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„Den Krebs wird man nie los“

Als Kind bekommt Dominik Schuster Leukämie. Obwohl er geheilt ist, pägt die Krankheit bis heute sein Leben.

Von Jana Ulbrich

Er kann diese Schmerzen immer noch spüren. So stark in manchen Augenblicken, als säße er gerade wieder im Schneidersitz vor den Ärzten. Als würden sie ihm gerade wieder Gehirnwasser aus dem Nervenkanal in der Wirbelsäule ziehen. Diese regelmäßigen Rückenmark-Punktionen, sagt Dominik Schuster, die waren das Schlimmste. Sie werden zur prägendsten Erinnerung an seine Kindheit. Wie überhaupt seine gesamten Kindheitserinnerungen fast nur aus dieser Krankheit bestehen.

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Dominik Schuster ist vier Jahre alt, als die Ärzte bei ihm Leukämie diagnostizieren. Er hat kaum noch rote Blutkörperchen und muss sofort ins Krankenhaus. Acht Monate wird er auf der Kinderkrebsstation der Dresdener Uniklinik verbringen. Ihm fallen die Haare aus von der Chemotherapie. Ihm ist ständig schlecht. Er muss Tabletten herunterwürgen, die wie Galle schmecken. Die Haut am Bauch reißt ein, weil die Medikamente den kleinen Körper viel zu schnell aufblähen. Er spürt, wie verzweifelt seine Eltern sind, die ihrem Kind nicht helfen können und nicht erklären, warum das hier mit ihm geschieht. Eltern und Großeltern wechseln sich ab an seinem Krankenhausbett. Sie sind da, so oft sie können. Aber nachts muss der Junge allein bleiben. Später wird er eine Psychologin brauchen, weil er panische Angst hat, man könnte ihm seine Mutter nehmen. „Meine Eltern haben heute noch mit der Sache zu kämpfen“, erzählt er. Aber auch er selbst.

Dominik Schuster ist jetzt 18. Er hat einen 1,7-Realschulabschluss in der Tasche und den Führerschein. Im Herbst wird er eine Lehre beginnen und vielleicht auch noch mal sein Abitur machen. Der Krebs prägt sein Leben bis heute. „Man wird das nie los“, sagt er. Er sieht es jeden Morgen im Spiegel: Er sieht die Narbe überm Schlüsselbein, wo der Katheter für die Medikamente steckte, und er sieht die vielen Leberflecke, die ihm nach der Chemotherapie am ganzen Körper gewachsen sind und immer wieder wachsen. Sogar an den Fußsohlen hat er Leberflecke. Regelmäßig muss er sie beim Hautarzt untersuchen lassen. Und für die Forschung an der Dresdener Uniklinik werden sie immer wieder fotografiert. Noch haben die Ärzte den Zusammenhang nicht gefunden.

Zehn Jahre lang muss er zuerst monatlich, später in größeren Abständen zu Kontrolluntersuchungen, anfangs auch immer wieder zur Rückenmark-Punktion. „Die Ärzte haben immer in dieselbe Stelle gestochen, und es gab keine richtige Betäubung“, erzählt er. Danach muss er jedes Mal 24 Sunden lang flach und bewegungslos auf dem Rücken liegen. Vom Verein Sonnenstrahl, der sich für krebskranke Kinder und Jugendliche engagiert, wünscht er sich ein Schumi-Poster an die Zimmerdecke.

Dominik Schuster ist 14, als ihm die Ärzte mitteilen, dass er jetzt als klinisch geheilt gilt. Trotzdem lässt er sich auch heute noch regelmäßig untersuchen. „Im März war alles in Ordnung“, erzählt er. Es klingt sehr erleichtert. Der 18-Jährige wirkt viel ernster und viel weniger ausgelassen als die anderen Jugendlichen, die sich an diesem sonnigen Nachmittag am See treffen. Die meisten seiner Freunde wissen, woher die Leberflecke kommen. Sie bewundern ihn für seine Kraft. Nur mit den engsten spricht er auch über die Angst, die er hat, dass der Krebs wieder ausbrechen könnte.

Im nächsten Teil lesen Sie: Warum die Palliativstation keine Sterbestation ist.