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Der Abschied vom Waldstadion

Die Abrissbagger kommen. Das Eisstadion in Niesky fällt. Was danach kommt ist supertoll, praktisch, modern und effizient – aber geschichtslos.

© Jens Trenkler

Von Wulf Stibenz

Der Blick in den so oft regenverhangenen und manchmal schneedräuenden Himmel fällt aus. Einmal noch, am Sonnabend, geht das. Danach ist Schluss. Das Rund ums fehlende Dach verschwindet. Das von anpackenden Nieskyern miterrichtete Waldstadion als Heimstätte von Tränen, Kampf, Jubel und Freude ist nach diesem allerletzten Oben-Ohne-Spiel nur noch Geschichte. Dass es so kommt, hat mancher nicht mehr geglaubt – aber die Millionen fließen. Das Neue wird ein Prunkstück an der Grenze zur Halle. Irgendwo ist dann noch im Dach eine Lücke. Nur deshalb nennt es sich noch Stadion.

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Witzige Aktionen hat es immer wieder gegeben, als klar war, dass die Betriebserlaubnis für das aktuelle Stadion erlischt, und ein neues doch sinnigerweise ein Dach bekommen könnte.
Witzige Aktionen hat es immer wieder gegeben, als klar war, dass die Betriebserlaubnis für das aktuelle Stadion erlischt, und ein neues doch sinnigerweise ein Dach bekommen könnte.
Das Eisstadion hat durchaus in Politik und Wirtschaft Freunde gefunden – hier etwa die Spendenaktion mit dem Hockeycent mit ELV-Präsident Jörn Dünzel, Ex-OB Wolfgang Rückert, Stadtwerkechef Holger Ludwig und Volksbankvorstand Sven Fiedler.
Das Eisstadion hat durchaus in Politik und Wirtschaft Freunde gefunden – hier etwa die Spendenaktion mit dem Hockeycent mit ELV-Präsident Jörn Dünzel, Ex-OB Wolfgang Rückert, Stadtwerkechef Holger Ludwig und Volksbankvorstand Sven Fiedler. © André Schulze
Es sind Fans wie Laura Balzer aus Niesky gewesen, die sich immer wieder für das Eisstadion und den Eissport in Niesky eingesetzt haben. Durch den öffentlichen Druck ist viel erreicht worden.
Es sind Fans wie Laura Balzer aus Niesky gewesen, die sich immer wieder für das Eisstadion und den Eissport in Niesky eingesetzt haben. Durch den öffentlichen Druck ist viel erreicht worden. © André Schulze
Manfred Junker (links) und Rudi Kahra beim Eismachen ...
Manfred Junker (links) und Rudi Kahra beim Eismachen ...
Auch diese Zeiten sind bald vorbei: Reichlich Nebel hat es bei besonderen Wetterlagen im Eisstadion gegeben. Sowas wird durch das Dach nicht ausgeschlossen, aber doch arg reduziert.
Auch diese Zeiten sind bald vorbei: Reichlich Nebel hat es bei besonderen Wetterlagen im Eisstadion gegeben. Sowas wird durch das Dach nicht ausgeschlossen, aber doch arg reduziert. © André Schulze
Es geht ja nicht nur um die Tornados und „großen Jungs“ – sondern auch um die Lebensqualität in der Stadt Niesky. Neben dem Freilauf sind die Anfängerkurse sehr beliebt.
Es geht ja nicht nur um die Tornados und „großen Jungs“ – sondern auch um die Lebensqualität in der Stadt Niesky. Neben dem Freilauf sind die Anfängerkurse sehr beliebt.
Große Demo, große Stimmung: Die Fans haben 2014 bei der Sportlergala im Bürgerhaus demonstriert, weil es nicht so schien, als ob der Eissport eine Zukunft hat.
Große Demo, große Stimmung: Die Fans haben 2014 bei der Sportlergala im Bürgerhaus demonstriert, weil es nicht so schien, als ob der Eissport eine Zukunft hat.
Oben-Ohne ist eine der vielen Aktionen, die am Sonnabend für das letzte Heimspiel angedacht sind. Das nächste Heimspiel gibts dann mit Dach.
Oben-Ohne ist eine der vielen Aktionen, die am Sonnabend für das letzte Heimspiel angedacht sind. Das nächste Heimspiel gibts dann mit Dach. © André Schulze
Kein Dach überm Kopf, aber Spaß: Nieskys Waldstadion hat die Fans oft wettertechnisch herausgefordert ... Archivfotos: as; jt; ru; um
Kein Dach überm Kopf, aber Spaß: Nieskys Waldstadion hat die Fans oft wettertechnisch herausgefordert ... Archivfotos: as; jt; ru; um © André Schulze

