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Agrofarm im Visier von Fridays for Future

Rosenbach wird am Freitag Schauplatz einer Demo gegen Massentierhaltung. Dabei geht's eigentlich um einen Kuhstall und einen Dauerstreit mit der Agrofarm.

Schon bei der Demo am 10. Juli in Görlitz wurde das Thema Massentierhaltung im Zusammenhang mit der Agrofarm laut.
Schon bei der Demo am 10. Juli in Görlitz wurde das Thema Massentierhaltung im Zusammenhang mit der Agrofarm laut. © Nikolai Schmidt (Archivbild)

Über Herwigsdorf ziehen sich an diesem Freitag dunkle Wolken zusammen. Nicht unbedingt am Himmel, aber über der Stimmung im Dorf. Der Grund: Fridays for Future planen um 17 Uhr eine Demonstration rund um die Agrofarm Herwigsdorf. Unter dem Motto "Stopagrofarm - Kein Weiter so mit uns!" rufen die Jugendlichen zum Protestmarsch zu dem Landwirtschaftsunternehmen auf. Damit möglichst viele kommen, werden sogar die Fahrräder für die Teilnehmer aus Richtung Zittau, Görlitz und Dresden per Transporter nach Löbau gebracht, denn mit dem öffentlichen Nahverkehr ist Rosenbach schlecht zu erreichen.

Eine solche Art der Demo-Mobilisierung ruft auch die Herwigsdorfer auf den Plan, die bislang zum jahrelangen Dauerstreit zwischen Bürgerinitiative "Lebenswertes Rosenbach" und der Agrofarm wegen des geplanten Kuhstallneubaus geschwiegen haben. Schweigen wollen sie jetzt nicht mehr, sondern dem Landwirtschaftsunternehmen den Rücken stärken. Einer von ihnen ist Dietmar Plociennik. Er sitzt seit Jahren für den TSV 1891 Herwigsdorf im Gemeinderat und ist empört über die Art und Weise, wie das Unternehmen an den Pranger gestellt wird.

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Die Agrofarm spielt auch als Arbeitgeber und Steuerzahler in Rosenbach eine wichtige Rolle - und nun auch bei der Demo von Fridays for Future.
Die Agrofarm spielt auch als Arbeitgeber und Steuerzahler in Rosenbach eine wichtige Rolle - und nun auch bei der Demo von Fridays for Future. © Matthias Weber

Vor allem kann er - wie viele andere auch - nicht verstehen, warum der Stallneubau, der die Bedingungen für die Tiere im Vergleich zu den alten Ställen deutlich verbessert und auch den Anwohnern deutliche Vorteile bringt, so angefeindet wird: Der neue Stall werde ein "nach den neuesten Gesichtspunkten des Tierwohls gebauter Stall" sein, sagt er, außerhalb der Wohnbebauung und 800 Meter von den alten Anlagen aus den 60er/70er Jahren entfernt. Dass die Agrofarm mit ihren rund 60 Arbeitsplätzen wohl im Ort einer der größten Gewerbesteuerzahler und Arbeitgeber ist, darauf verweist Plociennik ebenfalls, denn der Betrieb ist in seinen Augen wichtig für den Erhalt vieler Dinge im Dorf: Kita, Schule, Vereinsleben. So sieht es auch Anwohnerin Karin Grosche, die nicht glaubt, dass "jemand wieder zur Einzelbewirtschaftung zurückgehen möchte".

Ortsfremde forciert Dorf-Streit

Besonders ärgert all jene, die sich für die Agrofarm jetzt zu Wort melden, dass der Konflikt von einer Person befeuert wird, die gar nicht im Ort wohnt, sondern in Löbau. Beate Bertulis hat bereits mit Gleichgesinnten an der tausendjährigen Eiche des Dorfes demonstriert, sie liegt seit vielen Jahren mit der Agrofarm über Kreuz, weil sie ihr Herwigsdorfer Grundstück und die Natur generell durch den Landwirtschaftsbetrieb in Mitleidenschaft gezogen sieht. Eine sachliche Kommunikation zwischen ihr und dem Unternehmen ist derzeit kaum möglich, das schilderte sie auch der SZ bereits mehrfach.

