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"Den Herrn Spahn würde ich gerne mal einladen"

Wie sich Pflegeheimbetreiber Thomas Lange mit Gesetzen und Amtsschimmeln herumschlagen muss. 

Thomas Lange betreibt unter anderem zwei Pflegeheime.
Thomas Lange betreibt unter anderem zwei Pflegeheime. © Foto: Rafael Sampedro

Thomas Lange ist, gelinde gesagt, ziemlich wütend.  Warum, das wird er hier gleich erzählen. Der 45-Jährige ist privater Pflegeheimbetreiber. Vor 15 Jahren hat sich der ausgebildete Krankenpfleger selbstständig gemacht und einen ambulanten Pflegedienst, die Sozialstation Mittelherwigsdorf, gegründet. Mittlerweile betreibt er unter diesem Dach auch Betreutes Wohnen, eine Tagespflege und zwei Pflegeheime in Oybin und Hörnitz. Seine Mitarbeiter in den beiden Pflegeheime haben im November eine Gehaltserhöhung bekommen, so wie das neue Pflegegesetz es will. Sie verdienen jetzt genauso wie ihre Kollegen im öffentlichen Dienst. 

Bezahlen müssen das die Heimbewohner. Im Hörnitzer Heim ist die monatliche Zuzahlung von 957 auf saftige 1.465 Euro gestiegen, in Oybin von 813 auf 1.294 Euro. "Und das nur, weil sich die Krankenkassen raushalten", sagt Lange. Beim Pflegegrad 3, so ergibt die Rechnung, muss ein Bewohner für seine Heimbetreuung jetzt mehr aus eigener Tasche bezahlen, als die Kasse beisteuert. "Das ist doch eine absolute Katastrophe", schimpft Lange. "Wo sind wir denn hingekommen? Die Leute, die hier zahlen, haben ein Leben lang gearbeitet, haben dieses Land aufgebaut und in diesen Sozialstaat eingezahlt." Den Herr Spahn, sagt er, den würde er gerne mal hier her einladen.  

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Thomas Lange holt einen dicken Packen Papier aus dem Schrank und wirft ihn mit Schwung auf den Schreibtisch. Ungefähr ein halbes Jahr lang hat er über diesem Papierberg verbracht, hat unzählige Listen und Tabellen ausgefüllt, Kreuze gesetzt und gerechnet, gerechnet, gerechnet. "Das sind die Unterlagen für die Verhandlungen mit den Pflegekassen." In Langes Stimme klingt Sarkasmus. Akribisch muss er jedes Mal nachweisen, wie viel Geld er ganz genau wofür ausgeben muss. Und am Ende bekommt er es doch nicht. 

Beispiel Verpflegung: Langes Heime haben eine eigene Küche. Der Geschäftsführer hat ausgerechnet, dass er für die Essenversorgung pro Bewohner und Tag 5,79 Euro braucht. Das wäre zuviel, haben die Kassenverhandler auf der anderen Seite des Tisches befunden und festgelegt, 4,81 Euro pro Bewohner reichen auch - wohlgemerkt für vier Mahlzeiten am Tag und Getränke. Lange müsste die Küche jetzt anweisen, am Essen zu sparen, an frischen Produkten, an Obst und Gemüse oder Fisch und Fleisch. Stattdessen aber wird er die Küche jetzt aus einem anderen Topf mitfinanzieren. Da er hier alles unter einem Dach hat, ist das möglich. "Aber in Ordnung", sagt er, "ist das nicht".

Beispiel Lohnerhöhung: Schon 2017, noch bevor der Bundesgesundheitsminister mit seinem neuen Pflegegesetz kam, wollte Thomas Lange seine Pflegekräften besser bezahlen. Die Kasse hat das bei den Pflegesatzverhandlungen abgelehnt mit dem Verweis, in einer Region, in der alle weniger verdienen, wäre das "unwirtschaftlich". Dabei, sagt Lange, müssten Pflegekräfte noch weitaus besser bezahlt werden. Denn was sie in diesem Beruf leisten, sei eigentlich unbezahlbar. "Jeder, der das schon mal gemacht hat, weiß, wovon ich rede."

Beispiel Betreuungsschlüssel: In den Pflegesatzverhandlungen wird auch festgelegt, wie viele Mitarbeiter ein Heim beschäftigen kann. Das hängt von der Anzahl der Bewohner und den Pflegegraden ab. Lange wollte eine zusätzliche Stelle für die Nachtdienste, weil er es für unverantwortlich hält, dass nachts immer nur eine Pflegekraft im Haus ist. Die Kasse hat das abgelehnt. 

Und dann sind da auch noch der Medizinische Dienst der Kassen (MDK) und die Heimaufsicht. Wieder mischt sich Sarkasmus in Langes Stimme: "Wir haben keine 1,0", sagt er. "Und die werden wir auch nicht kriegen. Bei uns wird nämlich erst gepflegt und dann dokumentiert." Wie bitte? Thomas Lange erklärt: Die MDK-Prüfer kommen und sehen sich die Dokumentationen an. Was dort drinsteht, das gilt für die Prüfer als erledigt - ob und wie, danach fragen sie nicht. Eine Pflegekraft braucht 30 Prozent ihrer Arbeitszeit nur dafür, jeden Handgriff aufzuschreiben. Das ist auch so etwas, über dass der Heimbetreiber nur den Kopf schütteln kann. Als er sich einmal darüber beschwert hat, soll ihm sein Gesprächspartner am Telefon gesagt haben: "Ich bin hier die Behörde".

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Thomas Lange könnte sich jetzt in Rage reden. Er könnte sich darüber beschweren, dass privaten Heimbetreibern in der Öffentlichkeit oft das Image anhaftet, sie wären Ausbeuter und würden auf Kosten der alten Menschen steinreich. Oder darüber, dass private Heimbetreiber gegenüber kommunalen und Wohlfahrtsverbänden in vieler Hinsicht benachteiligt werden. Aber es gibt wichtigeres zu tun für den 45-Jährigen. Er geht jetzt mal nach seiner Stief-Oma schauen. Die 83-Jährige ist eine der 24 Heimbewohner in Hörnitz. Sie hat es sich gerade mit einer Tasse Kaffee und einer schnurrenden Katze auf dem Schoß gemütlich gemacht. "Hier kann man es aushalten", sagt sie schmunzelnd. "Richtig gut sogar".