Mit VE 301 beginnt der Abriss

Mit dem alten Waldstadion verschwindet gleichwohl Nieskyer Kultur. Es ist das Vergabelos „VE 301“, welches das Ende besiegelt. So nennt sich nämlich der Auftrag für den Start der Abbruch- und Demontagearbeiten. Der erste einer ganzen Reihe davon wird am Montag im Stadtrat Niesky vergeben. Es ist ein guter Tag für den Eissport Niesky, da nur mit der Sanierung überhaupt die Spielfähigkeit erhalten wird. Denn die Gesetzlichkeiten sind klar: Alte Technik muss ersetzt werden. Das bedeutet eine Herztransplantation, denn die alte Technik in einem Eisstadion ist das Eis. Und das wird nunmal unter dem Bodenbelag produziert. Wer das erneuern will, baut faktisch eine ganz neue Anlage.

Mit der Not kam die geniale Idee

Die Bemühung, dann doch gleich noch ein Dach gegen den so oft verhassten Himmelblick zu bauen, liegt nahe. Das kostet extra. Aber vielleicht erholen sich mit mehr Bequemlichkeit und Ambiente auch die Zuschauerzahlen. Und für den Freizeitsport ist das Neue auch besser. Auch dort könnten die Daten besser werden. Und energiesparender ist das Neue ohnehin. Und der Neubau bietet die Chance, viele Dinge besser zu ordnen und zu kalkulieren. Kurzum, es wird alles supertoll.

Und doch. Das Waldstadion ist künftig nicht mehr das gleiche. Es muss erst die Geschichten, die Siege und Niederlagen, das Kinderlachen, den Fanjubel und die Show rund um den Sport erleben. Das Neue hat nichts zu erzählen. Noch nicht. Die kommenden Generationen werden in Bälde das alte Eisstadion nur als verblasste Erinnerung oder aus dem digitalen Fotoalbum von Papa oder Opa erleben.

Die jungen Cracks werden in dem neuen Stadion mit Dach spielen. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich etwas in den Geschichten über Niesky und die Nieskyer erhält: Die haben es nämlich mit jahrelanger Beharrlichkeit tatsächlich geschafft, das neue bauen zu lassen. Demos vor dem Bürgerhaus in Niesky bei der Sportlergala. Fackelumzüge vor Spielen und Spieß- oder Fanrutenlauf für Stadträte vor wichtigen Entscheidungen zum Stadion. Es sind die Nieskyer, die ihr Stadion mit Dach durchgesetzt haben – und sie werden es auch bezahlen.

