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Einmal Olympia – der große Traum treibt sie an

Leichtathletin Denise Krebs durfte schon zweimal nicht zu den Sommerspielen. Für die verschobene Auflage 2021 in Tokio hat die Leipzigerin eine besondere Idee.

Das Ziel fest vor Augen: Olympia. Denise Krebs trainiert seit ihrer Kindheit, um einmal beim größten Sportereignis der Welt starten zu dürfen.
Das Ziel fest vor Augen: Olympia. Denise Krebs trainiert seit ihrer Kindheit, um einmal beim größten Sportereignis der Welt starten zu dürfen. © dpa, Montage: SZ

Die Olympischen Ringe: fünf in sich verschlungene Kreise in den Farben Blau, Gelb, Schwarz, Grün und Rot. Für Leichtathletin Denise Krebs haben sie etwas Magisches, Einzigartiges. Die Mittel- und Langstreckenläuferin über 1.500 und 5.000 Meter trainiert seit ihrer Kindheit, um einmal unter der olympischen Flagge ins Stadion einzulaufen. „Einmal die Ringe auf der Startnummer tragen – das ist mein großer Traum“, sagt die 33-Jährige, die seit einem Jahr in Leipzig lebt und trainiert.

Zweimal verpasste sie dieses Ziel nur denkbar knapp. 2012 fehlte ihr eine Hundertstel-Sekunde für London. 2016 war Krebs die drittbeste Deutsche, mitgenommen wurden am Ende aber nur zwei Läuferinnen. „Wenn man es knallhart betrachtet, war ich einfach zu langsam“, zeigt sie sich rückblickend selbstkritisch.

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Doch dieses Fazit würde zu kurz greifen. Nach den Spielen in London wurden insgesamt fünf Konkurrentinnen, darunter vier Finalistinnen, wegen Dopings disqualifiziert. Zudem benötigte Krebs damals eine bessere Qualifikationszeit als heute. „Im Nachhinein betrachtet, wäre ich wahrscheinlich dabei gewesen“, sagt sie.

Deutsche Kriterien undurchsichtig

Und auch vor vier Jahren hätte Krebs starten können. „Die internationalen Richtlinien hätten es zugelassen, aber nach den deutschen Kriterien durfte ich nicht fahren“, erzählt sie. „Der Nominierungsprozess war eine so undurchsichtige Angelegenheit, dass bis heute kaum einer weiß, nach welchen Kriterien entschieden wurde, wer nach Rio mitfahren durfte und wer nicht“, hatte sie schon unmittelbar nach ihrer Nichtberücksichtigung gesagt.

Doch einfach aufzugeben, kam ihr nie in den Sinn. Sie startete einen neuen Versuch: für Tokio 2020. Die 1,58 Meter große Leichtathletin, die für Bayer 04 Leverkusen läuft, wollte für ihren Lebenstraum kämpfen. Denn die Hoffnung, einmal unter dem olympischen Feuer an den Start zu gehen, treibt sie bereits seit 20 Jahren an.

Als Nils Schumann bei den Spielen in Sydney über 800 Meter mit einem sensationell packenden Endspurt die Goldmedaille gewann, saß die 13-jährige Denise gemeinsam mit ihrem Vater vor dem Fernseher und fieberte mit dem Deutschen mit. „Ich habe mir damals gesagt: ‚Dort will ich auch einmal starten.‘ Ich war nun bei Europameisterschaften, bin international gelaufen. Doch sich Olympionikin nennen zu dürfen, ist einfach eine besondere Auszeichnung.“

Dieses Jahr hätte es endlich klappen sollen mit der Teilnahme, ja sogar müssen. Doch es kam anders. Wegen Corona wurde Olympia um ein Jahr verschoben. Für Krebs war diese Nachricht ein Schock. „Ich spürte Wut, war traurig. Aber ich hatte auch Verständnis dafür, dass es Wichtigeres als Leistungssport gibt“, sagt sie.

Eigentlich wollte Krebs nach Tokio und der anschließenden Europameisterschaft in Paris, die ebenfalls abgesagt wurde, ihre Karriere beenden. Denn ihren Sport muss die 33-Jährige seit einem Jahr selbst finanzieren. Beim Deutschen Leichtathletik-Verband besitzt sie keinen Kaderstatus mehr. Den hat sie 2019 verloren.

