SZ +
Merken

Dem Schicksal zuvorkommen

Eine Vorsorgevollmacht, eine Betreuungs- oder Patientenverfügung können im Fall der Fälle sehrhilfreich sein.

Teilen
Folgen

Von Katja Schreiber

Der schwere Verkehrsunfall passierte 1995 in der Nähe von Dohna. „Ich nahm etwas wahr, doch einordnen konnte ich es nicht“, beschreibt Wolfgang Krusch die Zeit im Koma. Er hatte Glück im Unglück: Nach zwölf Tagen wachte er auf. Dann dauerte es noch ein ganzes Jahr. Aber immerhin: Er wurde wieder gesund.

Zehn Jahre später referiert Krusch an der Volkshochschule Sächsische Schweiz über Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen. Er selbst hatte keine. „Ich stand damals, als der Unfall geschah, zwischen zwei Jobs und hätte mich arbeitslos melden müssen. Weil das niemand für mich regeln konnte, war ich weder renten- noch krankenversichert“, erzählt der heute 47-Jährige.

2 500 Betreuungsverfahren

Obwohl sein Beispiel zeigt, dass es auch jüngere Leute treffen kann, werden die Kurse in Pirna und Neustadt vor allem von älteren Menschen besucht.

Eine ihrer drängendsten Sorgen ist: Was passiert, wenn ich – z.B. nach einem Unfall oder einem Infarkt – nicht mehr selbst entscheiden kann? Wie kann ich verhindern, dann über den Tisch gezogen zu werden? „Vieles kann mit einer Vorsorgevollmacht, einer Betreuungs- oder einer Patientenverfügung geregelt werden. Da redet kein Fremder rein“, erklärt Krusch.

Das sieht auch Ernst Brandt vom Amtsgericht Pirna so. „Es ist immer gut, wenn sich das Gericht in solche Angelegenheiten nicht einmischen muss.“ Das spare eine Menge persönliches Leid, Arbeit und Geld. „Wir haben letztes Jahr im Landkreis Sächsische Schweiz rund 460 neue Vormundschaften vergeben“, erklärt der Gerichtssprecher. Das passiert immer dann, wenn jemand keine Verfügung hat und ein Betreuer nötig wird. Der Aktenberg – und gleichzeitig die Kosten für solche Angelegenheiten – nehmen stetig zu. Etwa 2 500 Betreuungsverfahren laufen derzeit über die Pirnaer Justiz. „Zwar setzt das Gericht in der Regel den nächsten Verwandten als Betreuer ein, doch ob man den nun unbedingt haben wollte, ist nicht in jedem Fall klar“, sagt der junge Richter, der selbst „natürlich“ eine Vollmacht hat.

Allerdings sollte man genau wissen, wem man Betreuung sowie Hab und Gut anvertraut. Denn Brandt weiß auch von kritischen Fällen aus der Nachbarschaft zu berichten: Der geschiedene Mann und die Tochter gaben die Vormundschaft für die Frau bzw. Mutter an einen Berufsbetreuer ab. Erst als eine größere Versicherungssumme ausgezahlt werden sollte, wollten beide wieder einspringen …

Deshalb liegt bei Wolfgang Krusch auch ein warnender Unterton in der Stimme, wenn er bei einer Vollmacht von der fehlenden Kontrolle des Staates spricht. Er hört in Pflegeheimen in Pirna, Heidenau und Bad Gottleuba immer wieder von Missbrauchsfällen innerhalb der Familie.

Auch Petra Gäbler vom Betreuungsverein Pirna kann aus Erfahrung sprechen: „Raus kommt so etwas erst, wenn Rechnungen nicht bezahlt werden“, sagt sie. Sie selbst erklärt sich zur Betreuerin mit weißer Weste. „Missbrauch gibt es bei uns nicht, das kann ich garantieren. Aber in der Tat ist die wesentlichste Anforderung an den Beruf: Wie berührt mich fremder Leute Geld. Hoffentlich überhaupt nicht, sonst kann ich den Job nicht machen“, sagt die Vereinssprecherin. Zwar muss der berufliche Betreuer beim Gericht Rechenschaft ablegen, aber theoretisch sei ein Missbrauch auch hier nicht auszuschließen. Allerdings sind negative Beispiele im Landkreis nicht bekannt.

Notarielle Beglaubigung

Unsicherheit herrscht nach wie vor darüber, ob eine Vollmacht oder Verfügung notariell beglaubigt werden muss. „Eigentlich nicht, aber …“ – pflegen die Experten einhellig zu sagen. Sind etwa Grundstücke im Spiel, muss die Vollmacht notariell beglaubigt sein. „Und wenn es doch Streitereien gibt, hat man es dann wesentlich leichter“, ergänzt Wolfgang Krusch. Sozialarbeiterin Damaris Werner vom Sebnitzer Krankenhaus sind die beglaubigten Schriftstücke ebenfalls lieber: „Im Zweifelsfall muss ich die Angehörigen sonst zur Überprüfung der Vollmacht wieder wegschicken.“