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Großenhain

Dem Minister auf den Zahn gefühlt

Michael Kretschmer lud die Bürger zum „Sachsengespräch“ nach Großenhain. Bei drei Themen kannte er keinen Spaß.

Eine gute Stunde lang beantwortete Ministerpräsident Michael Kretschmer die Fragen der Bürger.
Eine gute Stunde lang beantwortete Ministerpräsident Michael Kretschmer die Fragen der Bürger. © Kristin Richter

Großenhain. Prinz Charles und Camilla lassen alle herzlich grüßen. Um kurz nach 19 Uhr tritt Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) eilig vor die knapp 180 Menschen im Saal der Remontehalle, entschuldigt sich für die Verspätung und richtet dann die royalen Grüße aus. Kurz zuvor hat er in Leipzig den britischen Thronfolger und dessen Gattin getroffen, nun ist er zurück im Landkreis, nachdem er sich schon am frühen Morgen in Radebeul mit den Bürgermeistern und Landrat Arndt Steinbach (CDU) getroffen hatte.

Letzterer wirkt ganz beflügelt von „unserem jungen Ministerpräsidenten“ und seinem Arbeitspensum: „Herzlich willkommen, Michael Kretschmer, schön, dass du da bist!“ Der Landesvater selbst setzt den Stechschritt des Tages in seiner kurzen Eröffnungsrede fort, zählt auf, was seiner Regierung besonders wichtig ist – die Stärkung des ländlichen Raums – und was aus seiner Sicht schon erreicht wurde: Lehrerverbeamtung, wieder mehr Polizisten, ein neues Polizeigesetz. Das Thema medizinische Versorgung und Pflege wolle man in der kommenden Legislaturperiode „mit der gleichen Kraft und Entschiedenheit angehen, wie wir jetzt das Thema Lehrer angegangen sind“. Kretschmer geht auch konkret auf den Landkreis ein, erwähnt das Flugplatzareal, das zu einem großen Industriegebiet werden soll, „wir geben viel Geld dafür aus“.

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Falls ihn die vielen leeren Stühle in der großen Halle irritieren, dann lässt er es sich nicht anmerken. Locker doppelt so viele Menschen hätte der Raum gefasst, zieht man die vielen Verwaltungsmitarbeiter und CDU-Leute aus dem Publikum ab, sind noch weniger „echte“ Bürger gekommen.

Die aber gekommen sind, haben auch Fragen für den Ministerpräsidenten und seine neun Regierungsvertreter mitgebracht. Denn darum soll es gehen beim „Sachsengespräch“: in ungezwungener Atmosphäre mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. Dazu hat Kretschmer Justizminister Sebastian Gemkow, Bildungsminister Christian Piwarz, Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt, die Staatssekretärin des Sozialministeriums Regina Kraushaar, den Staatssekretär des Wirtschaftsministeriums Hartmut Mangold sowie den Amtschef des Finanzministeriums Dirk Diedrichs, den Leiter des Geschäftsbereichs Gleichstellung und Integration Sebastian Vogel und den Abteilungsleiter im Wissenschafts- und Kunstministerium Matthias Hüchelheim mitgebracht. Innenminister Roland Wöller wird aufgrund eines Todesfalls in der Familie durch Jörg Markert aus seinem Ministerium vertreten.

Die Gesprächspartner verteilen sich auf einzelne Tische in der Halle, der Ministerpräsident nimmt die Bühne ein. Ihn wollen die meisten sprechen oder doch zumindest mal aus der Nähe sehen, rund 50 Bürger nehmen auf den Stühlen um ihn herum Platz, auch Landtagspräsident Matthias Rößler und der Landrat sind unter ihnen.

Glückwünsche und ein Ständchen

Ein Mann bittet Kretschmer zu Beginn der Fragerunde, sich für die Verlegung der Bundesstraße 101 einzusetzen, ein anderer wünscht sich, dass in sächsischen Wäldern keine Windräder gebaut werden. Kretschmer kann ihn beruhigen: „Mit Matthias Rößler und mir wird es kein ’Wind über Wald’ geben.“ Die wirklich kritischen Fragen bleiben aus, stattdessen gibt es sogar Glückwünsche zum Geburtstag, den der Ministerpräsident einen Tag zuvor feierte. „Ich denke, aus dir ist was geworden“, sagt der Gratulant, ein älterer Herr, und Kretschmer lächelt etwas peinlich berührt. „Es gibt Geburtstagsmuffel“, erklärt er kurze Zeit später, „und ich gehöre wohl dazu“.

Dreimal wird er im Verlauf des Abends in seiner Rede nachdrücklich sagen: „Da hört bei mir der Spaß auf!“ Einmal geht es um den hypothetischen Fall, dass Betriebe die Gründung eines Betriebsrats behindern, einmal um Fahrverbote für Diesel. „Ich habe selbst einen Diesel zu Hause, einen Sharan“, erzählt Kretschmer. „Wenn es heißt, den darfst du nicht mehr benutzen, da hört der Spaß auf.“ Als ein Mann auf die AfD zu sprechen kommt und fragt, wie sie in den vergangenen Jahren so stark werden konnte, steht Kretschmer erstmals von seinem Platz auf, antwortet im Stehen. Er wolle noch weniger als sonst über andere Parteien reden, sagt er, er sei nicht als Parteipolitiker hier. „Sie haben sich 1989 die Freiheit erkämpft, wählen zu gehen, jetzt machen Sie das. Sie entscheiden, was wir in Zukunft für eine Regierung bekommen.“ Eine Zusammenarbeit mit der AfD, lehnt er erneut ab, gar nicht wegen einzelner Mitglieder. „Aber wenn ich in die Kategorie Volksverräter eingeteilt werde, wie es am Landtag stand“, so Kretschmer, „da hört der Spaß auf!“ Spaß muss er trotzdem noch einmal beweisen, als der Landrat mit Verwaltungsmitarbeitern und Politikern ein Geburtstagsständchen für ihn anstimmt.