Bei der EM 2018 stürzte sie schwer, zog sich einen Außenbandriss und einen Knorpelschaden am linken Sprunggelenk zu: Operation und zwölf Wochen Pause lautete die erschütternde Diagnose. Zeit, in der Krebs keine Rennen laufen konnte, die sie aber benötigt hätte. Dem Verband war es egal, sie fiel durchs Raster. Seitdem erhält die mehrmalige Deutsche Meisterin über 1.500 Meter keine finanzielle Unterstützung mehr, ist zwangsläufig auf eigene Sponsoren angewiesen.

Spenden sammeln für Olympia

Als Drillingskind lernte sie früh, sich durchzusetzen. So hat sie Trainingslager, medizinische Untersuchungen und Physiotherapie ein Jahr lang aus der eigenen Tasche bezahlt. „Bis zu den Spielen 2020 wird das Geld schon reichen“, dachte sie. Die Verschiebung ist nun eine weitere finanzielle Herausforderung. „Die Frage war, ob ich das Geld noch mal privat zusammenbekomme“, sagt sie. Diese Frage muss sie mit Nein beantworten. Krebs hat lange überlegt, wie es dennoch weitergehen kann.

Sie kam auf die Idee, eine Crowdfounding-Aktion zu starten. Bei dieser Form der Finanzierung geben Spender über das Internet Geld und erhalten dafür eine Gegenleistung. Für fünf Euro kann man eine Autogrammkarte erwerben, ihre Spikes gibt es für 200 Euro. „Es war für mich eine neue Möglichkeit eines Sponsorings. Ich habe mich erst schwergetan, weil ich dachte, Crowdfounding sei wie betteln“, erzählt sie. „Aber es gab auch Stimmen in meinem Umfeld, die sagten, dass man ja nicht spenden muss. Doch glücklicherweise gab es genug, die mir ihr Geld gegeben haben.“

Durch 140 Unterstützer sind insgesamt 12.112 Euro zusammengekommen, mit mindestens 8.000 hatte Krebs für ein weiteres Jahr Leistungssport gerechnet. „Ich bin völlig überwältigt gewesen. Ein größeres Feedback und mehr positive Reaktion in so einer verrückten Zeit kann es nicht geben“, sagt die gebürtige Schwäbin. Doch, was ist, wenn sie die Qualifikation für Olympia auch dieses Mal nicht schafft? „Natürlich habe ich Angst, nicht dabei zu sein. Wir trainieren jeden Tag so hart, sind diszipliniert, haben kaum Freizeit und das über einen längeren Lebensabschnitt.“

Pro Woche läuft sie mehr als 130 Kilometer, dazu kommen Physiotherapie und Fitnesstraining. Und alles neben dem Beruf. Rund 25 Stunden arbeitet sie im Homeoffice von Leipzig aus für eine Essener Marketing-Firma. Seit einem Jahr ist sie in der Trainingsgruppe von Lauf-Bundestrainer Thomas Dreißigacker, der auch ihr Lebensgefährte ist. „Nach fünf Jahren Fernbeziehung wollten wir auch den Alltag teilen. Er gibt mir die innere Ruhe, die ich für meine Leistungen brauche. Deswegen bin ich nach Leipzig gezogen.“

Außer ihrem Freund habe sie vor allem ihre Familie nach den vielen Rückschlägen in der Karriere unterstützt. „Meine Mutter fragt mich manchmal auch, warum ich mir das nach so vielen Enttäuschungen noch antue“, erzählt sie – und lächelt.

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Auch deswegen wäre es für Krebs kein Weltuntergang, wenn sie nicht nach Tokio reisen dürfte. „Meiner Familie ist es egal, ob ich nun bei Olympia starte. Sie lieben mich so oder so“, sagt die Tante dreier Neffen. „Dennoch denke ich, dass sie stolz auf mich wären, wenn ich es schaffe. Schließlich wollen sie später auch die Startnummer mit den fünf Ringen sehen.“

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