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Bautzen

Den Grenzwölfen auf der Spur

Wissenschaftler erforschen die Tiere im sächsisch-böhmischen Gebiet und entdecken dabei Spannendes.

Lukáš Žák (links) und Paul Lippitsch überprüfen eine Fotofalle in einem Waldgebiet bei Cunewalde.
Lukáš Žák (links) und Paul Lippitsch überprüfen eine Fotofalle in einem Waldgebiet bei Cunewalde. © Wolfgang Wittchen

Das liegt schon zu lange.“ Paul Lippitsch und Lukáš Žák gehen in die Hocke. Mitten auf dem Wanderweg liegen die Reste eines Beines. „Der Hinterlauf von einem Reh“, sagen die Männer. Teilweise umschließt das Fell noch die Knochen, teilweise liegen sie bloß. Wer hier gejagt, erlegt und gefressen hat, lässt sich nicht mehr sagen. „Um genetische Spuren zu sichern, ist schon zu viel Zeit vergangen“, meint Paul Lippitsch und hält das Bein gegen das Sonnenlicht. Alles zu vertrocknet. Könnten Füchse gewesen sein, vielleicht ein Marderhund. Aber ja, auch der Wolf kommt infrage. Denn es gibt ein Rudel im Raum Cunewalde südlich von Bautzen. Im Gebiet des Berges Czorneboh können die beiden Ökologen vom Senckenbergmuseum für Naturkunde Görlitz ihre Spuren finden. Fünf Welpen gab es zuletzt.

Es ist ein sonniger Septembertag. Paul Lippitsch (30), gebürtige aus Jauer bei Panschwitz-Kuckau, und Lukáš Žák (41) aus dem tschechischen Dolní Poustevna (Nieder Einsiedel) nahe Sebnitz haben die Wanderschuhe angezogen. An einem Parkplatz starten sie ihre übliche Tour – die Augen suchend auf den Boden gerichtet. Regelmäßig laufen sie jedes Untersuchungsgebiet ab. Im Gepäck haben sie Plastikdosen, manche gefüllt mit Ethanol für Genetikproben. In den Behältern sammeln sie, was sie an mutmaßlichen Wolfsspuren finden. Meist Kot, Wissenschaftler sagen Losung.

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Knochensplitter im Wald

Die erste entdecken die beiden nach wenigen Minuten. Sie ist frisch, aber zu klein für einen Wolf. Nach ein paar hundert Metern auf dem Wanderweg schlagen sich die Forscher buchstäblich in die Büsche. Laufen durch hüfthohe Brennnesseln und Springkraut, immer wieder verhakt sich Brombeergestrüpp in den Hosenbeinen. In all dem Gewirr entdeckt Lukáš Žák nach wenigen Metern trotzdem ein ausgebleichtes Knochenstück. Weniger später findet er weiße Knochensplitter zwischen Nadelstreu am Boden. „Das sind alles Hinweise auf Raubtiere hier in der Gegend“, so Paul Lippitsch. Er und sein Kollege sind Mitarbeiter in einem besonderen Wolfsprojekt. Dabei werden systematisch die Tiere im böhmisch-sächsischen Grenzgebiet erforscht. Von Zittau durch das Lausitzer Bergland, die Sächsische Schweiz, das Erzgebirge, das Vogtland bis zur bayrischen Landesgrenze. Finanziert wird das von der Europäischen Union. Neben Senckenberg sind die Prager Universität für Umweltwissenschaften, Tschechiens Umweltministerium und weitere Partner dabei.

