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Der abgetauchte Messerstecher

Ein junger Iraker greift beim Chemnitzer Stadtfest einen Farbigen an. Nun ist einer tot und der andere auf der Flucht. Teil 4 unserer neuen Serie.

Fahndungsakte Farhad Ramazan Ahmad: 22 + geb. im Irak + dringender Verdacht des gemeinschaftlichen Totschlags am 26.8.2018 in Chemnitz + Könnte bewaffnet sein + Foto von 2016, sieht heute wohl anders aus
Fahndungsakte Farhad Ramazan Ahmad: 22 + geb. im Irak + dringender Verdacht des gemeinschaftlichen Totschlags am 26.8.2018 in Chemnitz + Könnte bewaffnet sein + Foto von 2016, sieht heute wohl anders aus © 1274850

Von Thomas Schade

Farhad Ramazan Ahmads Schicksal teilen im Jahr 2018 viele junge Leute aus dem Irak. Sie sind vor dem Krieg geflohen, haben Zuflucht in Deutschland gesucht, und warten nun hier darauf, dass die Behörden entscheiden, ob sie bleiben dürfen oder nicht.

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Farhad Ramazan Ahmad, 1996 in der nordirakischen Stadt Sêmêl geboren, flüchtet mit seiner Familie zunächst nach Istanbul. Dort jobbt er mal im Frisörgeschäft eines Onkels, mal in einer Bäckerei. Unauffällig soll er in der Türkei gelebt haben. Diese Informationen sind meist Selbstauskünfte. Ob sie wahr sind, ist ungewiss. Im Januar 2016 jedenfalls kommt Farhad Ramazan Ahmad mit 19 Jahren und angeblich in Begleitung seines jüngeren Bruders nach Deutschland. Hier bringt man ihn zunächst in Freyung im Bayerischen Wald unter. Im November 2016 taucht er in Chemnitz auf.

Zu diesem Zeitpunkt muss der junge Mann zumindest geahnt haben, dass er nicht in Deutschland bleiben darf: Farhad Ramazan Ahmad gibt Medienberichten zufolge zwar den Krieg im Irak als Fluchtgrund an. Er kann aber nichts über konkrete Kriegshandlungen berichten oder erlebte Repressalien glaubhaft schildern. So wird sein Asylantrag abgelehnt und das Verfahren am 31. Mai 2016 „unanfechtbar abgeschlossen“. Der inzwischen 20-Jährige hätte jederzeit abgeschoben werden können. Doch über einen Vormund stellt er am 22. Juni 2016 einen sogenannten Folgeantrag, mit dem ein weiteres Asylverfahren eingeleitet wird. Bis heute ist unklar, warum dieser Antrag zugelassen und nicht sofort als unbegründet abgewiesen wird. Erst am 6. Januar 2017 muss der Iraker zur Kenntnis nehmen, dass er zum zweiten Mal als Asylbewerber abgelehnt ist.

Hier, in der Chemnitzer Innenstadt, wurde 2018 Daniel Hillig niedergestochen. Sein Tod wurde politisch instrumentalisiert. Rechte und linke Gruppen demonstrierten in Chemnitz.
Hier, in der Chemnitzer Innenstadt, wurde 2018 Daniel Hillig niedergestochen. Sein Tod wurde politisch instrumentalisiert. Rechte und linke Gruppen demonstrierten in Chemnitz. © AP/Jens Meyer

Schon bald nach seiner Ankunft in Sachsen kommt Ahmad mit dem Gesetz in Konflikt. Laut dem Magazin Focus, das angeblich Einsicht in die Polizeiakte hatte, stiehlt er bereits kurz nach seiner Ankunft in Chemnitz aus einem Büro der Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Geld und Fahrscheine. Zunächst klaut er Kleinigkeiten, Turnschuhe, Lebensmittel. Später bedroht er Leute auf offener Straße, schlägt eine Frau, tritt eine Tür ein, nachdem er beim Klauen erwischt wird und läuft der Polizei im Juli 2017 mit 15 Gramm Marihuana in die Hände. Das Amtsgericht Stollberg verurteilt ihn deswegen zu vier Monaten Haft auf Bewährung. Im August 2017 geht er auf einen Teenager los und bedroht ihn: „Wenn die Polizei nicht hier wäre, würde ich Dich totschlagen!“, soll er gesagt haben. Im Dezember prügelt er sich in seiner Unterkunft in Crottendorf mit einem anderen Flüchtling, so dass die Polizei geholt werden muss. Seine schwerste Straftat begeht er im Februar 2017. Da sticht er in einem Dönerladen mit einen Messer auf einen gleichaltrigen Syrer ein und verletzt ihn. Angeblich wollte der Syrer ihm keine Zigarette geben.

