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Großenhain

Der alte Mann und das Taubenhaus

Warum sich ein Hamburger für das Oelsnitzer Taubenhaus interessiert.

Am 13. Oktober 2017 konnten sie endlich ihr neues Taubenhaus vorm Herrenhaus aufstellen. Ein glücklicher Moment für (v. l. n. r.) Dachdecker Mario Gutte, Zimmermeister Andreas Heinke und Zimmermann Danilo Jaschke (Zimmerei Heinke Weißig a. R.) sowie Joach
Am 13. Oktober 2017 konnten sie endlich ihr neues Taubenhaus vorm Herrenhaus aufstellen. Ein glücklicher Moment für (v. l. n. r.) Dachdecker Mario Gutte, Zimmermeister Andreas Heinke und Zimmermann Danilo Jaschke (Zimmerei Heinke Weißig a. R.) sowie Joach © Archivfoto: Klaus-Dieter Brühl

Oelsnitz/Lampertswalde. Freitag, der 13. Oktober 2017, war für die Oelsnitzer alles andere als ein Unglückstag. Nicht nur für sie. 

Auch im weit entfernten Hamburg freute sich ein betagter Mann darüber, dass an diesem Tag im Lampertswalder Ortsteil das rekonstruierte Taubenhaus aufgestellt wurde. Klaus Kahn heißt der Mann von der Elbmündung und ist mittlerweile 88 Jahre alt. „Ich komme zwar nicht mehr groß weg, aber im Kopf bin ich noch fit“, sagt er.

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Trotz seines Alters hat Kahn keine Berührungsängste mit Computern. Immerhin war er bis vor ein paar Jahren noch Pressesprecher des Landesverbandes der Rassegeflügelzüchter Groß-Hamburg. Da muss man sich auch mit dem PC auskennen. Am Rechner hielt sich Klaus Kahn am Laufen, was u. a. in Sachen Taubenhäuser in Deutschland passiert. Per Computer verfolgte er so auch die Entwicklung rund um das historische Taubenhaus von Oelsnitz bei Lampertswalde.

Auf der Internetseite der SZ las er mehrere Berichte über den Bau durch die Weißiger Zimmerei Heinke, die Schwierigkeiten mit der Denkmalschutzbehörde und das fast dreijährige Ringen um den neuen Standort vorm hiesigen Herrenhaus. „Ich habe alles verfolgt und bin begeistert, wie sich die Oelsnitzer für ihr Taubenhaus eingesetzt haben“, sagt Kahn und ist ihnen dankbar, dass sie ihr Projekt trotz aller bürokratischen Hindernisse durchgezogen haben.

Mit Sachsen fühlt sich der Hamburger eng verbunden. Und das liegt nicht nur daran, dass es hier früher besonders viele Taubenhäuser gab. „Ich bin ein halber Sachse“, erzählt er lächelnd am Telefon. Sein Vater Max Kahn wurde in Oschatz geboren und ging später um 1910/11 in Lampertswalde in die Gärtnerlehre. Nach dem Ersten Weltkrieg zog es ihn nach Hamburg, wo er seine Familie gründete. Dort kam auch Sohn Klaus zur Welt. Der Kontakt zu den Verwandten in Ostdeutschland brach nie ab.

Für Klaus Kahns späteres Hobby, die Taubenzucht, war diese stetige Verbindung nach Sachsen von Vorteil. Denn mit der Zeit entwickelte er sich zum Taubenhaus-Experten und konnte durch seine Reisen in den Freistaat auf viele eigene Fotos und Notizen über sächsische Taubenhäuser zurückgreifen.

Das Original des Oelsnitzer Taubenhauses stand einst auf einem privaten Nachbargrundstück und ließ sich leider nicht mehr reparieren. 
Das Original des Oelsnitzer Taubenhauses stand einst auf einem privaten Nachbargrundstück und ließ sich leider nicht mehr reparieren.  © Archivfoto: Brühl, 2007

Viele davon sind in seinem Sachbuch „Architektur für Tauben – Die Taube und ihr Haus“ aufgeführt. Klaus Kahn hat es im März 2018 zusammen mit dem Co-Autor Dr. Jens Herbert im Eigenverlag herausgebracht. Grundlage waren rund 30 Beiträge, die Kahn bisher in Fachzeitschriften für Rassegeflügelzüchter veröffentlichte. Immerhin war er selbst über viele Jahre Züchter von Eistauben.

Über 200 Taubenhäuser hat er in seinem Buch festgehalten. Neben denen aus Sachsen sind auch Taubenhäuser aus Tschechien, Griechenland und Südfrankreich darunter. Die Auflage des Buches ist nicht sehr groß. Sie besteht gerade mal aus 100 Exemplaren. Die meisten davon hat er an interessierte Taubenzüchter, Freunde und Bekannte verkauft oder verschenkt. Immerhin 35 Euro kostet ein Buch. Auf 81 Seiten und mit rund 260 Bildern zeigt und beschreibt Kahn die verschiedenen Baustile, mit denen man überall in Europa Tauben eine Herberge gab. „Das ist eine wahnsinnig vielseitige Architektur“, sagt er fasziniert.

Ursprünglich seien Taubenhäuser ein Privileg des Adels gewesen. Die prächtigsten Taubenhäuser fanden sich deshalb in der Nähe von Rittergütern. In Südfrankreich gibt es ein Taubenhaus mit 2000 Brutnischen, berichtet Kahn. Es dürfte wohl zu den größten seiner Art zählen.

Als es noch keinen Kühlschrank gab

Der Grund, warum die Menschen bereits im Mittelalter Taubenhäuser errichteten, ist einfach. „Großvieh konnte man im Sommer wegen der Hitze nicht schlachten, weil man das Fleisch nicht einfrieren konnte“, erläutert Kahn.

Deshalb sei es üblich gewesen, dass in der wärmeren Jahreszeit hauptsächlich kleinere Haustiere, wie Enten, Hühner, Gänse und Tauben verzehrt wurden. So gelangten kleinere Fleischportionen, die nicht verderben sollten, auf den Esstisch. Hausschlachtungen von Schweinen und Rindern waren dagegen in den kalten Wintermonaten vorgesehen.

Erst mit der Erfindung des Kühlschranks änderte sich der Fleischkonsum der Menschen. „Da macht man sich heute gar keine Gedanken mehr“, sagt Kahn. „Alle Welt spricht nur verächtlich von den Ratten der Lüfte, was total unangebracht ist.“

Fotos und Informationen über das Taubenhaus von Oelsnitz würde er gern für eine zweite Auflage seines Buches nutzen. „Ich weiß zwar nicht, ob es noch dazu kommt, aber ich sammle weiter“, sagt der 88-Jährige und lacht ins Telefon.