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Ergotherapeuten bleiben die Patienten weg

Viele Praxen kämpfen wegen Corona ums Überleben. Videosprechstunde ist ein Kompromiss, löst aber das Problem nicht.

Besser als gar keine Behandlung: Ergotherapeutin Maria Scholz erklärt MS-Patient Felix Würschmidt in der Videosprechstunde, wie er sich einen Mundschutz herstellen kann.
Besser als gar keine Behandlung: Ergotherapeutin Maria Scholz erklärt MS-Patient Felix Würschmidt in der Videosprechstunde, wie er sich einen Mundschutz herstellen kann. © Andreas Seidel

Felix Würschmidt muss während der Behandlung immer wieder seine linke Hand ausschütteln, um den Krampf loszuwerden. Auch sein Zittern behindert ihn, während er einen Mundschutz bastelt – diese Aufgabe steht heute auf dem Programm seiner Ergotherapiestunde. Der 26-jährige Chemnitzer sitzt Therapeutin Maria Scholz dabei aber nicht persönlich, sondern via Bildschirm gegenüber. „Die Möglichkeit der Videobehandlung haben wir für Patienten geschaffen, die aus Angst vor einer Coronavirusinfektion nicht in die Praxis kommen wollen“, sagt Praxisinhaberin Silke Thar. Doch das sei nur ein Kompromiss. Er hilft Patienten, erreichte Fortschritte zu erhalten und Therapeuten, noch ein paar Einnahmen zu generieren. Im normalen Praxisalltag würde sie dem Patienten bei solchen Krämpfen eine Mobilisationsbehandlung anbieten. „Jetzt kann ich ihm nur ein paar Übungen zeigen, wie er die Beschwerden loswerden kann. Das ist nicht dasselbe.“

Bei Felix Würschmidt wurde vor zehn Jahren Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert. Das ist eine neurologische Erkrankung, die mit Gefühlsstörungen, Zittern, Krämpfen und Bewegungseinschränkungen einhergeht. Die Krankheit verläuft in Schüben und schreitet unbehandelt immer weiter fort. Moderne Medikamente und Dauerverordnungen für Physio- und Ergotherapie können sie aufhalten und sogar Verbesserungen bringen.

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Der 26-Jährige erzählt, dass bei ihm alles ganz plötzlich ausgebrochen sei – nach einem Kreislaufkollaps. „Von einer Stunde zur anderen verkrampften sich meine Muskeln, ich war steif und konnte mich nicht mehr bewegen.“ Im Krankenhaus erhielt er dann die erschütternde Diagnose. Für den leidenschaftlichen Kletterer und Leichtathleten war das ein harter Schlag. „Doch als Sportler bin ich eben auch ein Kämpfer. Ich wollte um alles in der Welt wieder selbstständig gehen und mein Leben gestalten können“, sagt er. Nach eineinhalb Jahren hatte er es geschafft. „Ich habe mich aus dem Rollstuhl gekämpft. Ich kann wieder mit meinem Hund spazieren gehen und berufstätig sein.“ Seine Therapeutin bestätigt, dass ihm ein Außenstehender anhand seines Gangbildes die Krankheit heute nicht mehr ansehe. „Das ist ein großer Verdienst meiner Physio- und Ergotherapeuten. Durch sie ging es mit mir wieder bergauf.“

Probleme hat Felix Würschmidt aber noch mit der Feinmotorik. Als gelernter Hauswirtschafter ist er es gewöhnt, zu kochen, zu backen und zu nähen. Dafür reiche die Fingerfertigkeit jetzt noch nicht, deshalb versorgt er zunächst den eigenen Haushalt, wo er genügend Zeit für die einzelnen Handgriffe habe – sehr zur Freude seiner Partnerin, sagt er mit einem Lächeln. Beruflich engagiert er sich derzeit im sozialen Bereich. Seine Sprachkenntnisse helfen ihm in der Betreuung Geflüchteter mit psychischen Problemen.

Bedarf in Sachsen stark gestiegen

Für eine bessere Fingerfertigkeit müht er sich nun mit Übungen wie dem Mundschutz-Basteln. „Er hat große Fortschritte gemacht. Wir müssen aber dranbleiben. Stillstand kann das Erreichte schnell wieder zunichtemachen“, so Scholz.