Meterhohe Nadelbäume und Buchen säumen den kaum vorhandenen Weg, früher vielleicht mal eine Rückegasse der Waldarbeiter. An einer Fichte hängt kurz über dem Boden ein kleiner grauer Kasten. Eine Fotofalle. Lukáš Žák öffnet das Gehäuse. Auf einem winzigen Bildschirm können die Wissenschaftler ablesen, wie viele Aufnahmen seit der letzten Kontrolle vor etwa drei Wochen entstanden sind. Ausgelöst durch Bewegungen. 325 sind es laut Anzeige. Sie klicken sich durch. Der Kasten zeigt Wildschweine, Rehe, Wiese, Bäume – „manchmal reicht auch ein Ast, der sich bewegt, dann löst die Kamera aus“, erklärt Paul Lippitsch. Wölfe sind nicht zu erkennen. „Aber eigentlich ist die Stelle perfekt. Einen Tag, nachdem die Kamera zum ersten Mal hing, waren schon Wolfswelpen drauf“, so Lippitsch. Und im letzten Winter auch ein Mufflon – eines dieser Wildschafe, die der Wolf in der Oberlausitz wohl ausgerottet hat. Menschen tauchen so gut wie nie auf den Fotos auf. Dafür sei der Platz zu schlecht zugänglich. Darum wohl haben sich Tiere – möglicherweise Wölfe – ganz in der Nähe eine Höhle gegraben. Nur ein paar Schritte von der Falle entfernt, wird die Öffnung unter Bäumen sichtbar.

Wölfe sollen Sender bekommen

Lukáš Žák holt einen Zollstock aus seiner Tasche und misst die Größe des Eingangs aus. 50 Zentimeter hoch, 45 bis 50 Zentimeter breit. Im Inneren ist sie mindestens drei Meter lang. Wenige Zentimeter entfernt gibt es einen zweiten Zugang. „Und hier ist frischer Aushub. Vielleicht haben die Tiere noch einmal versucht, zu graben“, vermutet Paul Lippitsch. Natürlich könnten das auch Füchse oder Dachse gewesen sein. Lukáš Žák steht auf und klopft sich Erde von den Hosenbeinen. Trotz der Schmutzflecke – für die Männer ist die Arbeit ein Traumjob. Sie ist auch der Versuch, die Akzeptanz für den Wolf zu erhöhen. Nicht so einfach in aufgewühlten politischen Zeiten, wie Paul Lippitsch umschreibt. Wer grundsätzlich eher ängstlich sei, sorge sich auch wegen der Wölfe. Andere sind eher neugierig. So wie Lukáš Žák: 300 Meter von seinem Haus in Dolní Poustevna entfernt, hat er schon Wölfe gesehen. Spuren waren sogar nur 90 Meter weit weg. Den Ökologen beunruhigt das nicht. Er hat versucht, den Spuren zu folgen. Liest man Internet-Kommentare auf Wolfshinweise in Dörfern, wird deutlich – einige Leute reagieren mit Furcht, sogar mit Panik. Im Nationalpark Böhmisch-Sächsische Schweiz gibt es indes scheinbar ein fast alltägliches Nebeneinander von Mensch und Wolf. Dort leben definitiv Wölfe. Aber bei einer systematischen Fotofallen-Beobachtung im Winter seien sehr viele Menschen auf den Aufnahmen zu sehen gewesen: Wolf und Menschen nebeneinander.

Um mehr über Wölfe zu erfahren, sollen sie auf tschechischer Seite im Rahmen des Projektes Sendehalsbänder bekommen. „Wir warten noch auf ein paar Genehmigungen von Behörden, dann kann es losgehen“, sagt Lukáš Žák. Mit besonderen Fallen sollen soviele Tiere wie möglich kurz eingefangen und dann besendert werden. Das Mindestziel sei: Ein Wolf pro Forschungsterritorium – gemeint sind Lausitzer Gebirge, Cunewalde, Nationalpark Böhmisch-Sächsische Schweiz, Hohwald, Výsluní im Osterzgebirge, Stolpen-Hohenstein. Im Hohwald hat Lukáš Žák in den letzten zwei Monaten keine neuen Wolfsspuren gefunden. Auch rund um den Czorneboh ist die Spurenlage an diesem Tag dünn. Alte Losungsreste sind in den Boden „eingearbeitet“. Die Forscher finden Fellreste und Knochenstückchen darin. Frische Hinweise tauchen nicht auf. „Aber ich habe hier auf einer Tour schon mal 22 Losungen entdeckt“, so Paul Lippitsch.

© Grafik: SZ/Romy Thiel

Nach sieben Kilometern und knapp zwei Stunden Fußmarsch ist die Tour beendet. Weil heute nichts Neues zu sehen war, wird sich die Büroarbeit in Grenzen halten. Sonst dauert es schon mal mehrere Stunden, um alle Funde zu protokollieren.

Mehr zum Projekt unter: owad.fzp.czu.cz/de