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„Den Schülern soll kein Nachteil entstehen“

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) spricht im Interview über Lernzeit zu Hause, Prüfungstermine und milde Versetzungsregeln.

Kultusminister Christian Piwarz hält bislang an den Prüfungsterminen fest.
Kultusminister Christian Piwarz hält bislang an den Prüfungsterminen fest. © kairospress

Herr Minister, haben Sie das Gefühl, dass Sachsen bei den Schulschließungen zu zögerlich gehandelt hat?

Es ist deutlich geworden, dass es richtig gewesen ist, Übergangsfristen zu organisieren. In der ersten Woche dominierte das Thema Notbetreuung die Diskussion. Diese zwei Tage waren wichtig, damit die Eltern sich darauf einrichten und eine Betreuung organisieren konnten. Schon an dem Montag, an dem wir die Schulbesuchspflicht ausgesetzt haben, sind deutlich weniger Kinder in die Schulen gegangen. Wir sind von verschiedenen Seiten gelobt worden, dass es zumindest eine kleine Zeit der Anpassung gab. Ich halte das Vorgehen auch in der Rückschau für richtig.

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Überforderte Eltern, gestresste Schüler, überambitionierte Lehrer und Schulen, die gar keine Aufgaben stellen: Die Situation an Sachsens Schulen scheint chaotisch. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt und durchschnittlich sehr gute Arbeit gemacht wird. Viele Lehrer haben sich Gedanken gemacht, wie sie diese Lernzeit intensiv nutzen können. Nur selten ist es der Fall, dass zu wenig Aufgaben gestellt werden. Eher zeigen die Eltern an, dass zu viel neuer Lernstoff vermittelt wird. Das ist eine neue Situation für uns alle und die Lehrer versuchen, das Bestmögliche daraus zu machen.

Die Schulen sind geschlossen, trotzdem sollen die Abschlussprüfungen in Sachsen stattfinden. Warum tun Sie sich so schwer, die Termine zu verschieben?

Ich habe den Anspruch, den Schülerinnen und Schülern ein gutes Abitur zu ermöglichen. Das sind die Prüfungen, die als Erstes anstehen. Es gilt aber genauso für die Oberschulen, die im Mai folgen. Wir haben eine klar kommunizierte Terminkette, auf die sich Schulen und Schüler eingerichtet haben. Ich will nur im äußersten Notfall davon abweichen. Nicht zuletzt, weil es auch Absprachen mit anderen Bundesländern gibt, etwa dazu, welche Aufgaben wir für die Prüfungen auswählen. Deswegen wollen wir so lange wie möglich daran festhalten. Der entscheidende Punkt ist, wann die Schulen wieder geöffnet werden können.

Wann wird das sein? Wie wahrscheinlich ist es, dass die Schulen am 20. April wieder öffnen?

Das kann ich nicht beziffern. Es hängt entscheidend davon ab, wie sich die Situation in den nächsten zehn Tagen weiterentwickelt. Ich denke, dass rund um das Osterwochenende deutschlandweit eine Entscheidung getroffen wird. Es ist ganz schwer vorauszusagen, wie diese Entscheidung aussieht. Ich will aber dafür werben, dass wir recht gute Möglichkeiten haben, die Prüfungen ordentlich über die Bühne zu bekommen, wenn die Schulen wieder öffnen. Wir beginnen am 22. April mit relativ „kleinen“ Fächern, Religion und Altsprachen. Die beiden großen Prüfungsblöcke Deutsch und Mathematik finden erst in der Folgewoche oder später statt. Es bestünde also noch genügend Zeit, Konsultationen zwischen Schülern und Lehrern hinzubekommen. Viele Lehrer bieten auch jetzt schon an, Nachfragen telefonisch oder auf anderem Wege zu bearbeiten.

Gibt es in Ihrem Haus Pläne dafür, wenn die Schulen länger geschlossen bleiben?

Ja, wir gehen alle möglichen Szenarien durch. Es gibt ja den Nachschreibetermin, der dann möglicherweise als Haupttermin infrage kommt. Die Prüfungen würden dann am 13. Mai beginnen. Wir entwickeln natürlich auch Szenarien, die von hinten her denken, also vom Ende des Schuljahres. Wir rechnen zurück, wann wir spätestens mit den Prüfungen beginnen müssten, damit wir sie ordnungsgemäß durchführen können. Das Schwierige ist, dass wir nicht wissen, ob die Situation im Mai oder im Juni besser ist als jetzt. Hessen und Rheinland-Pfalz haben im März ihre Prüfungen auch bei geschlossenen Schulen unter ordentlichen Bedingungen abnehmen können, wie ich meine. Insofern gibt es auch einiges, das gegen die Verschiebung spricht.

Was ist mit den Schülern, die nicht im letzten Schuljahr sind, aber versetzt werden wollen oder mit Bildungsempfehlung auf eine weiterführende Schule wechseln müssen?

Auch bei ihnen hängt es davon ab, wann die Schulen wieder öffnen. Das Schuljahr ist relativ lang, es geht bis Ende Juli. Auch bei einer Öffnung nach Ostern besteht durchaus die Möglichkeit, noch Lernstoff zu vermitteln, abzufragen und Noten zu bekommen. Wir arbeiten auch hier an Szenarien, damit den Schülern durch die Schließzeit nicht in irgendeiner Form Nachteile entstehen. Gerade, was Versetzungen betrifft. Hier werden wir Günstigkeitsregeln einführen.

Was meinen Sie damit?

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Wenn ein Schüler beispielsweise auf der Kippe steht und es um die Versetzung geht, sollte man ihm nicht zur Last legen, dass er eine bestimmte Leistung nicht erbringen konnte, weil die Arbeit nicht geschrieben wurde. Im Zweifel wird im Sinne des Schülers für eine Versetzung votiert. Wenn die Schulen wieder öffnen, soll es für die Schüler noch genug Möglichkeiten geben, ihren Schnitt zu verbessern. Es gibt auch durchaus Überlegungen, dass eine Note nur gilt, wenn sich der Schüler durch sie verbessert, wenn er sich verschlechtert, wird sie aus dem Notenspiegel gestrichen. Wir sind in einer Sondersituation und müssen über so etwas nachdenken.

Das Telefoninterview führte Andrea Schawe

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