Doch genau dort liegt das Problem. Viele Patienten, auch die Praxisinhaber, waren verunsichert, als es zunächst hieß, dass alle Praxen geschlossen werden müssten. „Nach einem Tag wurde alles widerrufen. Wir galten sogar plötzlich als systemrelevant und als wichtige Säule in der Gesundheitsversorgung“, so Thar. Das Hin und Her habe aber dazu geführt, dass viele Patienten ihre Behandlungen absagten – aus Angst vor Infektion. Auch die Ergotherapeuten selbst waren in Sorge, denn sie bekamen keinen Zugang zu Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel. „Viele Kollegen wollten sich dem Risiko nicht aussetzen. Denn sie könnten ja auch selbst zur Übertragungsquelle werden, ohne es zu merken“, so die Praxisinhaberin. Doch finanziell abgesichert waren nur die Praxen, in denen bereits ein Coronafall aufgetreten ist. Sie standen unter Quarantäne. Die Beschäftigen mussten zu Hause bleiben und hatten Anspruch auf Krankengeld. „Doch für die anderen Ergotherapeuten, die aus Angst vor einer Infektion geschlossen haben, gab es nichts. Obwohl die Ausgaben unter anderem für Praxismiete und Lohnkosten weiterliefen“, sagt Thar.

Mit Beginn der Coronakrise sind den Ergotherapeuten im Schnitt 70 Prozent ihrer Einnahmen weggebrochen, wie Andreas Pfeiffer sagt. Er ist Vorsitzender des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten. Um diese wichtige Therapieform auch in Zukunft zu erhalten, hat der Verband Forderungen an die Bundesregierung gestellt. Dazu gehören der Zugang zu Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel, eine Ausgleichszahlung für den Umsatzausfall in den Praxen und eine Information an Ärzte und Behörden, dass Ergotherapie auch weiterhin für Patienten verordnet werden kann. Denn seit der Coronakrise sind die Verordnungen stark zurückgegangen. „Viele Menschen gehen nicht mehr zum Arzt. Damit werden aber auch Krankheiten verschleppt, und das ist nicht gut“, sagt Silke Thar.

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Der Bedarf an Ergotherapie ist in Sachsen stark angestiegen und hält sich der AOK Plus zufolge seit Jahren auf einem hohen Niveau. Gab es 2011 noch 419 Ergotherapiepraxen im Freistaat, seien es 2019 fast doppelt so viele gewesen – 799. Die meisten Ergotherapierezepte gebe es in Sachsen für Kinder, sagt Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus. „Auch die über 60-Jährigen nehmen häufig ergotherapeutische Leistungen in Anspruch.“ Bei den Älteren seien es meist Lähmungen oder Bewegungseinschränkungen nach Schlaganfällen, die behandelt würden. Silke Thar: „Wir haben hier im Haus eine Therapiewohnung, wo Patienten unter unserer Anleitung wieder lernen können, selbstständig zu duschen, den Geschirrspüler zu bedienen oder essen zu kochen. Ohne diese Behandlung wären sie auf fremde Hilfe angewiesen.

Bei den Vorschul- und Schulkindern spiele man als Ergotherapeut oft Feuerwehr, wie die Praxisinhaberin es ausdrückt. Denn unter anderem hätten die freien Kita-Konzepte dazu geführt, das manche Kinder bis zur Einschulung nie etwas gemalt haben und auch keine Schere halten können. Sie seien damit nicht in der Lage, den Anforderungen in der Schule gerecht zu werden. „Das versuchen wir in vielen kleinen Schritten nachzuholen.“ Bei einigen Kindern sei auch die Händigkeit unklar. Mit speziellen Testungen und Therapien lässt sich die dominierende Hand herausfinden und trainieren.

Videobehandlung auch für Kinder

Die Videobehandlung sei in einigen Fällen auch für Kinder möglich. Bestimmte Bewegungsabläufe ließen sich auch gut am Bildschirm koordinieren. Zunehmend würden sich auch ältere Menschen immer mehr mit der Technik befassen, um einerseits durch Behandlungen ihre Selbstständigkeit zu erhalten, andererseits aber auch, um mit ihren Kindern und Enkeln in Kontakt zu treten. „Das hat also alles auch positive Seiten“, so Silke Thar. „Die Möglichkeit der Videobehandlung hat bei uns sogar zu einigen Neuanmeldungen von Patienten geführt. Dieses Angebot wollen wir deshalb auch nach Corona aufrechterhalten.“

Videobehandlungen würden genauso vergütet wie Behandlungen in der Praxis, so die AOK Plus Sprecherin. Die notwendige Unterschrift des Patienten kann per Fax oder über gescannte Dokumente erfolgen. „Die Praxisinhaber müssen uns diese Dokumente bei der Abrechnung auch nicht vorlegen. Sie sollten sie nur für eventuelle Kontrollen aufbewahren“, sagt Strobel. „Das ist ein großer Vertrauensvorschuss, dafür sind wir sehr dankbar“, so Thar.

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Felix Würschmidt hält im Bildschirm den Daumen hoch. Er hat seinen Mundschutz fertig. Das Einfädeln der Gummibänder war aber eine Herausforderung. „Ich mache gleich noch ein paar mehr. Man weiß ja nie, wie man die Dinger noch braucht“, sagt er.

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