Beate Bertulis war es auch, die den Kontakt zu Fridays for Future suchte - und fand, so bestätigt es Alexander Hilse, einer der Zittauer Organisatoren der Umweltaktivisten. Frau Bertulis habe ihm erklärt, wie die Agrofarm vorgehe, habe ihm den Ort gezeigt. Außerdem habe er durch sie Kontakt zur Bürgerinitiative "Lebenswertes Rosenbach" erhalten. Mit der Bürgerinitiative haben die jungen Leute auch ihre Aufrufe und Posts abgesprochen. Auf die Frage, ob er oder die Mitstreiter vom jahrelangen Streit und den jüngsten juristischen Auseinandersetzungen wisse, erklärt Hilse, dass niemand von den Mitstreitern im Ort wohne, man sich aber vor Ort informiert habe. Welches Bild er dabei gewonnen hat, zeigt ein FB-Post von ihm, wo er das Dorf als einen Ort beschreibt, wo "Spießertum" regiert und alle vor Problemen die Augen verschließen. Informiert hat er sich freilich nicht bei der Agrofarm, gegen die es bei der Demo jetzt geht. Alexander Hilse wehrt ab: "Wir verteufeln nicht die Agrofarm", sagt er. Es gehe darum, dass man Massentierhaltung und reine Stallhaltung ablehne.

Doch die Rosenbacher empfinden es als Feldzug gegen die Agrofarm. Dabei ist der Betrieb bei weitem nicht der einzige mit großen Viehbeständen im Kreis Görlitz, wo insgesamt 43.831 Rinder bei 531 Haltern stehen. Schweine leben im Landkreis 46.821 bei insgesamt 203 Haltern. Nach Auskunft von Kreis-Amtstierarzt Ralph Schönfelder, gibt es demnach 28 Tierhalter mit mehr als 500 Rindern - hier gehört die Agrofarm dazu. Keiner hat jedoch insgesamt über 2.000. Bei den Schweinen sieht es etwas anders aus, hier gibt es nur zehn "Große", die mehr als 1.000 Tiere haben. Die Agrofarm zählt mit über 10.000 dazu.

Anwohner wittern Aktion der Grünen

Viele Rosenbacher argwöhnen auch Parteikalkül hinter der Aktion - vor allem von den Grünen, zumal sich Landtagsabgeordnete Franziska Schubert schon mehrfach auf die Seite der Agrofarm-Kritiker gestellt hat. Doch Einhelligkeit gibt es hier nicht: Während Annett Jagiela, Sprecherin des Grünen-Kreisverbandes und zugleich Büroleiterin von Franziska Schubert, persönlich an der Demo teilnehmen will und die Bürgerinitiative unterstützt, betont ihr Co-Sprecher Sylvio Pfeiffer-Prauß, dass der Kreisverband sich zu der Aktion nicht explizit auf eine Haltung verständigt habe. Man setze vor allem auf Dialog. Das unterstreicht auch Kreisfraktionsvorsitzender Thomas Pilz, der an der Radikalität des Aufrufes Anstoß nimmt und betont, dass man die Agrofarm, die aus einer LPG entstanden ist, nun nicht für Geschichte bestrafen solle.

Auch die Linken unterstützen nicht als Kreisverband - anders als anfangs kommuniziert - diese Aktion. "Wir haben uns auch rein zeitlich nicht gemeinsam damit befassen und einen Beschluss fassen können", sagt der Geschäftsführer der Linken im Kreis, Marko Schmidt. Daher stehe in dem Fall nur Landtagsabgeordnete Antonia Mertsching aus dem Norden des Landkreises als Person hinter der Demo.

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Rosenbachs Bürgermeister Roland Höhne hofft für diesen Freitag vor allem eines: "Dass alles friedlich abläuft." Für ihn ist die Emotionalität und Schärfe des Streits, die das Dorf in Aufruhr versetzt, absolut unverständlich. Die Art und Weise, wie die Fridays for Future-Mitstreiter verbal mit der Agrofarm umgehen, findet er "eine Frechheit". Höhne ist sich sicher, dass die jungen Leute hier für einen anderen Streit instrumentalisiert werden. Denn der Protest hebt den Dorf-Streit auf ein anderes Niveau.

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