Die Fans haben es geschafft

Der Neubau kostet nicht nur viel Geld. Nieskys Oberbürgermeisterin Beate Hoffmann sagt auch: „Das Vorhaben wird uns kräftemäßig fordern.“ Aber es ist eben nicht mehr nur Wunschtraum, sondern Realität für Niesky geworden. Dass es nichts mehr zu rütteln gibt, bestätigt auch Barbara Giesel, Leiterin des Fachbereichs Technische Dienste der Stadt: „Der Bebauungsplan ist rechtskräftig.“ Fest steht demnach, dass die Fan-Emporen umgebaut, die Nebengebäude von Kiosk bis Fanshop, Einlass und Technikraum gebaut werden können – und eben ein Dach drauf kommt. „Im oberen Bereich des Daches gibt es eine Holzkonstruktion, die Stützen sind dann aus Stahl, das Dach selbst aus Alu“, sagt Barbara Giesel. Damit ist auch die letzte Diskussion darüber beendet, was technische Machbarkeit und Bezahlbarkeit zum Inhalt gehabt haben. Es geht also los. Die Ratssitzung am Montag in der Jahnhalle könnte also trotz der wegweisenden Entscheidungen ganz ohne Fanaufmarsch ablaufen. Die müssen nicht mehr demonstrieren, argumentieren und Gesicht zeigen. Sie haben es geschafft. Oberbürgermeisterin Beate Hoffmann zur anstehenden Sitzung: „Das ist eher eine Formsache, die wir lange vorbereitet haben.“

Die Kritiker des teuren Projekts werden deshalb nicht weniger. Es geht ihnen sicher auch künftig darum, wie die millionenschwere Investition für eine dann eben doch so kleine Stadt Niesky gerechtfertigt wird – einfach indem die Besucherzahlen und die Auslastung stimmen. Denn zurzeit steht jährlich ein Minus zwischen 300 000 und 400 000 Euro. Es wird zweifellos auch darüber noch diskutiert werden, wer was wie im Stadion mit Dach tut – vom Techniker bis zum Haus- und Eismeister.

Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt ist stattdessen Zeit zu feiern. Eislaufvereinssprecherin Elke Weinig kündigt jedenfalls für das große und allerletzte Spiel am Sonnabend, ab 18.30 Uhr, an, dass „die Verantwortlichen des ELV aus diesem Spiel nochmal ein besonderes Erlebnis für Zuschauer und Aktive machen“. Das lässt auf eine große Feier hoffen – auf eine, die in die Geschichte eingeht und so einen würdigen Abschluss für das alte Oben-Ohne-Stadion garantiert. Voll wird das Stadion an diesem Sonnabend wohl ganz sicher. Es werden unzählige Fotos mit Handys gemacht, Geschichten von Früher erzählt und Wünsche für die Zukunft ausgetauscht werden.

Die Frischluft bleibt erhalten

Weißwasser hat das mit seinem Freiluftstadion schon vor zwei Jahren erlebt. Einmal noch sind vor den Abrissbaggern dort die alten Profis und neuen Hoffnungsträger vereint gewesen. Einmal noch haben sie in Weißwasser Frischluft im Wilhelm-Pieck-Stadion genossen, bevor sie dann in der 18 Millionen schwere Arena nur noch gesiebte Luft und energiesparendes Licht beim Spiel haben. In Niesky ist der Wechsel nicht ganz so krass. Das Waldstadion ist zwar auch zu DDR-Zeiten errichtet, hat aber als Waldstadion gar keine politische Anleihen in der Namensgebung. Und es bleibt ja zumindest in Niesky auch die Frischluft erhalten, wenngleich nicht mehr so zugig. Mehr ist mit 6,7 Millionen Euro für den Umbau nicht zu machen.

Und doch wird am kommenden Sonntagmorgen nach dem Spiel gegen die Crimmitschau Outlaws wohl allen klar sein, dass das Waldstadion Geschichte ist. Nach dem Abriss erfolgt im April der Neu- und Umbau. Zum Saisonstart spielen die Tornados dann in Weißwasser oder bei ihren gegenerischen Mannschaften. Klappt alles in Bestzeit, kann noch in der Saison 2016/2017 das neue Waldstadion in Niesky bezogen werden – durch die Tornados, die Eislaufsportler, die Fans und die Kinder. Das hängt nicht nur von überpünktlichen Baufirmen ab, sondern auch vom Wetter. Zwar kann im bedachten Stadion besser bis in den März rein gespielt werden – wenns aber richtig warm ist, gilt für das neue wie das alte Eisstadion in Niesky: Wasserhockey gibts nicht.