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Dem Osten gehört die Zukunft - zwei Megatrends sprechen dafür

Das Gefühl, Verlierer zu sein, ist in Ostdeutschland weit verbreitet. Dabei gibt es große Chancen, Gewinner des Strukturwandels zu werden. Köpfe und Kooperationen sind die neue Kohle. Also: Go East! 

Von wegen grau: „Schwarmstädte“ wie Dresden locken immer mehr Menschen von außerhalb an.
Von wegen grau: „Schwarmstädte“ wie Dresden locken immer mehr Menschen von außerhalb an. © Getty Images

Von Daniel Dettling

Rund 30 Jahre nach dem Mauerfall und wenige Monate vor drei Landtagswahlen wird Ostdeutschland eine negative Zukunft prognostiziert: „Seine Regionen werden weiter abgehängt, die Bundesländer bald unregierbar.“ Von 26 abgehängten Regionen liegen (bis auf zwei) alle im Osten. Auch deshalb ist die AfD hier stärker als im Westen. Zwei Megatrends sprechen dagegen für eine Wende zu gleichwertigen Lebensverhältnissen zwischen West und Ost in den nächsten Jahren.

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Das in Ostdeutschland weit verbreitete Gefühl, zu den Verlierern zu gehören, liegt an einem historisch einmaligen Verlust an Talenten. In den letzten 30 Jahren sind fast zwei Millionen Fachkräfte in den Westen gegangen. Seit zehn Jahren kehrt sich der Trend um. Die Abwanderung nach Westdeutschland geht zurück. Zuletzt gab es zum ersten Mal einen positiven Saldo von Zuwanderung aus dem Westen in den Osten. Gewinner des demografischen Trends sind „Schwarmstädte“ wie Leipzig, Dresden, Chemnitz, Erfurt, Jena und Potsdam. Sie ziehen Zuwanderer aus dem Westen, dem Ausland und vor allem Studenten an.

Mieten und Lebenshaltungskosten sind niedriger, die Hochschulen nicht überfüllt und Kindergärten haben länger auf. Ein gutes Beispiel ist Chemnitz. Gemeinsam mit lokalen Unternehmen und Universitäten hat die Stadt am Erzgebirge die demografische Wende gegen den allgemeinen Trend geschafft. Seit 2009 wächst Chemnitz, auch weil sie für junge Familien, Ältere und Migranten attraktiv ist.

Talente, Toleranz und neue Technologien

Neben dem demografischen gehört der technologische Wandel zu den Treibern der Veränderung. In einer aktuellen Befragung des Verbands der kommunalen Unternehmen steigert die Digitalisierung für eine große Mehrheit der Betriebe die Attraktivität des ländlichen Raums als Wohn- und Arbeitsort. Der US-amerikanische Stadt- und Regionenforscher Richard Florida weist in seinem global beachteten Bestseller „The Rise of the Creative Class“ („Der Aufstieg der kreativen Klasse“) darauf hin, dass jene Städte und Regionen wirtschaftlich besonders erfolgreich sind, die vor allem auf drei Standortfaktoren setzen: Talente, Toleranz und neue Technologien. Den globalen Wettbewerb machen jene „hot spots“ unter sich aus, die offen gegenüber neuen Entwicklungen sind, in Bildung investieren und Fremde und Andersartige positiv wahrnehmen.

Beim Faktor Talente schneiden die ostdeutschen Bundesländer im Vergleich sehr gut ab, beim Faktor Toleranz sind sie jedoch Schlusslicht. Der Mangel an Offenheit gegenüber Fremden und Neuen hat erhebliche Folgen auch für die beiden anderen Standortfaktoren Technologien und Talente. Innovative Firmen und ihre Mitarbeiter machen einen großen Bogen um Regionen, in denen sie nicht willkommen sind. Mit Slogans wie „Wir bleiben unter uns“ läuft jede gut gemachte Standortkampagne ins Leere. Mehr als andere sind die östlichen Regionen auf Zuwanderung angewiesen. Der jüngste Beschluss der Kohlekommission zur Abschaltung aller Kohlekraftwerke in 20 Jahren kann zur zweiten Chance für den Osten und zum Einstieg in eine neue Standort- und Entwicklungspolitik werden. Köpfe und Kooperationen sind die neue Kohle. Aus den heutigen Braunkohlerevieren sollen Modell- und Zukunftsregionen für den Strukturwandel werden. Es geht um die Zukunftsthemen Mobilität, Erneuerbare Energien, Reycling, Ernährung, nachhaltiger Tourismus und Künstliche Intelligenz.

Bildung, Behörden und Bundeswehr

Neue Technologien, Forschungseinrichtungen, Start-ups und Unternehmen, die Ansiedlung von mehr Behörden und Bundeswehr sind notwendig, aber noch nicht hinreichend, um aus strukturschwachen Gebieten Zukunftsregionen zu machen. Nachhaltige und neue Wertschöpfung entsteht vor allem aus der Vernetzung und Kooperation von kreativen und innovativen Unternehmen, Kommunen und den Bürgern vor Ort. Nur dann entstehen aus neuen Bundesländern innovative Hubs und Regionen für neues und nachhaltiges Wachstum. Nur dann wird der Osten eine Adresse für die junge Generation und für innovative Unternehmen.

Um Talente zu halten und anzuziehen, kommt es auf attraktive Wohn- und Arbeitskonzepte, schnelles Internet in den Städten wie auf dem Land, eine Politik der gezielten Zuwanderung und neue Mobilitätsformen an. Die große Mehrheit der ostdeutschen Unternehmen, viele von ihnen im ländlichen Raum ansässig, suchen händeringend nach Arbeitskräften.

Diese werden nur kommen, wenn der öffentliche Nah- und Fernverkehr für attraktive und schnelle Verbindungen in die Städte sorgt. Das Ziel muss sein, innerhalb von weniger als einer Stunde von der entlegensten Gegend in eine größere Stadt zu kommen. Aus abgehängten müssen angeschlossene Regionen werden. Zu den Gewinnern werden vitale Städte und Regionen, die auf Lebensqualität, Bildung und bürgerschaftliches Engagement setzen.

Der neue Trend heißt Glokalisierung

Am Ende entscheiden nicht nur Technologien, Talente und Toleranz, sondern auch ein Team-Denken jenseits der alten Lager. Im Osten entscheidet sich, ob Regierungsbündnisse ohne Beteiligung der AfD zu einem neuen Vertrauen in staatliche Institutionen führen. Dazu braucht es eine kluge Politik der „Glokalisierung“, in der sich lokale, regionale und globale Identitäten ergänzen. Globalität und Lokalität verbinden sich zu einem neuen Dritten. Dialekt und eine Fremdsprache sprechen, global arbeiten und lokal leben, sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich. Die Globalisierung führt weltweit zu einer wachsenden Nachfrage nach Heimat und Nachbarschaft, nach Entschleunigung und Erlebnissen.

Das Leit- und Vorbild für die Integration der neuen Bundesländer war bislang immer der Westen. Damit wird es bald vorbei sein. Nach den Landtagswahlen wird es zu neuen und bunten Bündnissen kommen. 30 Jahre nach dem Mauerfall stürzen die letzten Mauern ein. Die Zukunft entsteht im Osten. Go East!

Unser Autor: Dr. Daniel Dettling ist Politikwissenschaftler und leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts, eines der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung.

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