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Den Angeklagten vom Dach geholt

Ein 34-Jähriger wollte in Heidenau einer Polizeistreife entkommen, weil er Crystal in der Tasche hatte. Dann kam es zu Gewalt und jetzt zum Prozess.

Symbolbild.
Symbolbild. © Symbolbild/dpa

Von Friederike Hohmann

Seit geraumer Zeit hatte Dennis H.* seine Post nicht mehr geöffnet. Wohl unwissend hatte er sich auch an diesem Montagmorgen zur Baustelle nach Pillnitz aufgemacht, wo er seit kurzem als Dachdecker arbeitet. Doch er hätte zu diesem Zeitpunkt woanders sein müssen: Am Amtsgericht in Pirna. Schon eine Woche zuvor hatte aber das Gericht vergeblich auf ihn gewartet.

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Doch diesmal lässt das die Richterin nicht durchgehen. Nach ihrer Weisung machen sich zwei Polizeibeamte auf den Weg, um Dennis H. persönlich von der Baustelle zur Anklagebank zu bringen. Im Gerichtsgebäude angekommen, sieht er dann auch seine Verteidigerin zum ersten Mal. Sie zeigt ihm die Anklageschrift und Fotos aus der Akte. Immer wieder schüttelt er den Kopf, als wolle er nicht wahrhaben, was da Polizei und Staatsanwaltschaft zu Papier gebracht hatten. Im ungeöffneten Briefumschlag zu Hause weggesteckt, hatte er das alles ja nicht zur Kenntnis nehmen müssen. 

„Warum werde ich ignoriert?“, fragt die Richterin zu Beginn der Verhandlung. Richtig kann H. darauf nicht antworten. Immer wieder beginnt er Sätze, die er nicht zu Ende bringt. Die Pflichtverteidigerin hatte im kurzen Gespräch vor Verhandlungsbeginn auch Mühe, etwas aus H. herauszubekommen. Psychologische Hilfe wolle er sich holen. Seine Frau habe ihn verlassen und sein Kind darf er nicht sehen. Er habe viele Schulden. Seine Schwestern hätten seine Post gelesen und schlechte Dinge über ihn verbreitet. Deshalb habe er dann irgendwann seine Briefe gar nicht mehr geöffnet. Er konsumiere seit längerer Zeit Drogen. Sein Leben sei in Schieflage geraten, er habe eine totale Blockade gehabt und immerzu Kopfschmerzen.

So erklärt er, warum er vor einem Jahr, ganz gegen seine Überzeugung, keine Gewalt anzuwenden, einen Polizisten verprügelt hatte. Das Opfer, der als Zeuge geladene Polizeibeamte, erzählt dem Gericht detailliert, was sich in jener Nacht Anfang August 2019 gegen 3 Uhr zugetragen hatte. Auch seine Kollegin erinnert sich im Zeugenstand noch deutlich an diese Nacht. Diese Schilderungen und die Konfrontation mit seinen eigenen Äußerungen aus dem Vernehmungsprotokoll vom Tag nach der Tat lassen die Erinnerungen an das lange Verdrängte bei H. allmählich deutlicher werden. So gibt er dann auch zu, dass er mit seinem Fahrrad so schnell wie möglich entkommen wollte, nachdem er den Streifenwagen entdeckt hatte.

Die Polizisten hatten die Verfolgung aufgenommen, weil ihnen der Fahrradfahrer, der so spät in der Nacht auf der Von-Stephan-Straße in Heidenau unterwegs war, verdächtig vorkam. Warum hatte er wohl so plötzlich die Fahrtrichtung gewechselt? Sie hatten H. schnell eingeholt und der Polizist setzte dem Verdächtigen weiter zu Fuß nach, während seine Kollegin weiterfuhr, um ihm den Weg abzuschneiden. Im Garagenkomplex Emil-Schemmel-Straße stießen Polizist und Verfolgter dann unsanft aufeinander. Dass H. dort den Beamten absichtlich umgefahren habe, wie ihm vorgeworfen wurde, bestreitet er selbst und die Richterin glaubt ihm das auch. Dass er dann bei der Rangelei den am Boden liegenden Polizisten mehrmals mit der Faust auf den Kopf schlug, bleibt jedoch unwidersprochen. 

Das Opfer erlitt dadurch ein Schädel-Hirn-Trauma ersten Grades. Beim Kampf mit H. zog der Polizist sich mehrere Schürfwunden zu, litt mehrere Tage lang an Kopfschmerzen und wurde für zwei Tage krankgeschrieben. Nur weil er kämpferisch überlegen war und außerdem Pfefferspray gegen H. einsetzte, konnte er die Auseinandersetzung beenden. Die herbeigerufene Kollegin setzte H. dann fest und fand bei ihm 0,41 g Crystal.

Ihm sei plötzlich klar geworden, dass er sich mit seinem Fluchtversuch und der Gewalt gegen den Polizisten in eine schlimme Lage gebracht hatte. „Er wollte mich ja nur kontrollieren. Ich hatte gar nichts gegen ihn persönlich.“ Die erst im Gerichtssaal ausgesprochene Entschuldigung nimmt das Opfer zur Kenntnis und stimmt außerdem einem von der Richterin angeregten Vergleich zu. Der Polizist hatte Schmerzensgeld verlangt, und H. verpflichtet sich nun, 1.000 Euro in Raten an ihn zu zahlen.

Der Strafprozess endet mit einer Verurteilung zu einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von zehn Monaten und einer Geldstrafe von 900 Euro. Der deutsche Staatsbürger H. bekommt einen Bewährungshelfer und soll drei Termine bei einer Drogenberatung wahrnehmen.Bei der Urteilsbegründung nickt H. mehrfach. Die Richterin sieht bei ihm keine Feindseligkeit gegen den Staat. Aber der Gesetzgeber hätte zu Recht die Strafen bei Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte verschärft. Die Justiz müsse gestärkt werden, damit sie nicht irgendwann wegschaut, wenn Straftaten begangen werden. Das führe ins Chaos, so die Richterin.

(*) Name geändert

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