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Den Russen die Stirn bieten

In der Hafenstadt Cherson, unweit der Krim, bereitet sich die Ukraine auf eine Invasion vor. Der Gouverneur plant die Evakuierung, Bürger helfen der Armee.

© action press

Von Paul Flückiger

Kaum hat das Ortsschild die Hafenstadt Cherson als gemütlichen und sympathischen Ort in der Ukraine gepriesen, da wird der Wagen gestoppt. Es sieht wie eine der üblichen Abzockerkontrollen aus. Doch die Polizisten tragen Helm und wollen nicht nur die Fahrzeugpapiere sehen. Sie treten freundlich und korrekt auf, niemand verlangt Schmiergeld. Sie schauen allerdings sehr genau nach, was die Reisenden in ihren Autos so dabei haben. Noch 90 Kilometer sind es von hier bis an die Grenze zur „Republik Krim“, die nun zur Russischen Föderation gehören will.

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Begonnen hatte die allgegenwärtige Angst vor einer Invasion russischer Uniformträger mit oder ohne Hoheitsabzeichen in der Hafenstadt Otschakow, 80 Kilometer westlich von Cherson. Bisher legten dort die Passagierschiffe ab und nahmen Kurs auf die Krim. Schöne Sommerreisen auf dem Schwarzen Meer. Eine ältere Frau sagt, sie hoffe, dass irgendwann wieder Touristen kommen. Sie steht am staatlichen Sanatorium. „Heute kümmert uns nur noch der Krieg.“

Vor der Marineinfanteriebasis A 1594 verabschieden sich Ehefrauen und Freundinnen von ihren Männern. Eine Mutter bringt ihrem Sohn einen Kuchen. Ein Milchgesicht fummelt nervös am Gurt seiner Kalaschnikow. Der Kommandant lässt ausrichten, dass er keine Auskunft gibt. „Fragen Sie in Kiew nach, was die mit uns vorhaben.“

Gebetsmühlenartig hat die russische Regierung in den vergangenen Tagen Pläne dementiert, die Süd- und Ostukraine zu besetzen. Doch Putins Versprechen gelten wenig, wie die Annexion der Krim zeigte. Russische Propagandasender betonen, die drei Verwaltungsbezirke Odessa, Nikolajew und Cherson bildeten das historische Kleinrussland. Erst Zarin Katarina II. habe die Zivilisation dorthin gebracht und den Bau der drei Städte veranlasst.

„Wie die Krim können auch wir entscheiden, ob wir wieder zu Russland wollen“, meint der erste angesprochene Passant in der Gebietshauptstadt Cherson. Die Ukraine sei eh zu schwach, um Moskau Widerstand zu leisten. „Da sendet Kiew selbst Punks in ihrer Nationalgarde hier her. Die erschießen sich eher selbst, als dass sie den Feind aufhalten“, lästert er.

Mindestens 22 000 russische Soldaten befinden sich derzeit auf der Krim, gut 30 000 wurden laut Angaben des US-Geheimdienstes CIA an der ukrainischen Ostgrenze zusammengezogen. Kiew zählte dreimal mehr.

Angst herrsche in Cherson dennoch nicht, erklärt Viktor Iwanuschkin im Rathaus. „Die Lage ist höchstens angespannt“, meint der proeuropäische Stadtrat. Seit die lokalen Anhänger des abgesetzten Präsidenten Viktor Janukowitsch ihre Koffer gepackt haben, berät der Jurist den amtierenden Bürgermeister. „Die Stadt bereitet sich auf die Invasion vor, so gut sie kann“, sagt Iwanuschkin. Dann empfiehlt er einen Besuch bei der Verpflegungs- und Kleidersammelstelle der ukrainischen Armee.

