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Den Wohnungsbrand verschlafen

Ein Mieter lässt den Herd an. Plötzlich steht das Haus in Flammen. Oft kommen die Verursacher vor Gericht ohne Strafe davon. Diesmal aber nicht.

Von Jürgen Müller

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Es ist nachmittags um drei an diesem warmen Freitag Mitte Juni vorigen Jahres, als in Coswig die Feuerwehrsirenen heulen. Passanten hatten Polizei und Feuerwehr alarmiert, weil aus Fenstern eines Mehrfamilienhauses an der Hauptstraße/Ecke Dresdner Straße dicke, schwarze Rauchwolken qualmten. Feuerwehren aus Coswig, Weinböhla, Radebeul-Kötzschenbroda und Radebeul-Ost rücken an. Die Dresdner Straße wird während des Einsatzes mitten im Berufsverkehr voll gesperrt.

Während sich die meisten Mieter ins Freie geflüchtet haben, ist ein Hausbewohner noch in der Wohnung. Es ist derjenige, der den Brand verursacht hat. Ein Polizist stürmt nach oben, will den 50-Jährigen herausholen. Und trifft den splitterfasernackt an, reicht ihm erst mal ein Handtuch. Doch der will die Wohnung nicht verlassen. „Es brennt nur der Kühlschrank, löscht mal“, sagt der Mann nur. Doch es brennt nicht nur der Kühlschrank. Die Wohnung wird von Ruß und Löschwasser unbewohnbar, auch der Hausflur und eine Nachbarwohnung in Mitleidenschaft gezogen. Insgesamt entsteht der Wohnungsgesellschaft ein Schaden von 50 000 Euro.

Wegen fahrlässiger Brandstiftung sitzt der Coswiger nun vor dem Meißner Amtsgericht. Meistens werden solche Verfahren eingestellt. Zum einen, weil sich die Verursacher oft selbst am meisten geschadet, alles verloren haben. Zum anderen, weil sie oft mit hohen Schadensersatzforderungen der Vermieter konfrontiert sind.

Eine Geldstrafe könnten sie sowieso nicht zahlen, und eine Haftstrafe kommt bei fahrlässigem Handeln in der Regel nicht in Betracht. Doch hier ist das anders. Vor allem die Staatsanwaltschaft drängt darauf, dass eine Hauptverhandlung durchgeführt wird.

Herd war eingeschaltet

Eine Gutachterin kommt zu einem eindeutigen Ergebnis, was die Brandursache ist. Eine Platte des E-Herds war eingeschaltet, auf dieser befand sich ein Gerät, wohl ein Wasserkocher oder ein Toaster, das sich entzündete. Doch der Angeklagte streitet das ab. Er habe den Herd nicht eingeschaltet, und es habe sich auch kein Gerät auf der Herdplatte befunden. Vielmehr sei der Brand durch einen Kurzschluss an einer Steckdose ausgelöst worden, behauptet er. Nach Ende seines Ein-Euro-Jobs habe er sich schlafen gelegt. Doch die Gutachterin weist anhand der Stellung der Schalter eindeutig nach, dass eine Platte eingeschaltet war. Es gab zwar einen Kurzschluss, doch es flog die Sicherung des Herdes raus. Belege für einen anderen Kurzschluss konnten nicht gefunden werden.

Doch der Angeklagte gibt sogar dem Polizisten, der ihn aus der Wohnung holte, die Schuld. „Hätte der mal aus dem Auto seinen Feuerlöscher mitgebracht, hätten wir löschen können“, sagt er.

Der Grund dafür, dass der Angeklagte den Brand verursachte und später auch nicht bemerkte, ist simpel. Er hatte geschlafen, und zwar tief und fest. So tief und fest, wie man eben schläft, wenn man mehr als zwei Promille Alkohol intus hat. Das ergab jedenfalls ein Atemalkoholtest der Polizei. Doch der Angeklagte streitet das ab. Er sei zwar Alkoholiker gewesen, doch seit Mai vorigen Jahres trinke er keinen Tropfen mehr, beteuert er. Die Tat war im Juni. Dass es überhaupt einen Alkoholtest gab, streitet er ebenfalls ab. „Das wüsste ich doch.“

Es ist der Klassiker. Ein Betrunkener will sich etwas zu essen machen, schaltet den Herd an und schläft dann ein. Die Wohnung und das Haus werden derzeit saniert und wieder hergerichtet, sagt ein Mitarbeiter der Wohnungsgesellschaft. Den Schaden zahlt die Versicherung. Bei dem Verursacher, einem ALG-II-Empfänger, ist ohnehin nichts zu holen.

Kein Gefängnis trotz Bewährung

Der Mann ist ein Kleinkrimineller. Zehnmal ist er schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten, alles nur kleine Sachen wie Diebstähle oder Trunkenheit mit dem Fahrrad. Brandstiftung war noch nicht dabei. Die höchste Strafe, die er je abfasste, waren mal zwei Monate Haft. Die hat er auch abgesessen. Zur Tatzeit stand er unter Bewährung. Wegen eines Diebstahls wurde er zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Er hatte eine Flasche Ariel flüssig geklaut. Die Bewährung läuft noch.

Ins Gefängnis muss er trotzdem nicht, weil die Tat nicht einschlägig ist und fahrlässig begangen wurde. Die Staatsanwältin fordert eine Geldstrafe von 1 800 Euro, der Verteidiger plädiert auf Freispruch. „Ich bin sprachlos“, sagt der Angeklagte, als er den Antrag der Staatsanwältin hört. Das Urteil fällt mit 1 200 Euro Geldstrafe etwas milder aus. Kann er das Geld nicht zahlen, muss der Coswiger möglicherweise doch ins Gefängnis. Dann muss er die Geldstrafe absitzen. Im konkreten Fall wären das vier Monate.

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