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Politik

Der 1. Mai ist nur noch ein Ab-Feiertag

Einst war der "Tag der Arbeit" der Kampftag für Gewerkschaften und Demonstranten. Vorbei. Ein Kommentar von SZ-Redakteur Michael Rothe.

SZ-Redakteur Michael Rothe.
SZ-Redakteur Michael Rothe. © dpa/Montage: SZ-Bildstelle

Das Wetter könnte halbwegs stimmen am 1. Mai, dem internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeiterklasse. Doch stimmt auch das Bild, das dieser Tag heutzutage noch vermittelt? Vorbei die Zeit, da Hunderttausende für den Acht-Stunden-Tag und später gegen Atomraketen demonstrierten.

Die Zahl derer, die den freien Tag in Biergärten begießen werden, dürfte weit größer sein als die jener, die gegen explodierende Mieten oder aus Angst vor Altersarmut und drohender Aufrüstung auf die Straße gehen. Bei einer Erwerbslosenquote von unter sechs Prozent rückt auch der Beiname „Tag der Arbeit“ in den Hintergrund. Längst ist dieser Kampftag von einst zum Ab-Feiertag geworden.

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Andererseits hat sich die Zahl der Demonstrationen in Deutschland in zehn Jahren verdoppelt. So, wie es die symbolträchtige Nelke seit der Wende ganzjährig auch im Osten gibt, verteilen sich die Anlässe. Die Straße hat noch immer Macht – abgesehen von inhaltslosen Ritualen einiger Wutbürger, die längst unterm medialen Radar spazieren. Eine 16-jährige Schwedin traf hingegen den Nerv der Massen und zettelte europaweit einen Klimastreik unter Halbwüchsigen an. Da hat manch Schüler durch „Fridays for Future“ und Protest gegen Filter im Internet mehr Demo-Erfahrung als seine Eltern.

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E-Mail an Michael Rothe.