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Den Krieg auf keinen Fall verpassen

Offiziersschüler begegnen im Dresdner Albertinum dem Grauen: im berühmten „Kriegstriptychon“ des Malers Otto Dix.

© Thomas Kretschel

Von Birgit Grimm

Das Grau der Uniformjacken passt zum Grau der Wände. Die perfekte Tarnung und also eine gute Voraussetzung, sich auch mal unsichtbar machen zu können in diesem unbekannten Terrain. Die jungen Soldaten und Soldatinnen erleben eine Premiere. Keine und keiner von ihnen war vorher schon einmal im Dresdner Albertinum. Nun schreiten die Damen und Herren flott durch die Romantiker-Abteilung mit den grauen Wänden. „Seit 1910 ist die Uniformfarbe in Deutschland grau“, sagt Major Holger Hase, „daran hat sich nicht viel geändert.“ Aber dass Offiziersschüler zum Geschichtsunterricht ins Kunstmuseum kommen, das ist neu und ungewöhnlich. Der Erste Weltkrieg ist ein wichtiges Thema in der Ausbildung an der Offizierschule des Heeres in Dresden – nicht nur, weil in diesem Jahr überall in Europa an den 100. Jahrestag des Kriegsbeginns erinnert wird.

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Ziel der jungen Leute an diesem sonnigen Nachmittag ist ein düsteres Bild. Ein Hauptwerk des Albertinums, ein Schlüsselwerk in der deutschen realistischen Malerei des 20. Jahrhunderts: das Kriegstriptychon von Otto Dix. Die Galerie Neue Meister hat um dieses monumentale Gemälde eine beeindruckende Sonderschau gestaltet, und der „Lernort Albertinum“ hat in seine Bildungsoffensive erstmals die Offizierschule einbezogen.

Ines Schnee, Museumspädagogin im Albertinum, erzählt zunächst aus dem Leben von Otto Dix und zeigt den Soldaten Kriegsfotos: der Maler mit zwei Kameraden in der Stellung. Auf einer Porträtaufnahme trägt Unteroffizier Dix einen Stahlhelm. Major Hase fragt: „Wann wurde diese Aufnahme gemacht?“ Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Frühestens 1916. Vorher trugen die Soldaten Pickelhaube“, sagt der Obergefreite Steinhauer. Mit der Ausrüstung der Soldaten im Ersten Weltkrieg kennen sie sich bestens aus. Der Ausbilder lächelt zufrieden, und die Museumspädagogin ist überrascht. Das wird sie noch mehrmals sein mit dieser handverlesenen Gruppe junger Menschen, von denen immer mindestens einer sofort eine Antwort weiß. Alle hören aufmerksam zu, die meisten denken mit. Sie provozieren nicht und sind diszipliniert. Ein feines Arbeiten ist das für jeden Lehrer, fast schon zu mühelos. Wo sind hier die Null-Bock-Typen?

Dabei hatten doch die meisten auf die Frage, wie sie es mit der Kunst halten, die Schultern gehoben und gemeint: „Kein Interesse.“ Wenige wissen, dass die Kunst ein weites Feld ist. Doch Obergefreiter Schmidt gibt sich als Lyrikfan zu erkennen. Obergefreiter Anagreh steht auf „Musik mit guten Texten und auf schöne Sprechgesänge“. Obergefreiter Sonntag kennt den Leipziger Grafiker Rene Eichelmann und mag dessen Bilder. Obergefreiter Ellinger kennt sich mit Streetart aus. Sein Favorit ist Banksy, der geheimnisvolle Star der Szene, von dem man die Kunstwerke an den Häuserwänden, aber nicht das Gesicht kennt.

Alle sind sie Obergefreite in der Gruppe, und sie sind aus allen Ecken Deutschlands zum dreimonatigen Lehrgang an die Offizierschule des Heeres nach Dresden gekommen. Bestehen sie hier die Prüfung, dann dürfen sie zum Offiziersstudium. Seit einem knappen Jahr sind die Jungs und Mädels beim Bund, keiner und keine von ihnen ist älter als einundzwanzig. Der Lehrgang in Dresden ist eine Grundausbildung für Offiziersanwärter, eine Zeit, in der sie sich klar werden können, ob die militärische Laufbahn die richtige für sie ist. Eine Zeit, in der sie auch das Dresdner Rundum-Wohlfühlpaket genießen sollen: die Stadt, die Landschaft, Museen, Theater, Konzerte. Eine barocke Residenz als Garnisonsstadt – wo gibt es das noch in Deutschland?!

