SZ +
Merken

Den Tarifstreit vermeiden

„Zwischen zwei Stühlen“ heißt ein Seminar, das gestern im Bethlehemstift in Neukirch für Mitarbeitervertreter aus kirchlichen und diakonischen Einrichtungen sowie für christliche Betriebs- und Personalräte stattfand. Die Veranstaltung ist von Superintendent Reinhard Pappai initiiert worden.

Teilen
Folgen

Von Hela Koch

„Es ist das erste Mal, dass ein solches Seminar in Sachsen stattfindet“, sagt Petra Petzold von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) in Leipzig. Die aktive Christin muss es wissen: Sie leitet seit der Verdi-Gründung vor zwei Jahren die sächsische Fachgruppe, die sich mit der Kirche als Arbeitgeber befasst. Immerhin beschäftigen die Diakonie, die evangelische und katholische Kirche sowie die Caritas rund 22 000 Mitarbeiter im Freistaat.

Strittige Fragen im Konsens lösen

Im Landkreis Bautzen dürften es reichlich 400 sein: Kantoren, Gemeindepädagogen, Erzieherinnen in Kindereinrichtungen, Mitarbeiter in Sozialstationen und Pflegeheimen, Friedhofs- und Verwaltungsmitarbeiter, Reinigungskräfte. Pfarrer gehören einer eigenen Pfarrervertretung an. Auch die Mitarbeiter vom Kinderheim Uhyst a. T. und aus den Oberlausitzer Werkstätten zählen nicht dazu. Uta Necke, Bürodirektorin im Bezirkskirchenamt Bautzen: „Wir haben viele Mitarbeiter mit einem geringen Beschäftigungsumfang, und einige arbeiten nur wenige Stunden pro Woche.“ Ab einer Größe von fünf Mitarbeitern werden Mitarbeitervertreter gewählt, kleinere Gemeinden schließen sich im allgemeinen dabei auch zusammen.

Anders als im öffentlichen Dienst oder in privatwirtschaftlichen Unternehmen beschreiten Kirche, Diakonie und Caritas den so genannten dritten Weg: „Alle strittigen Fragen werden im Konsens gelöst“, sagt Gerd Lehmann, Geschäftsführer der Diakonie im Landkreis Bautzen. Nach dem Selbstverständnis der Kirchen und der Diakonie gäbe es keinerlei Kampfmaßnahmen. „Egal ob leitender oder normaler Mitarbeiter, wir wollen Kirche und Diakonie leben. Die Verantwortung für den Dienst der Kirche und ihrer Diakonie verbindet die Dienstleistungen und die Mitarbeiter zu einer Dienstgemeinschaft und verpflichtet sie zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit.“

„In der katholischen Kirche gibt es die Mitarbeitervertretungsordnung, in der evangelischen Kirche das Mitarbeitervertretungsgesetz. Allerdings beschließt die Landeskirche, welche Gesetzesbestandteile angewendet werden“, sagt Petra Petzold. Die Kirche handele die Tarife nicht mit unabhängigen Gewerkschaften, sondern mit den eigenen Mitarbeitern aus. Dafür bestehen Arbeitsrechtskommissionen. „Dabei befinden sich die Arbeitnehmer aus unserer Sicht in einer schwachen Position.“ Die Tarife würden von der Arbeitgeberseite vorgegeben, die Arbeitnehmer könnten aber eigenständig keine Tarife vorlegen, erklärt die Gewerkschafterin. Sie fände es besser, kircheneigene Tarife auszuhandeln, statt immer den BAT zu übernehmen, und die Arbeitsrechtskommissionen nach und nach aufzulösen. Beispielsweise habe Verdi schon in Nordelbien mit der Kirche verhandelt und einen Tarifabschluss erzielt. „In Sachsen müssen wir noch viel Geduld haben und hartnäckig dranbleiben“, sagt Petra Petzold. Genau wie Superintendent Reinhard Pappai hofft sie, dass die Mitarbeitervertreter, Betriebs- und Pesonalräte das heutige Seminar zu einem umfassenden Erfahrungsaustausch nutzen und sich mit möglichen Strategien zur Konfliktbewältigung vertraut machen. „Es ist eine Kunst, sich in die Situation des anderen, der Geschäftsführung oder der Mitarbeitervertretung, zu versetzen, um ihn besser zu verstehen“, sagt der Superintendent. „Ich wünsche mir, dass wir zum Ende des Seminars ein Gebet formulieren für die Situation, in der wir uns befinden, zu unseren unterschiedlichen Ansichten und Positionen, über unsere Ein- und Aussichten, dass wir den anderen je nach unserem Blickwinkel wahrnehmen und akzeptieren.“