet seine Meinung auch durch die Dokumente der Europäischen Union bestätigt. So hat er sich die polnische, englische und deutsche Version besorgt. Sie alle stimmen darin überein, dass „schlesische Kolatsche“ geschützt wird. Und die Kolatsche ist eben nicht schlesischer Streuselkuchen. Sie ist meist mit Quark, Mohn oder Apfel gefüllt und die oberste Schicht, so heißt es in der deutschen Übersetzung des EU-Papiers, „besitzt eine für dieses Backwerk charakteristische goldgelbe Farbe und ist mit Puderzucker bestreut“. Aber welcher Streuselkuchen wird in der Regel mit Puderzucker bestreut? Auch wird der Streusel hierzulande auf den Kuchen verstreut und nicht als eine Schicht draufgelegt.

So entspannt also die hiesigen Bäcker dem Rechtsstreit in Brüssel entgegensehen können, so überraschend hart wird der Streit mittlerweile in der Oberlausitz geführt. So nutzen manche Oberlausitz-Anhänger die Diskussion zu einer Generalabrechnung mit allem Schlesischen in der Region. Gerd Münzberg, selbst in Niederschlesien geboren und jetzt in Görlitz lebend, führt dabei das Wort. Münzberg hatte im Sommer auf der Altstadtbrücke einen Probelauf für den künftigen Oberlausitztag veranstaltet, der in den Landkreisen Bautzen und Görlitz im kommenden Jahr das erste Mal begangen werden soll. Und während Oberlausitz-Anhänger wie der Mundart-Experte Hans Klecker aus Zittau den Tag ganz entspannt sehen, verbindet Münzberg damit eben auch das Anliegen allen Schlesien-Anhängern den Garaus zu machen. So nimmt Münzberg den Kuchenstreit zum Anlass zu beklagen, dass vor allem im Westen des Landes beheimatete Schlesier-Aktivisten mit viel Aufwand an Geld und Personal alles dafür einsetzen, dass Görlitz eine Stadt Schlesiens bleibt. Andere sprechen gar vom Größenwahn des Görlitzer Innungsmeisters, Michael Tschirch, der zusammen mit dem zentralen deutschen Bäckerverband in Brüssel Schiffbruch erleiden werde. Sollte Thürmers Ansicht jedoch stimmen, dann könnte sich der Aufruhr auch wieder schnell legen. Thürmer jedenfalls tippt schon mal, was das Gericht sagen wird: Es schützt die schlesische „Kolatsche“ – und der Schlesische Streuselkuchen kann trotzdem weiter angeboten werden. Auf ein Wort