Nun also Geschichte spezial mit dem Maler Otto Dix. Ines Schnee macht die Soldaten auf zwei Kunstwerke im Albertinum aufmerksam, die Dix gekannt haben dürfte und die ihn inspirierten. Da wäre das romantische Gemälde „Prozession im Nebel“ von Ernst Ferdinand Oehme. Als das Triptychon von Dix schon gerahmt war, hat er auf dem linken Flügel noch den Nebel in die Morgenstimmung hineingemalt. Bei maltechnischen Untersuchungen wurde das entdeckt. Eine kleine Gruppe der Soldaten beschäftigt sich in der Geschichtsstunde im Museum mit der Maltechnik von Otto Dix, eine andere mit Bildinhalten, eine dritte mit der christlichen Ikonografie. Anspruchsvolle Aufgaben sind das; nur zwanzig Minuten haben sie dafür Zeit.

Je einer pro Gruppe trägt die „Forschungsergebnisse“ vor. Museumsbesucher, die zufällig vorbeikommen, bleiben stehen und lauschen. Die Bilderklärer in Uniform bleiben cool. Sie analysieren sachlich und zeigen nicht, ob es sie beeindruckt, wie Dix selbst im Bild einen verletzten Kameraden aus dem Schlachtgetümmel zieht. Lässt sie auch der schaurige Haufen an Elend und Zerstörung, Schlamm und Blut, Tod und Verwesung kalt, den der Maler im Mittelteil des Bildes auftürmte?

„Der Krieg ist eben etwas so Viehmäßiges. Hunger, Läuse, Schlamm, diese wahnsinnigen Geräusche“, sagte Otto Dix. „Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen! Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen.“ Jemandem fällt auf, dass Dix auf den Fotos immer eine Zigarette dabei hat. „Die haben damals im Feld alle geraucht“, sagt Holger Hase. „Schon aus Langeweile, oder um sich zu beruhigen oder um den Hunger nicht zu spüren.“

Ines Schnee hat Kärtchen vorbereitet mit Zitaten aus Dix’ Feldpostbriefen. Lakonisch schildert er das Grauen, nahezu nahtlos geht er zu banalen Dingen über. Die Soldaten bemerken das erst, als Major Hase sie darauf hinweist. Sie haben damit zu tun, die Zitate einzelnen Blättern von Dix’ Radierzyklus „Krieg“ zuzuordnen und sich in das grafische „Augenpulver“ zu vertiefen. Annas Anagreh hat das Blatt, das zu seinem Zitat passt, sehr schnell gefunden. „Kein Problem“, sagt er, „so was sehe ich.“

In einem Selbstporträt malte sich Otto Dix als Schießscheibe, schlicht, fast naiv wirkt das Bildnis: rote Bäckchen im bleichen Gesicht. „So sah er sich also im Krieg“, sagt Julia Wilbald, und das klingt nachdenklich. An die Schlachtbank geführt fühlen sich die Soldaten von heute nicht. Es scheint, als würde Krieg für sie nur in der Vergangenheit stattfinden. Sicher, irgendwann werden auch sie in einen Einsatz geschickt. „Selbstverständlich, deshalb bin ich zur Bundeswehr gegangen“, sagt Julia Wilbald. Sie entschied sich für die Offizierslaufbahn nicht, um irgendeinen Studienplatz abzugreifen. Sie will kämpfen, sie will Menschen führen. Und sie will helfen. „Angst habe ich auch. Das gehört dazu“, sagt sie. Atanas Stoilov ergänzt: „Angst kann vor Fehlern bewahren, aber man muss sie kontrollieren.“ Schließlich könnten sie im Ernstfall auch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Otto Dix musste sich das Grauen von der Seele malen, da sind sich alle sicher. Dennoch hätte sich Atanas Stoilov auf jeden Fall und zu jeder Zeit für eine militärische Laufbahn entschieden, auch vor 100 Jahren schon. „Soldaten genossen damals Ansehen“, pflichtet ihm Darius Ellinger bei. „Als Leutnant war man hoffähig. Stellen Sie sich vor, ein Bauernsohn aus dem Schwarzwald wird hoffähig. Das ist doch was!“