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Der Albtraum von Mossul

In der nordirakischen Millionenmetropole fliehen über 500.000 Menschen vor den brutalen Isis-Gotteskriegern.

© Reuters

Von Martin Gehlen, SZ-Korrespondent in Kairo

Bei Iraks Führung herrscht Panik, unter den Bewohnern von Mossul Verzweiflung, während in der Region die Angst umgeht. 24 Stunden nach ihrem spektakulären Einmarsch haben die al-Qaida-Gotteskrieger die Zwei-Millionen-Metropole komplett unter ihre Kontrolle gebracht.

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Gestern stürmten sie auch das türkische Konsulat und nahmen 48 Personen als Geiseln, darunter den Konsul, seine Mitarbeiter sowie drei Kinder. Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan berief eine Krisensitzung ein, nach Informationen aus Ankara werden die Gekidnappten im Hauptquartier des „Islamischen Staates von Irak und Syrien“ (Isis) von Mossul festgehalten. Die Bewohner der Stadt dagegen fliehen, wenn sie denn können. Zu Tausenden stauten sich die Autos an den Ausfallstraßen. „Es ist die Hölle“, berichteten die Menschen, die sich im kurdischen Nordirak in Sicherheit bringen wollen.

Denn inzwischen patrouillieren Kolonnen von Geländewagen mit schwarzen Flaggen und maskierten Jihadisten durch die Wohnviertel. Zahllose Fahrzeuge von Polizei und Armee standen in Flammen, schwarze Rauchwolken stiegen zum Himmel. Leichen von Erschossenen lagen auf den Gehwegen. Etwa 200 gepanzerte Humvees sind den Extremisten offenbar in die Hände gefallen. Auf dem Militärflughafen brachten sie sogar Kampfhubschrauber in ihre Gewalt. In den fünf Kasernen von Mosul erbeuteten sie Raketen sowie jede Menge Schusswaffen. Alle Gefängnisse wurden gestürmt, nach Angaben aus Bagdad befreiten die Angreifer mindestens 2 500 hochgefährliche Gesinnungsgenossen. Zudem erbeuteten sie in den Banken Mossuls große Mengen an Bargeld.

Bereits in der Nacht zum Mittwoch marschierten die Isis-Kommandos weiter in Richtung Süden und griffen die Nachbarprovinzen Kirkuk und Salahaadin sowie die Stadt Tikrit an, den Geburtsort von Saddam Hussein. Auch dort haben sie jetzt die Kontrolle. Zusammen mit den bereits im Januar eroberten Städten Fallujah und Ramadi in der westlichen Provinz Anbar kontrollieren die Gotteskrieger damit mindestens ein Viertel des Irak.

Die amerikanische Regierung zeigte sich „tief besorgt“ und kündigte an, man unterstütze „eine harte und koordinierte Antwort, um die Aggressoren zurückzuschlagen“. Die Regierung in Bagdad werde alle benötigten Hilfen bekommen, denn die Isis-Kämpfer seien nicht nur eine Bedrohung für die Stabilität des Irak, sondern auch für die Stabilität der gesamten Region. Die irakische Armee jedoch scheint zu einer Gegenoffensive nicht mehr fähig, obwohl sie formal eine Mannschaftsstärke von 800 000 Mann besitzt. Viele Soldaten sind durch die endlosen Kämpfe demoralisiert, Abertausende in den letzten Monaten einfach desertiert.

Die al-Qaida-Gotteskrieger wollen offenbar die weitverbreitete Frustration unter den irakischen Sunniten sowie die Auflösungserscheinungen in der irakischen Armee nutzen, um den Irak wie 2006 und 2007 erneut in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Indiz dafür ist auch ein konzentrierter Angriff mehrerer Hundert sunnitischer Extremisten vor einer Woche auf die Goldene Moschee in der Stadt Samarra, die jedoch von Armee und Polizei abgewehrt werden konnte. Das Al-Askari-Mausoleum gilt als eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten. Seine goldene Kuppel wurde Anfang 2006 durch ein Bombenattentat schwer beschädigt, eine Untat, die den zweijährigen Bürgerkrieg entfachte.

Der populäre schiitische Geistliche Moqtada al-Sadr rief daher gestern seine Anhänger auf, bewaffnete Milizen zu bilden, um die schiitischen und christlichen Gotteshäuser vor Angriffen der Fanatiker zu schützen. Die al-Qaida-Krieger dagegen appellierten per Twitter an die Sunniten, mit ihnen gegen die irakische Armee zu kämpfen, die überwiegend aus Schiiten besteht. „Tretet den Reihen der Brüder bei“, hieß es in dem Text. „Malikis tyrannische Macht ist für uns fromme Gläubige kein ernst zu nehmender Gegner.“

Die Bedrohung durch die selbst ernannten Gotteskrieger lässt derzeit alte Rivalen wieder zusammenrücken: die irakische Zentralregierung und die Kurden im Nordirak. Bagdad und die Autonomieregion streiten seit Jahren wegen Gebietsansprüchen der Kurden – zum Beispiel auf die erdölreiche Stadt Kirkuk. Im Zwist mit dem Norden ließ die Zentralregierung Bagdad sogar schon Panzer auffahren.

Inzwischen ist die Position von Ministerpräsident Nuri al-Maliki jedoch geschwächt: Sein Bündnis gewann Ende April zwar die Parlamentswahlen, doch sind noch keine Koalitionspartner in Sicht. Der Schiit ist wegen seines autoritären Führungsstils umstritten. Auch das Parlament zögert, ihn über ein Notstandsgesetz mit Sondervollmachten auszustatten.

Kurdische Milizen haben zumindest in Syrien bereits bewiesen, dass sie durchaus imstande sind, sich den Isis-Kämpfern entgegenzustellen. Diese zählen zu den radikalsten Sunnitengruppen, die im arabischen Raum für einen Gottesstaat kämpfen. Isis ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit Mai 2010 leitet der Iraker Abu Bakr Al-Bagdadi die Isis. Al-Sarkawi war 2006 von der US-Armee getötet worden.

Isis finanziert sich vor allem durch Spenden Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. In ihren Reihen kämpfen auch Muslime aus Nordafrika und den Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.