Die Streitkräfte des Landes sind seit Jahren chronisch unterfinanziert, Experten zweifeln an ihrer Kampfkraft. Enorm sei indes die moralische Unterstützung, macht der Stadtrat Mut. Noch nie seit der Unabhängigkeit vor 23 Jahren sei Cherson so patriotisch gewesen, meint Iwanuschkin. „Plötzlich werden ukrainische Aufkleber nicht mehr abgerissen, selbst gewöhnliche Bürger beflaggen ihre Fenster“, schwärmt der Stadtrat.

Eine riesige Tafel an der Hauptstraße der 350 000-Einwohner-Stadt wirbt auf Ukrainisch und Russisch für die Einheit des Landes. Noch häufiger jedoch findet man die Werbekampagne der prorussischen Pseudopartei „Ukrainische Wahl“. Putins ukrainischer Busenfreund Wiktor Medwedtschuk, ein steinreicher einstiger Präsidialverwalter, hat sie bereits vor Monaten ins Leben gerufen. Zuerst setzte die „Ukrainische Wahl“ wegen der angeblichen moralischen Verrottung Europas auf Putins „Eurasische Zollunion“, nun heißt das neue Projekt „Föderalisierung der Ukraine“. Jeder Verwaltungsbezirk soll demnach in einem Referendum selbst bestimmen, mit wem er künftig enge wirtschaftliche und politische Kontakte unterhalten möchte. Erst am Wochenende hatte Moskaus Außenminister Sergej Lawrow in Paris die Zustimmung der USA und der EU dafür verlangt.

Offener war vor Wochenfrist der russische Rechtsaußen Vladimir Schirinowski. Er bot Polen, Rumänien und Ungarn gar eine Aufteilung der Ukraine an. Russland bekäme demnach alle Gebiete östlich des Dnepr, der in Cherson ins Schwarze Meer mündet. Und dazu natürlich „Kleinrussland“, die Bemühungen von Katarina II. sollen ja nicht verloren gehen. Verschwiegen wird dabei, dass man in Cherson, das bis 1774 zum Einflussgebiet der Krimtataren gehörte, schon damals nur wenig erbaut war über die Moskauer Hilfe.

Heute hat sich die bisher schwach ausgeprägte Bürgergesellschaft zumindest in Cherson gegen den Usurpator in Moskau organisiert. In der Innenstadt verteilen junge Männer Boykott-Flugblätter gegen russische Erzeugnisse. Auf die Zahl „46“ des Strichcodes komme es an, heißt es. Eine durchgestrichene Matrjoschka-Puppe mit gefletschten Zähnen ziert das Flugblatt. „Wir organisieren unsere eigenen Sanktionen“, erklärt ein Aktivist.

Ein paar Schritte weiter beim „Weißen Haus“ der Gebietsverwaltung, ist gerade eine neue Hilfslieferung für die ukrainische Armee eingetroffen. Kürzlich war dort erst das Lenin-Denkmal umgestoßen worden. Jetzt packen die umstehenden Menschen Buchweizen, Zigaretten und Toilettenpapier für die Fronttruppen in ein ausgemustertes Büro im Parterre. An der Eingangstür hängen Steckbriefe russischer Provokateure. Eine selbst ernannte Bürgerwehr hält den Fremden trotz Interviewtermins beim neuen Gouverneur brüsk auf.

Gouverneur Juri Odartschenko verweist auf die große Abhängigkeit der Halbinsel Krim vom Chersoner Trinkwasser. Zudem würden durch sein Gebiet Hochspannungs- und Gasleitungen verlaufen, die ebenfalls die Krim versorgen. Viel Elektrizität für die Krim produziere das Flusskraftwerk von Kachowka, rund 70 Kilometer östlich gelegen. „Das bringt uns in Gefahr“, sagt der neue Gebietsverwalter. Er versichert, man werde die Versorgung der Krim nicht unterbrechen, dort lebten schließlich auch Ukrainer. Doch die Pläne der Russen kenne niemand. Deshalb habe die Gebietsverwaltung Pläne für die Evakuierung der Zivilbevölkerung ausgearbeitet, sagt der Gouverneur. Mehr will er nicht verraten. „Das ist geheim“, meint er und entschuldigt sich, weil die ersten evakuierten Truppen der ukrainischen Schwarzmeerflotte von der Krim in Cherson einträfen. „Da muss ich hin.“