Nach zwei abgelehnten Asylverfahren und einem Dutzend polizeilich registrierter Straftaten dürfte Farhad Ramazan Ahmad eigentlich längst nicht mehr in Sachsen sein, als Chemnitz im Sommer 2018 Stadtfest feiert. Doch am Abend des 25. August verabredet sich der 22-Jährige per Handy mit Bekannten vor einer Shisha-Bar unweit vom Karl-Marx-Kopf. Gegen Mitternacht postet er auf Instagram ein Foto, auf dem er rauchend mit Freunden zu sehen ist. Nach dem die Festbuden geschlossen haben, zieht die Clique weiter und trifft eine andere Gruppe junger Leute. Zwischen einigen aus jeder Gruppe kommt es zum Streit.

Opfer war selbst Opfer von Diskriminierungen

An einem Döner-Imbiss seien sie auf eine Gruppe von Männern und Frauen getroffen. Farhad sei zu der Gruppe gegangen, um nach Feuer zu fragen. So sagt es einer der Anwesenden, Yussif A., dem NDR zufolge später in der Rechtsabteilung der irakischen Botschaft aus. Die Männer hätten gestritten, er habe versucht, zu schlichten. Die Gruppen hätten sich zunächst getrennt. Später sei Farhad mit anderen erneut zu der Gruppe gegangen und es sei zu der Messerstecherei gekommen.

Bei der Auseinandersetzung werden laut Polizei drei Personen im Alter zwischen 33 und 38 Jahren schwer verletzt. Einer von ihnen, Daniel Hillig, stirbt noch in der Nacht im Krankenhaus an den Folgen von Stichen in Herz und Lunge. Das 35-jährige Opfer ist von Beruf Tischler, verheiratet und Vater eines siebenjährigen Sohnes. Er gilt als unpolitisch und soll wegen seiner dunklen Hautfarbe selbst Opfer von Diskriminierungen gewesen sein.

In den folgenden Tagen wird Daniel Hilligs Tod politisch instrumentalisiert. Rechte und linke Gruppen demonstrieren. Das Stadtfest muss abgebrochen werden. Chemnitz ist bundesweit in den Schlagzeilen. Verfassungsschutzpräsident Hans Georg Maaßen verliert später wegen seiner Einschätzungen zum Geschehen seinen Posten.

Den Ermittlungen zufolge haben Farhad Ramazan Ahmad und der 23-jährige Alaa S. bei der Messerattacke zugestochen. Gegen den dritten Verdächtigen Yussif A. werden die Vorwürfe fallen gelassen. Alaa S. ist zur Tatzeit anerkannter Flüchtling. Alle Angaben zu seiner Identität und seiner syrischen Herkunft beruhen auf Selbstauskünften und werden vor der Anerkennung 2015 nicht abschließend überprüft. Die Polizei nimmt Alaa S. wenige Stunden nach der Tat fest. Zeugen haben ihn am Tatort mit einem Messer erkannt.

Im August 2019 verurteilte das Chemnitzer Landgericht Alaa S. zu einer Haftstrafe von neuneinhalb Jahren.
Im August 2019 verurteilte das Chemnitzer Landgericht Alaa S. zu einer Haftstrafe von neuneinhalb Jahren. © Ronald Bonß

Im Januar 2019 erhebt die Staatsanwaltschaft Chemnitz Anklage wegen gemeinschaftlichen Totschlages und gefährlicher Körperverletzung. Er habe mit Farhad Ramazan Ahmad „ohne rechtfertigenden Grund mit einem mitgeführten Messer im bewussten und gewollten Handeln“ auf das Opfer eingestochen.

Im August 2019 verurteilt das Chemnitzer Landgericht Alaa S. zu einer Haftstrafe von neuneinhalb Jahren. Grundlage ist die Aussage eines Hauptbelastungszeugen, der die Tat aus 50 Meter Entfernung von dem Dönerladen aus beobachtet hat. Der Zeuge wird vor dem Prozess von Freunden des Angeklagten bedroht, lässt sich aber nicht einschüchtern und soll sich im Zeugenschutz befinden. Dennoch galt die Beweislage als dünn. Das Urteil wurde trotzdem erst vor wenigen Tagen vom Bundesgerichtshof bestätigt.

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Farhad Ramazan Ahmads Identität ist der Polizei nach den tödlichen Messerstichen offenbar nicht sofort bekannt. Er gilt zunächst als dritter unbekannter Tatbeteiligter. So taucht er im August 2018 ab. Ermittler vermuten ihn im Ausland. Am 4. September 2018 erlässt das Chemnitzer Amtsgericht einem internationalen Haftbefehl. Mit einem Fahndungsfoto aus dem Jahr 2016 wird er seither weltweit gesucht. Es gilt als sicher, dass er sein Aussehen verändert hat. An seiner Gefährlichkeit dürfte sich wenig geändert haben. Denn die aktuelle Fahndung läuft mit dem Zusatz: „Vorsicht, der Verdächtige könnte bewaffnet sein!“

+++ Hinweise gesucht +++

Wer kann Angaben zu seinem derzeitigen Aufenthalt machen?

Hinweise bitte an die Kriminalpolizei der

Polizeidirektion Chemnitz
Hainstraße 142 in 09113 Chemnitz
Telefon: +49 (0) 371-3873448

oder an jede andere Polizeidienststelle.

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