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Riesa

„Den Pferdemax haben wir als Kinder gehänselt“

Jahrzehnte später malt Alexander Döring die historische Pferdebahn. Nun würde der 95-Jährige die Bilder gern in den leeren Geschäften der Hauptstraße ausstellen.

Alexander Döring mit seinem Ölgemälde, das die im Bau befindliche Elbbrücke und dahinter die Schlote des Stahlwerks zeigt. Das Motiv stammt aus dem Jahr 1955. Mittlerweile machen die Augen dem 95-Jährigen zu schaffen, und er vertreibt sich die Zeit gern m
Alexander Döring mit seinem Ölgemälde, das die im Bau befindliche Elbbrücke und dahinter die Schlote des Stahlwerks zeigt. Das Motiv stammt aus dem Jahr 1955. Mittlerweile machen die Augen dem 95-Jährigen zu schaffen, und er vertreibt sich die Zeit gern m ©  Sebastian Schultz

Riesa. Alexander Döring hat mit einem Honig-Liebhaber gerechnet, als er an diesem Vormittag zur Haustür kommt. Denn in der Region ist der 95-Jährige mittlerweile vor allem als Imker bekannt. 

Die Kundschaft kommt teilweise sogar aus Dresden bis nach Riesa-Pausitz gefahren. Im Nebengebäude seines Hauses hat er die Gläser fein säuberlich beschriftet und gestapelt – dahinter befindet sich der Partyraum, indem man schnell seine zweite Leidenschaft erkennt. Die Ölmalerei.

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Über dem kleinen Ofen zeigt ein Bild einen Wald, wie er typisch für den sächsischen Sommer ist. Gemalt hat den Kurt Döring, Alexander Dörings Vater. Vom Sohn gemalt, hängt gegenüber dasselbe Motiv. Die Farbe scheint dezenter, die Pinselstriche zarter. Doch der Apfel fällt eben oft nicht weit vom Stamm. Alexander Döring hat nicht nur die Liebe für die Ölmalerei von seinem Vater geerbt, sondern auch die Leidenschaft für heimische Motive.


Seit er fünf Jahre alt ist, greift er zu Leinwand und Pinsel. Er ist Autodidakt, nennt sich selbst Hobbykünstler. Sein erstes „echtes Gemälde“, wie er sagt, ist das etwas kitschige Porträt eines Hirsches, den der junge Döring einst von einer Zigarettenschachtel abmalte. Es ist eines der wenigen unverkäuflichen Gemälde, das einmal einer der beiden Söhne bekommen soll. Und es ist eines der wenigen Gemälde aus der Jugendzeit Dörings, die die Zeit überdauert haben. 

Ein Zweites zeigt die Pausitzer Wiesen, durch die er als Kind so gern tobte. Der Künstler selbst aber sieht das Bild, das wenige Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg entstand, eher kritisch. Er habe später viel Besseres zustande gekriegt, sagt er.

Kaum erwachsen, muss er aber zunächst an die Front. Wird als Kradschütze – also zum Soldat auf zwei Rädern – in Frankreich ausgebildet. Und lebt schließlich vier Jahre in Gefangenschaft in Moskau, wo die Malerei für ihn überlebenswichtig wird.

„Ich habe dort als Stuckateur gearbeitet“, erinnert sich der Riesaer. Nebenbei malt er heimlich Bilder, an denen selbst die Offiziere Gefallen finden. „Dadurch konnte ich ganz gut leben. Wahrscheinlich sogar besser als meine Bewacher.“ Zurück in Riesa beginnt er 1948 eine Lehre im Gröditzer Stahlwerk, heiratet und zieht noch 1949 in das Haus nach Pausitz, wo er bis heute lebt. 

Im Rohrkombinat arbeitet er sich bis zum Entwicklungsingenieur hoch. „Wahrscheinlich bin ich mittlerweile der älteste noch lebende Stahlwerker in Riesa“, sagt er lachend. Zu Wendezeiten geht er in Rente – und widmet sich verstärkt der Malerei.

Etwa 20 Gemälde mit historischen Stadtansichten sind seitdem entstanden. Zu jedem hat Alexander Döring eine Geschichte parat. „Das ist der Pechberg“, sagt er und hebt ein Gemälde hoch, das mit anderen an einem Sofa lehnt. Die Kreuzung von Meißner und Großenhainer Straße ist gut zu erkennen. „Viel hat sich dort ja nicht geändert.“ Das Motiv stammt von einer Postkarte aus dem Jahr 1920 – Alexander Döring hat es fast ein ganzes Jahrhundert später auf Leinwand gebannt.

Hinter dem Pechberg steht Dörings Lieblingsmotiv. Es zeigt den Blick auf die Elbe samt Elbbrücke, die gerade gebaut wird. Im Hintergrund rauchen die Schlote des Stahlwerks. Es ist 1955. „Ich stand mit meiner Staffelei auf der Wiese am Rand des Stadtparks“, erinnert sich der 95-Jährige, „meinen Sohn hatte ich mitgenommen, der stand neben mir. Ringsherum schauten ein paar Leute zu.“ 

Ein Mann habe ihm empfohlen, den Hintergrund lieber im Nebel zu lassen. „Später habe ich erfahren, dass es der Maler Bochnia war. Ich bin aber froh, dass ich nicht auf ihn gehört habe.“ Denn das Interesse an dem Motiv ist groß. Alexander Döring kopiert es öfter, es wird sogar als Postkarte gedruckt.

Mit Pferdebahn ist er nie gefahren

Auch die Bilder von der Bahnhofstraße sorgen für interessante Gespräche. In den Holzbuden, die bis in die 1970er-Jahre standen, betrieb Dörings Mutter einen Laden für Kurzwaren, er selbst kann sich noch an viele der Nachbarn erinnern. „Das war Hyneks Land“, sagt Alexander Döring und meint damit den damaligen Sägewerksbesitzer Franz Xaver Hynek. Die Straße wurde „der ewige Jahrmarkt“ genannt, weil immer was los war. Heute stehen an dieser Stelle riesige Wohnblöcke – und auch die Pferdebahn gibt es längst nicht mehr.

Die letzten Schienen wurden heraus gerissen, als Alexander Döring noch ein Kind war. Den Pferdemaxe, wie der Kutscher genannt wurde, kannte er noch persönlich. Der habe damals neben der Schmiede gewohnt, die Straßen gekehrt und war oft betrunken. „Wir haben ihn als Kinder gehänselt“, erinnert sich Alexander Döring, wenn er die Ölbilder in die Hand nimmt. Als Vorlagen dienten auch dabei Postkartenmotive aus den 1920ern.

Die Gemälde an die eigenen Wände zu hängen, dafür hat der Rentner nicht genügend Platz. Er will sie vielmehr verkaufen – „ich muss ja langsam alles loskriegen“, sagt er mit Blick auf sein Alter. Sein Wunsch: Die Bilder zum 900. Jubiläum seiner Heimatstadt zu zeigen. „Es stehen doch so viele Läden auf der Hauptstraße leer“, sagt er. Für die Gäste zum Tag der Sachsen kein schöner Anblick, findet er. „Warum hängt man denn da nicht die Bilder rein? Da haben die Leute was zum Gucken.“ (SZ/ste)