Die neuen ukrainischen Patrioten zeigen sich allabendlich auf der revolutionären Bürgerversammlung unter dem Sockel des gestürzten Lenins. Der Chersoner Maidan besteht nicht wie in Kiew aus Politikerreden und Show. Er bietet ein offenes Mikrofon und Antworten auf Bürgerfragen.

Anders als in Kiew geben auf dem Chersoner Maidan Frauen den Ton an. „Unsere Jungs sind an der Front“, erklärt Julia, eine zierliche 25 Jahre alte Büroangestellte. Deshalb versuche sie, jeden Abend zumindest für eine halbe Stunde zu erscheinen. Wer nicht zur Armee eingezogen worden sei, unterstütze die Streitkräfte als Maidan-Selbstverteidiger oder als Mitglied der gerade ins Leben gerufenen Nationalgarde.

Ein Mann ist dennoch dabei. Er erklimmt das Podest nur zaghaft und beklagt sich bitterlich über die mangelnde Transparenz im Maidan-Rat und in der Maidan-Expertengruppe. Viele Aktivisten seien Mitglieder beider Gruppen, sagt er. „Wir können uns doch nicht selbst überwachen“, findet er.

Eine rothaarige Frau im langen Faltenrock liest die neusten Zahlen der „Selbstverteidiger“ vor, alles sei extern geprüft, versichert sie. Das Publikum fordert, die umgerechnet rund 3 000 Euro in der Kasse an die ukrainische Armee zu überweisen. „Und wie füttern wir danach die Selbstverteidiger?“, fragt die Rothaarige und fordert mehr Realitätssinn. Dann tritt Valentina Krytsak vor die Menge: „Wir haben warme Zelte und eine gute Stimmung. Habt keine Angst, alles wird gut!“, beschwört die Enddreißigerin ihre gut 200 Zuhörer. Die lokale Menschenrechtlerin fährt zum zweiten Mal mit einem Hilfstransport zum ukrainischen Truppenützpunkt Salkowo an der Landenge von Perekop, der Krim-Grenze.

Vier Aktivisten sind dort geblieben, nun will sie mehr Leute für ihre Aktion finden. Valentinas Plan ist einfach, aber gefährlich: „Wenn die russischen Panzer kommen, bilden wir einen menschlichen Schutzschild um unsere Soldaten“, erklärt sie nach der Versammlung in einem Pub am Uschakow-Prospekt.

So soll die Moral des ukrainischen Heeres gestärkt werden, damit sich die Schlappe der Krim nicht wiederholt. Valentinas Träume indes reichen weiter. Statt die 70 ukrainischen Soldaten in Salkowo zu unterstützen, würde sie am liebsten gleich zum neuen Grenzübergang fahren. „Dort haben die Russen drei Kilometer auf Chersoner Gebiet kurzerhand das Hotel besetzt und 200 Mann stationiert“, regt sich die einstige Fabrikarbeiterin auf.

Sie habe den örtlichen Aktivisten vorgeschlagen, am Hotel vorzufahren und die Russen zum Abzug aufzufordern. Die Krim beginne schließlich weiter südlich. Die Leute vor Ort haben abgesagt. „Wir haben 20 Grenzschutzsoldaten, die Russen 200“, sagt die furchtlose Aktivistin.

Gouverneur Odartschenko hat bereits eine Langzeitlösung für den Krim-Konflikt gefunden. Er glaubt: „Sind wir hier in Cherson erst dank der EU-Hilfe reich, dann klopfen die Krim-Bewohner freiwillig bei uns an und wollen zurück in die Ukraine.“